29. Oktober 2025, 17:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Die Bauarbeiten in Nusantara laufen weiter, doch so richtig hinziehen will niemand in die zukünftige indonesische Hauptstadt. Dagegen werden Befürchtungen laut, nach denen das Hauptstadtprojekt auf Borneo zur Geisterstadt verkommt. Woran das liegt, und warum der Inselstaat überhaupt eine neue Hauptstadt errichtet, lesen Sie bei TRAVELBOOK.
Futuristische Neubauten, Boulevards, Autobahnen, Krankenhäuser, Ministerien – vieles gibt es bereits zu sehen in Indonesiens neuer Hauptstadt Nusantara. Die wird seit nunmehr drei Jahren erbaut. Fertig ist sie längst nicht, doch wohnen und arbeiten kann man laut eines Artikels im britischen „Guardian“ in der Planstadt mitten im Dschungel Borneos bereits, obwohl an vielen Stellen weiterhin gebaut wird. Könnte, muss es vielleicht eher heißen, denn so richtig läuft das Leben in Nusantara nicht an. Stattdessen befürchtet man dort mittlerweile, dass die neue Hauptstadt Indonesiens zur Geisterstadt verkommt.
Übersicht
Weniger Geld und weniger Bedeutung
Indonesiens Präsident Prabowo Subianto hatte die finanziellen Mittel für Nusantara nach seinem Amtsantritt im Oktober letzten Jahres laut des „Guardian“ um mehr als die Hälfte gekürzt. Waren 2024 noch knapp 2,3 Milliarden Euro angesetzt gewesen, sollen in diesem Jahr nur noch knapp 800 Millionen Euro in den Aufbau der Stadt fließen. Für das kommende Jahr werden rund 340 Millionen Euro bereitgestellt. Beantragt hatte man offenbar das Dreifache. Zugleich blieben auch die privaten Investitionen zurück.
Bezweifelt wird offenbar, wie wichtig der indonesische Präsident selbst die neue Hauptstadt nimmt. Neben den finanziellen Kürzungen hatte er die Stadt, die auf Dauer Jakarta als Hauptstadt ersetzen soll (siehe unten), im Mai dieses Jahres zur „politischen Hauptstadt“ herabgestuft, wobei dies erst seit September offiziell ist. So degradierend die Herabstufung auf den ersten Blick erscheint, laut einem von der Zeitung befragten Verfassungsrechtler, hat die Bezeichnung der „politischen Hauptstadt“ im indonesischen Recht „keine Bedeutung“. Er sagt außerdem, Nusantara sei bereits vor ihrem neuen Titel eine Geisterstadt gewesen.
Aktuell leben laut der malayischen Zeitung „New Straits Times“ (NST) nur etwas mehr als 1000 Stadtverwaltungs-Angestellte, mehrere hundert Ministeriumsmitarbeiter sowie Angestellte des Dienstleistungs- und Gesundheitswesens in Nusantara. Hinzu kommen rund 8000 Bauarbeiter. Je nach Quelle weichen diese Zahlen ab. Klar dürfte jedoch sein, dass der Plan für die neue Hauptstadt von 1,2 Millionen Einwohnern im Jahr 2030 noch in weiter Ferne liegt. Bei der geplanten Fertigstellung im Jahr 2045 sollen 1,9 Millionen Menschen in Nusantara leben.
Wie groß sind die Probleme in Nusantara wirklich?
Die vom „Guardian“ befragten Projektverantwortlichen sehen offenbar kein Problem, sie halten weiter fest an der utopischen Planstadt. Statt gekürzt, habe man die Mittel umverteilt, heißt es in dem Artikel. Auch vom mangelnden politischen Willen und Baustopp könne keine Rede sein. Zugleich zitiert der Artikel verschiedene Menschen, die von Umsatzeinbußen und Rückgang des Arbeitskräftezustroms berichten, der in Nusantara bis zum Regierungswechsel im vergangenen Jahr beobachtet werden konnte. Die „Frankfurter Allgemeine“ schreibt, Nusantara sei „bekannt für Prostitution, Glücksspiel und eine Rattenplage“.
