Bis zu 40 cm pro Jahr

Warum sich die Metropole Mexiko City dramatisch absenkt

Mexiko City
Die Millionen-Metropole Mexico City versinkt langsam immer mehr im Erdboden
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Viele historische Gebäude in Mexico City senken sich seit Jahren ab – teilweise mit einer hohen Geschwindigkeit. TRAVELBOOK erklärt, was hinter dem Phänomen steckt, was dagegen getan wird und warum das für die gesamte Stadt gefährlich werden kann.

Laut der spanischsprachigen Zeitung „Excelsior“ hat sich „DF“ (für Districto Federal, etwa Regierungsbezirk, Spitzname der Einheimischen für Mexico City) in den vergangenen 150 Jahren um bis zu 14 Meter abgesenkt, allein bei der Kathedrale im historischen Stadtzentrum waren es 12 Meter. Das Zentrum selbst sinkt um 5 bis 7 Zentimeter pro Jahr, viele Gebäude liegen heute bereits unter dem Niveau der sie umgebenden Straßen. An zahlreichen Fassaden haben sich tiefe Risse gebildet, Experten befürchten eine erhöhte Einsturzgefahr – zumal sich ein Erdbeben wie das vom 19. September 2017 wiederholen könnte.

Gigantischer Bedarf an Trinkwasser

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Die Kathedrale von Mexico City hat sich bereits um 12 Meter abgesenkt
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Der Grund für das starke Absinken der Gebäude ist, dass Mexico City sprichwörtlich nahe am Wasser gebaut ist: Als die Azteken an der Stelle der heutigen Stadt 1325 ihre Metropole Tenochtitlan errichteten, war diese noch von dem See Texcoco umgeben. Die Indios errichteten künstliche Inseln, um die Stadt wachsen zu lassen, im Zuge der Eroberung durch die Spanier wurde der See trocken gelegt – ein denkbar ungünstiger Boden als Grundstein der heutigen Megacity.

Schuld am Absinken ist jedoch eher ein Phänomen der jüngeren Stadt-Vergangenheit, nämlich ihr massiver Bedarf an Trinkwasser: 70 Prozent davon kommen laut der Geowissenschaftlerin Celia Carreón Freire aus dem Grundwasservorkommen unter Mexico City, wie sie „Notimérica“ sagte: „In den vergangenen 50 Jahren hat es eine massive Ausbeutung dieser Wasservorkommen gegeben.“ In der Folge senkte sich der Boden, derart destabilisiert, drastisch ab, denn die tonhaltigen Erdschichten wurden instabil.

„Dieser Prozess wird sich noch 100 Jahre fortsetzen“

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Die Basílica de Nuestra Señora de Guadalupe ist so stark einsturzgefährdet, dass man gleich daneben ein neues Gotteshaus errichtet hat.
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Auch Germán López Rincón, Professor für Geotechnik, bestätigt diese Ansicht gegenüber „Telemundo“: „Seit dem 19. Jahrhundert hat man dem Boden Wasser entzogen, um die Stadt zu versorgen. Selbst wenn man jetzt sofort damit aufhören würde, Wasser zu entnehmen, würde sich der Prozess des Absinkens noch die nächsten hundert Jahre fortsetzen.“ Die Stadt hat an für Besucher wichtigen Stellen bereits Maßnahmen getroffen: So wurde neben der für Gläubige bedeutenden Basílica de la Virgen de Guadalupe einfach ein neues, sicheres Gotteshaus gebaut, weil das Original zu stark einsturzgefährdet ist.

Von der Absenkung besonders stark betroffen ist die Gegend um den Flughafen der Stadt, und zwar mit einer Rate von 20-24 Zentimetern pro Jahr. Celia Carreón Freire sieht aber offenbar darin keine akute Gefahr für die Stadt: „Es ist ein sehr langsames Absinken, und gleichzeitig senkt sich ja auch der Boden um die betroffenen Gebäude, so dass sich diese quasi anpassen können.“ Und auch die Politiker sind sich ihrer Sache anscheinend so sicher, dass sie bereits 2018 zugaben, auch die Gegend, wo aktuell der neue Flughafen für Mexico City entsteht, senke sich ab, und zwar laut Präsident Andrés Manuel López Obrador gar mit einer Rate von bis zu einem Meter jährlich.

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Er wiederum hatte noch während des Wahlkampfes 2018 versichert, mit ihm als Regierungschef würde es diesen Flughafen nicht geben – er sei schlicht zu teuer, stattdessen könnte man den alten intensiver nutzen bzw. auf das Areal des 40 Kilometer von Mexico City entfernten Militärflughafen Santa Lucía ausweichen, und dort zwei neue Landepisten errichten. In einem Beitrag auf seiner offiziellen Facebook-Seite schrieb er bereits 2018: „Der neue Flughafen ist ein Fass ohne Boden, ein Raubüberfall der Mafia der Mächtigen auf das Volk und die gesamte Nation.“

„Nicht geeignet“

Ein Regierungsbeamter sagte zu dem Thema der Zeitung „EFE“: „Ja, das Gelände, wird sich absenken, aber sehr gleichmäßig.“ Den Bau des Flughafens deshalb aufzugeben, betrachteten zahlreiche Politiker demnach als nicht weniger als Verrat am Fortschritt des Landes. Wissenschaftler der UNAM-Universität in Mexico City schlagen derweil aber Alarm – in einem Tweet heißt es: „Der Boden ist nicht nur der am wenigsten geeignete, sondern der schlechteste, auf dem man einen Flughafen bauen könnte. Eine Arbeit dieser Größenordnung erfordert einen festeren, solideren Boden, diese Fläche ist allerdings zu instabil für ein Projekt von dieser Größe.“

 

Das Phänomen des Absenkens von Gebäuden in und um Mexico City ist schon lange bekannt, wie ein akademisches Thesenpapier aus dem Jahre 2009 zeigt, aus dem „Excelsior“ zitiert. Darin heißt es unter anderem zu möglichen Gefahren für die Stadt, Wasserleitungen, aber auch Gebäude könnten einstürzen.

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Noch zahlreiche andere Städte sind betroffen

Weiterhin heißt es, das Absenken und seine Folgen würden Millionenkosten verursachen und die Gebäude zudem besonders anfällig für Erdbeben machen. Zumindest aber könnten sich Gebäude deformieren und so Schaden nehmen. Wissenschaftler suchen bereits seit Langem nach Lösungen für dieses Problem: Eine davon wäre, die massive Trinkwasser-Entnahme zu stoppen, doch das ist bei einer stetig wachsenden Bevölkerung kaum durchzusetzen. Eine realistischere Alternative wäre, den Boden durch Auffüllung wieder soweit zu stabilisieren, dass das Absinken gestoppt wird.

Ein dritte Möglichkeit beinhaltet künstliche Gitternetze unter der Erde, an denen sich der tonhaltige Boden unter der Stadt stauen und so bei Regen Feuchtigkeit aufnehmen kann, was ihn langfristig wohl wieder stabilisieren würde. Mexico City ist nicht die einzige Metropole weltweit, die von sich dramatischen Absenkungen betroffen ist: Unter anderem leiden unter dem Phänomen auch Städte wie Venedig, Taipeh, Peking oder Murcia.

 

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