23. April 2026, 13:17 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Venedig senkt sich immer weiter ab, während der Meeresspiegel steigt. Ein Forschungsteam hat jetzt die Optionen durchgespielt, auch die Verlegung der Stadt wurde dabei besprochen. Die Infos auf TRAVELBOOK.
Schon im vergangenen Jahr berichteten wir bei TRAVELBOOK von den Plänen einer möglichen Anhebung der italienischen Lagunenstadt Venedig, das Forscherteam um Piero Lionello der Universität Salento geht jetzt einen großen, weit radikaleren Schritt weiter. In einem in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Scientific Reports“ erschienen Bericht erklärte er, die „erheblichen Risiken, die der anhaltende und prognostizierte Meeresspiegelanstieg für Venedig und seine Lagune birgt, erfordern beispiellose, langfristige Anpassungsstrategien.“ Greifen die aktuellen und zukünftigen Hilfsmaßnahmen nicht oder lassen sich die Umweltauswirkungen nicht mindern, die zum Absinken der beliebten italienischen Stadt führen, könnte nur noch ein Rückzug, also die Verlegung Venedigs, bleiben.
Warum Venedig sinkt
Die italienische UNESCO-Welterbestadt, die laut den Forschern pro Jahr mehr als 22 Millionen Besucher anzieht, liegt nur knapp oberhalb des Meeresspiegels. Das allein ist angesichts seines steten Anstiegs schon kritisch. Laut dem Forscherteam lag mehr als die Hälfte Venedigs im Jahr 2020 gerade einmal zwischen 80 Zentimetern und 1,20 Metern über dem Meeresspiegel. Bis 2100 erwarten die Forscher einen Anstieg von 0,42 bis 0,81 Metern gegenüber dem Beginn des Jahrhunderts. Für Venedig bedeutet das, „dass ohne Schutzmaßnahmen täglich bei den astronomischen Gezeitenmaxima 15 Prozent, 70 Prozent beziehungsweise 98 Prozent des Stadtzentrums überflutet würden“, heißt es in der Studie. Bis 2300 könnte der globale Meeresspiegel je nach Emissionsszenario um 0,3 bis 3,1 Meter (niedrig) beziehungsweise 1,7 bis 6,8 Meter (sehr hoch) steigen. Möglicherweise auch darüber hinaus.
Neben dem weltweit ansteigenden Meeresspiegel hat Venedig mit einem zweiten Problem zu kämpfen: Der Boden unter der Lagunenstadt senkt sich kontinuierlich ab. Die Folge beider Begebenheiten sind für Venedig bereits seit gut 150 Jahren Überschwemmungen. Laut der Studie standen allein in den letzten 23 Jahren 18 Mal mehr als 60 Prozent der Stadt unter Wasser.
Das passiert aktuell
2022 wurde ein System mobiler Barrieren, das sogenannte Modulo Sperimentale Elettromeccanico (kurz MoSE) eingesetzt, das große Überschwemmungen verhindern soll. „MoSE verschließt bei Sturmfluten die drei Laguneneinlässe“, erklären die Forscher. Im Normalzustand liege das System am Meeresgrund, sodass Schifffahrt und Wasseraustausch mit dem offenen Meer problemlos möglich seien.
Das Barrierensystem funktioniere gut und schütze Venedig bislang, die Forscher rechnen jedoch damit, dass seine Funktion angesichts des Meeresspiegelanstiegs begrenzt sei, da durch vermehrte Schließungen Fehlfunktionen und Betriebsverzögerungen wahrscheinlich würden. Dadurch werde schließlich „der Schutz der Denkmäler und die Sicherheit der Anwohner beeinträchtigt“. Darüber hinaus ergeben sich laut den Forschern Probleme für den Hafenbetrieb, für die Ökosysteme sowie das Abwassersystem. Schlussendlich führe das alles außerdem zu Kosten in Milliardenhöhe. Eine Überlegung an dieser Stelle ist die Verlegung des Hafens. Auch andere Maßnahmen wie die Anhebung der Lagune (siehe oben), einzelner Bereiche und der Bau von Schutzbauten könnten helfen, die Strategie der offenen Lagune noch zu verlängern. Die Forscher diskutieren in dem Bericht zudem den „Abriss und Wiederaufbau einzelner Gebäude an Ort und Stelle“ auf einem erhöhten Fundament. Dadurch rette man jedoch nicht die Stadt, sondern nur die wichtigsten Denkmäler, heißt es.
