9. August 2026, 7:58 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
In keiner anderen europäischen Stadt war unser Autor in den vergangenen 25 Jahren wohl so häufig zu Gast wie in Prag. In dieser Zeit erlebte er den Wandel von der immer schon sehr gut besuchten Metropole zum hoffnungslos an Overtourismus leidenden Trendziel. Entsprechend wenig begeistert war er vorab, als eine kürzlich unternommene Reise ihn wieder in die tschechische Kapitale führen sollte. Was er dann jedoch vor Ort erlebte, war eine echte Überraschung, und so verliebte er sich tatsächlich neu. Wie es dazu kam, lesen Sie hier.
Schaut man sich einmal die Metropolen in Europa an, die seit Jahren unter zu vielen Touristen geradezu ächzen, dann dürfte die tschechische Hauptstadt Prag ganz vorne mit dabei sein. Laut der offiziellen Tourismuswebsite des Landes besuchten 2025 acht Millionen Menschen die wunderschöne Stadt an der Moldau, die gerade einmal etwa 1,4 Millionen Einwohner zählt. Ich selbst war in meinem Leben wohl in keiner anderen City auf unserem Kontinent so häufig wie in Prag, und dementsprechend hätte ich sie wohl auch in den nächsten Jahren nicht mehr unbedingt besucht. Umso frustrierter war ich, als kürzlich ein regelmäßig stattfindendes Treffen mit einer internationalen Gruppe von Freunden ausgerechnet dort starten sollte. Doch dann erlebte ich eine große Überraschung.
Spoiler-Alarm: Ich erlebte die Stadt, in der ich vermeintlich schon jede Ecke kannte, von einer ganz anderen, aufregenderen Seite, als ich es je für möglich gehalten hätte. Und verliebte mich komplett neu in ihren Charme, der ja seit jeher Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Was ich während meiner insgesamt drei Tage kennenlernen durfte, war ein mitunter ruhigeres Prag, als ich es bislang kannte. Eine Metropole von internationalem Rang mit berühmten Sehenswürdigkeiten, in der ich trotz der Massen Luft zum Atmen und zum Neuentdecken fand. Eine City, deren geradezu magische Strahlkraft mich mit ihren jahrhundertealten Mauern, aber auch mit neuen Orten wieder in ihren Bann zog.
Cooler Außenbezirk
Los ging das Abenteuer in dem von studentischem Leben geprägten Prager Viertel Žižkov, in das man vom Hauptbahnhof der Stadt in weniger als 20 Minuten zu Fuß gelangt. Alte, schäbig-coole Bausubstanz, an den Eingangstüren unzählige Schlüsselkästen mit Zahlencode, was auf eine rege Vermietung von Ferienwohnungen schließen ließ. Bei sommerlicher Gluthitze von fast 40 Grad sämtliche Fenster offen, auf den Straßen dagegen Leere, eine träge Vorabendstimmung hatte von dem Bezirk Besitz ergriffen. Graffiti an den Wänden, die zahlreichen Bars bereiteten sich schon auf die nächtlichen Gäste vor. Hier deutete nichts, aber auch gar nichts auf das monumentale Prag hin, welches man in der Altstadt der Kapitale findet.
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Genau hierhin zog es mich nun zu Fuß, nachdem ich schnell meine Sachen in einem Apartment abgestellt hatte, das einer meiner Freunde für uns, fünf Jungs, gemietet hatte. Und das in der Vergangenheit wohl zweifellos bereits mehrfach ein Tatort gewesen sein muss, so gruselig kam es daher. Aber nur gut 100 Euro für zwei Nächte und fünf Personen, wer würde da bei den heutigen Preisen meckern? In der goldenen Abendsonne, jetzt etwas kühler, machte ich mich auf den Weg in die Prager Altstadt, zu Fuß eine Strecke von etwa 40 Minuten. Und schon unterwegs flüsterte mir etwas zu, dass dies eine Chance sein könnte, die City noch einmal ganz neu zu entdecken.
Orte ohne Touristen
Und das tat ich dann auch, nämlich durch die Augen meines begeisterten portugiesischen Freundes, der mehr als 20 Jahre nicht mehr hier gewesen war. Natürlich hakten wir zuerst einmal die Dinge ab, die man in Prag einfach machen muss. So schlenderten wir als Erstes über die wirklich erhabene Karlsbrücke, ein Monument, man kann es nicht anders sagen. Die Blicke von hier aus auf den Schlossberg, den Fluss und den Rest der Stadt sind einfach atemberaubend. Dann zog es uns zum weltberühmten Uhrenturm am Rathaus, wo sich zu jeder vollen Stunde zu Musik Figuren zeigen, und dabei jedes Mal aufs Neue wahre Massen an Besuchern verzaubern.
