17. April 2026, 16:30 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
„Günstig“ ist ein relativer Begriff: Was die eine Person noch als bezahlbar empfindet, kann für eine andere bereits zu teuer sein. Hinzu kommt, dass sich das allgemeine Kostenniveau europäischer Städte teils erheblich unterscheidet. Selbst innerhalb einer Stadt kann die Bezahlbarkeit abhängig von verschiedenen Faktoren stark variieren. Das britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ hat nun untersucht, in welchen europäischen Städten Einzelpersonen besonders günstig leben können – auf Basis ausgewählter objektiver Kriterien. TRAVELBOOK zeigt, wie eine deutsche Stadt dabei an die Spitze gelangt, doch geht auch auf bedeutende Einschränkungen der Analysemethodik ein.
Wer ungebunden ist und sich etwa im Rahmen einer Reise in eine Stadt verliebt hat, spielt womöglich mit dem Gedanken, sie zu seinem neuen Lebensmittelpunkt zu machen. Doch neben dem Herzen sollten bei einer solchen Entscheidung auch finanzielle Überlegungen eine Rolle spielen. Vielleicht geht es sogar ganz bewusst darum, an einen Ort, auszuwandern, an dem das Leben möglichst erschwinglich ist. Eine aktuelle Untersuchung von „The Economist“ über die günstigsten Städte für Alleinlebende in Europa liefert dafür Orientierung.
Details zur Analyse – und Erklärung des „Bradshaw Score“
Der Fokus der Untersuchung lag auf den Mietkosten für Einzimmerwohnungen, also auf Wohnraum für alleinlebende Personen. Sie stützt sich auf eine gängige Faustregel zur Wohnkostenbelastung. Wohnen gilt demnach als bezahlbar, wenn die Miete nicht mehr als 30 Prozent des Einkommens beansprucht. Als Grundlage dienten aktuelle Daten von Eurostat, der Statistikbehörde der Europäischen Union (EU). Darauf basierend wurde berechnet, welches durchschnittliche Einkommen in einer Stadt erforderlich ist, um die jeweilige Miete innerhalb der 30-Prozent-Grenze zu halten.
„The Economist“ hat für jede untersuchte europäische Stadt den sogenannten „Bradshaw Score“ berechnet. Falls es bei dem Namen bei Ihnen klingelt: Er gehört einer Hauptfigur der US-Serie „Sex and the City“ – Carrie Bradshaw (gespielt von Sarah Jessica Parker) –, die symbolisch für das Leben allein in einer Großstadt steht; in ihrem Fall New York.
Um den Bradshaw Score zu definieren, setzten die Analysten die ermittelten Mieten ins Verhältnis zum durchschnittlichen Einkommen. Also beispielsweise zeigt ein Score von 1 an, dass das Einkommen ausreicht, um die Miete bequem im Rahmen der 30‑Prozent‑Regel zu zahlen; Werte unter 1 weisen darauf hin, dass die Miete einen zu großen Anteil des Einkommens beansprucht. So soll der Score auf einen Blick vermitteln, wie finanziell tragbar die jeweilige Stadt für Alleinlebende ist.
Wichtig: Der Score sagt nichts über die absoluten Lebenshaltungskosten, die Wohnungsgröße oder die Lage innerhalb der Stadt aus. Er ist also eher ein Vergleichsmaßstab zwischen Städten als ein exaktes Maß dafür, wie „günstig“ oder „teuer“ das Leben vor Ort tatsächlich ist.
Das ist die günstigste Stadt Europas für Alleinlebende
Als günstigste Stadt in Europa für Alleinlebende ging aus der Untersuchung eine deutsche Großstadt hervor – genauer gesagt eine ehemalige Hauptstadt: Bonn (s. großes Foto oben); wegen zahlreicher UN-Agenturen oft als „Welthauptstadt für Nachhaltigkeit und Klimaschutz“ bezeichnet. Den Eurostat-Daten zufolge liegt das relative Verhältnis von Durchschnittseinkommen zur Einzimmermiete im europäischen Vergleich noch vergleichsweise günstig, was sich in einem Bradshaw Score von 1,33 widerspiegelt.
Hinter Bonn findet sich die französische Stadt Lyon ein, wobei „The Economist“ hier keinen konkreten Score frei zugänglich veröffentlicht hat. Bern, Brüssel und Helsinki vervollständigen die Top 5 der günstigsten Städte in Europa. Und noch eine weitere deutsche Stadt schaffte es in die Liste.
Diese Stadt hat die teuersten Mieten Europas – was das für Reisende bedeutet
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Die ganze Liste – und ein extra Blick auf Deutschland
Mit einem Bradshaw Score von 1,01 liegt die deutsche Hauptstadt Berlin auf Platz acht und schafft es damit gerade noch unter die laut Eurostat-Daten vergleichsweise günstigsten Städte in Europa. Das Durchschnittsgehalt beträgt hier rund 55.000 Euro, wie „Time Out“ schreibt – das Magazin hat auch über das „The Economist“-Ranking berichtet. Hieraus ergibt sich eine durchschnittliche Monatsmiete von 1350 Euro, die noch knapp (der Bradshaw Score liegt bei 1,01) innerhalb der 30-Prozent-Regel für Alleinlebende gedeckt werden kann.
Bevor Sie die Koffer packen und umziehen…
Ein Zusatz noch zu Bonn, der – zumindest was die Mieten betrifft – günstigsten Stadt in Europa für Alleinlebende. In deutschen Vergleichsstudien, die die Gesamtkosten des Lebens berücksichtigen, erscheint Bonn deutlich teurer. Analysen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), auf die unter anderem Radio Bonn verweist, berücksichtigen neben den Mieten auch Energie, Lebensmittel und weitere Lebenshaltungskosten. Demnach gehört Bonn innerhalb Deutschlands zu den teureren Städten, während der Rhein‑Sieg‑Kreis im bundesweiten Vergleich etwas günstiger abschneidet.
Die Diskrepanz erklärt sich durch die unterschiedlichen Perspektiven: „The Economist“ bewertet Bonn im europäischen Kontext speziell für Alleinlebende, während regionale Studien die Gesamtkosten für die Bevölkerung insgesamt betrachten – ein Aspekt, der im Alltag durchaus spürbar sein kann.