„Angesichts der derzeit unzureichenden Klimaschutzmaßnahmen dürfte die aktuelle Strategie der offenen Lagune mit mobilen Barrieren und vielfältigen Anpassungsmaßnahmen noch in diesem Jahrhundert an ihre Grenzen stoßen“, resümieren die Forscher.
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Diese anderen Maßnahmen könnte es geben
Eine der möglichen Folgestrategien sind sogenannte Ringdämme. Hierbei isoliert man das Stadtzentrum sowie weitere Siedlungen vom Rest der Lagune. Die Lagune bliebe weiterhin mit dem offenen Meer verbunden. Dadurch würden „Denkmäler, Wohngebiete und die meisten wirtschaftlichen Funktionen“ bewahrt bleiben. Verändern würde sich jedoch „das traditionelle Landschaftsbild und die physische und kulturelle Verbindung zwischen Stadt und Lagune“, heißt es in dem Bericht. Auch auf den Tourismus würde das veränderte Bild Einfluss nehmen, vermuten die Forscher. Außerdem sei der Aufbau eines effizienten städtischen Abwasser- und Pumpensystems notwendig. Auch dieses System verursacht Kosten in Milliardenhöhe.
Eine zweite mögliche Folgestrategie ist die Schließung der Lagune selbst mithilfe von Küstendämmen. Die Lagune würde dann in einen Küstensee verwandelt, „ähnlich der Marina Bay in Singapur und dem IJsselsee in den Niederlanden“, heißt es in der Studie. In der geschlossenen Lagune blieben das kulturelle Erbe und die Wohngebiete sowie entsprechend die touristischen Aktivitäten erhalten, das Stadtbild bliebe unverändert. Geopfert würde jedoch das natürliche Ökosystem der Lagune. Auch hier müsste man neue Maßnahme zur Kontrolle der Wasserqualität innerhalb der Lagune schaffen und den Hafen verlegen. Einmal mehr lägen die Kosten in Milliardenhöhe.
Wenn alles schiefgeht – die Verlegung Venedigs
All diese Strategien können helfen, manche länger, manche weniger lange. Steigt der Meeresspiegel jedoch extrem an, hält dem keine von ihnen Stand, schreiben die Forscher. Die einzige Alternative, um Venedig dann noch zu retten, sei die Verlegung der Denkmäler ins Landesinnere. In dieser Strategie würden sowohl die Bewohner Venedigs umziehen als auch ausgewählte Denkmäler und Gebäude. „Das historische Stadtbild, die lagunenbezogene Kultur, traditionelle Lebensweisen und die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten“ gingen dahingegen „unwiederbringlich verloren“, schreiben die Forscher.
Die Alternative scheint jedoch ungleich schlimmer. „Ohne aktives Management würde ein erheblicher Meeresspiegelanstieg die heutige Lagune in ein tieferes Meeresgebiet verwandeln, in dem nicht-heimische Arten, wärmeres und salzhaltigeres Wasser ein neues Ökosystem schaffen würden, das sich grundlegend von der historischen Lagune unterscheidet, die Venedigs kulturelles und natürliches Erbe geprägt hat“, heißt es in dem Bericht. In diesem Zukunftsszenario würden neue Wohngebiete entstehen, die andernorts neu errichteten Denkmäler könnten ebenso von Touristen besichtigt werden wie die überfluteten Überreste mittels Booten und U-Booten. Für die Bewohner Venedigs sehen die Forscher so oder so keine leichte Zukunft voraus: „Die Bewohner könnten entweder allmählich wegziehen, da sich die Gebiete mit zunehmender Überflutung verkleinern (…) oder abrupt nach Katastrophenereignissen, verursacht durch das Versagen des implementierten Schutzsystems.“
Ein bisschen Zeit bleibt allerdings noch und wir hier und heute werden von dem wohl nichts mehr mitbekommen. Die Forscher erklären, die Verlegung Venedigs „könnte im 22. Jahrhundert angesichts der aktuellen Klimapolitik und eines Zusammenbruchs des antarktischen Eisschildes unausweichlich werden“. Schnelle Gegenmaßnahmen wären jedoch in der Lage „die gravierendsten langfristigen Folgen noch abzuwenden.“