Was also ist wahr in Nusantara? Und vor allem: Was geschieht mit der neuen Hauptstadt, wenn sie tatsächlich irgendwann gebraucht wird?
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Hauptstadt Jakarta auf Java versinkt immer mehr
Die bisherige Hauptstadt Jakarta auf der Insel Java soll sukzessive aufgegeben werden. Grund dafür ist vor allem, dass die bisherige Hauptstadt langsam versinkt und bereits zwischen 20 und 40 Prozent der Stadt unter dem Meeresspiegel liegen. Bis 2050 könnte das gesamte Gebiet von Nord-Jakarta überflutet sein. Hinzu kommen Verkehrschaos und Smog in der Mega-Metropole mit elf Millionen Einwohnern (und sogar mehr als 32 Millionen in der Metropolregion).
Wenn sie fertig ist, soll Nusantara eine der grünsten Metropolen der Welt werden, so das Konzept der indonesischen Regierung. Umweltschützer haben Bedenken bezüglich des Mega-Projekts. Die Regierung dagegen preist die künftige Metropole als gleichermaßen nachhaltige wie innovative Smart City an. Ein urbanes Utopia, in dem sich Grünflächen und Natur mit High-Tech paaren. So sollen in Nusantara nur Elektro-Fahrzeuge erlaubt sein, und die gesamte Energie soll aus erneuerbaren Quellen stammen.
Aus dem Waldboden gestampft entsteht die Stadt in der Provinz Ostkalimantan auf einer stolzen Fläche von 256.000 Hektar (Berlin zum Vergleich: 89.200 Hektar). Drei Viertel der Fläche sollen als Waldfläche bestehen bleiben.
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Massive Abholzung einzigartiger Wälder in den 1980er Jahren
Borneo gilt als einzigartiges Naturparadies. Der Dschungel der südostasiatischen Rieseninsel ist die Heimat von Orang-Utans, von Borneo-Zwergelefanten, Nasenaffen, Nebelpardern sowie Nashornvögeln. Wie auch das Amazonasgebiet in Südamerika gelten Borneos Regenwälder als grüne Lunge der Erde – und als vielleicht letzter Garten Eden des Planeten. Aber zerstörerische Waldbrände und massive Rodungen setzen gerade dem besonders artenreichen Inselteil Kalimantan, der zu Indonesien gehört, seit Jahrzehnten schwer zu.
Umweltexperten warnen, dass gerade Ostkalimantan schon seit den 1980er Jahren unter starker Ausbeutung leidet. Unter dem damaligen Diktator Suharto, der bis 1998 regierte, seien mehr als 160 Forstkonzessionen an Geschäftsleute in Penajam Paser Utara und Kutai Kartanegara vergeben worden. Das sind genau die Bezirke, in denen Nusantara entsteht, sagt Uli Artha Siagian. Die Wald-Aktivistin arbeitet für Indonesiens führende Umweltgruppe Walhi.
Die Folge: Massive Abholzung der einzigartigen Wälder, die Ansiedlung von Bergbaubetrieben und zahlreiche Palmölplantagen haben der Natur schwer zugesetzt. „Umweltkatastrophen häufen sich in Ostkalimantan immer mehr“, betont Siagian. Denn Wälder haben eine Schutzfunktion als Barriere für den Abfluss von überschüssigem Wasser. Fehlen sie, sind Katastrophen vorprogrammiert.
Die Wahl als Standort für eine neue Hauptstadt fiel allerdings auch deshalb auf Borneo, weil hier laut dem ehemaligen Präsident Joko Widodo das Risiko von Katastrophen wie Überschwemmungen, Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen deutlich geringer ist. Rawanda Wandy Tuturoong, ein hochrangiger Berater des ehemaligen Präsidenten, versprach, dass die Wälder von Borneo geschützt werden. „Die neue Landeshauptstadt wird eine intelligente Waldstadt sein“, sagte er. „Und das ist besser, als dieses Gebiet unbebaut zu lassen.“
Mit Material von dpa