Unterwegs staunten wir darüber, wie sehr sich die Altstadt als solche in unseren Augen gewandelt hatte. Gefühlt jeder Laden schien jetzt entweder Eis, Marihuana oder den legendären Baumstriezelkuchen Trdelnik zu verkaufen. Eine erste Station war für uns das „Café Husovka“, wo ein Innenhof wie durch ein Wunder fast jeden Lärm der trubeligen Straße schluckt. Ein günstiges tschechisches Bier, für mich alkoholfrei, schon ging es weiter durch die Straßen, einfach neu entdecken, sich treiben lassen. Hier oder da ein Eiskaffee oder, ganz trendig, ein Ice Matcha Latte. Schon war es Zeit für ein Abendessen in einem namenlosen Restaurant, dessen Speisekarte es nur auf Tschechisch gab. Andere Touristen? Fehlanzeige.
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Prag – die schönsten Sehenswürdigkeiten und spannendsten Aktivitäten
Neue Perspektiven
Am nächsten Morgen dann eine längere Fahrt mit einer der liebenswerten alten Trams, die auf den Straßen von Prag verkehren. Ein steiler Aufstieg zu Fuß zum Schlossberg, wo mein Freund unbedingt die dortige Kirche besuchen wollte. Die gibt es jedoch nur im Paketpreis für den gesamten Komplex, für unser Verständnis mit umgerechnet 19 Euro dann doch etwas zu teuer. Stattdessen zog es uns in die weitläufige Gartenanlage der Prager Burg, wo wir wiederum fast alleine waren. Der Abstieg in die Altstadt eröffnete dann aufs Neue Perspektiven der Stadt, wie ich sie so noch nie gesehen hatte. Und ja, man kann es nicht anders sagen, Prag ist einfach wunderschön.
Später am Nachmittag komplettierten unsere anderen drei Freunde unser Quintett, und von da an hielten wir uns quasi nur noch abseits der Altstadt auf. Auch die anderen Jungs wollten Prag neu entdecken, zum Beispiel in dem sehr leckeren und günstigen Restaurant „U Mariánského obrazu“, wiederum in unserem „Heimatbezirk“ Žižkov. Dort gibt es typisch tschechische Küche in altehrwürdigem Ambiente. Das Lokal existiert bereits seit über 100 Jahren, irgendetwas müssen sie also richtig machen. Deutlich neuer ist die trendige Craft-Beer-Brauerei „Dva Kohouti“ in fußläufiger Nähe. Hier gibt es frische Kreationen zu ohrenbetäubenden Techno-Klängen.
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Eine wichtige Lektion
Am meisten genoss ich jedoch einen Aufenthalt auf einer der beiden Inseln in der Moldau namens Střelecký ostrov. Von hier aus hat man einen tollen Blick auf die Karlsbrücke und die Prager Altstadt. Und kann sich bei heißem Wetter sogar mit einem kleinen Bad in der Moldau abkühlen. Auch hier war es erstaunlich leer, schmeckte der sommerliche Eiskaffee gleich noch einmal besser. Auf der Nachbarinsel, Slovanský ostrov, lassen sich Tretboote mieten. Mit denen schippern dann zahllose Menschen vor allem in den Abendstunden über den Fluss. Trotz der einmaligen Lage geht es auf den beiden Eilanden vergleichsweise sehr ruhig zu.
Es war dieser frische Wind an Entdeckungen, der meine Liebe zu Prag wieder erblühen ließ. Die Begeisterung darüber, in einer Stadt, die ich vermeintlich so gut kannte, doch wieder so viel Neues finden zu dürfen. Eine Erfahrung, die mir auch insgesamt eine wichtige Lektion lehrte. Nämlich, einen Ort immer mit offenen Augen und offenem Herzen zu betrachten. Egal, wie oft man nun vielleicht schon dort gewesen ist. Es sind der persönliche Blickwinkel und die Einstellung, die die Macht haben, alles zu verändern. Und wer weiß, vielleicht versuche ich das Ganze ja dann bald auch mal in meiner Heimatstadt Berlin. Die soll ja auch ganz spannend sein. Hört man zumindest immer wieder von Touristen und Zugezogenen.