31. Mai 2026, 7:26 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Der Praia de Monte Clérigo wurde 2026 zum besten Strand Europas gekürt. Wird er diesem Titel gerecht? TRAVELBOOK-Autorin Anna Chiodo (früher Anna Wengel) hat jahrelang in der Nähe gelebt und gibt eine Einschätzung.
Hach, Monte Clérigo, wenn ich nur seinen Namen lese, wird mein Herz wehmütig, füllt sich mit Sehnsucht, während mein Gesicht gleichzeitig ein seliges Lächeln überzieht. Habe ich jetzt schon verraten, wie sehr ich diesen Strand liebe? Oh, well. Ich gebe es ehrlich gerne zu: Könnte man einen Strand heiraten, dieser wäre der mir Angetraute, bis dass der Tod uns scheidet – und gerne auch darüber hinaus. Dass ich diesen Strand von ganzem Herzen liebe, ist also nur leichtfüßig untertrieben.
Ich habe zwei Jahre in seiner Nähe gelebt und ihn manchmal sogar mehrmals am Tag besucht. Viele Jahre davor und danach bin ich wochen- und monatsweise irgendwo in der Nähe untergekommen, um diesen meinen geliebten Strand täglich sehen zu können. Angefangen hat unsere Geschichte übrigens mit einer Woche, in der ich im Auto einer Freundin sogar direkt auf seinem Parkplatz gewohnt habe. Man mag also sagen, ich kenne den Praia de Monte Clérigo einigermaßen gut. Deshalb fühle ich mich auch bemüßigt, mir ein Urteil zu erlauben über eben jenen Strand und seine Nominierung zum besten Europas. Zu diesem hat ihn kürzlich die Reiseorganisation European Best Destinations gekürt (TRAVELBOOK berichtete). Hält der Strand an der Costa Vicentina im Südwesten Portugals diesem Titel stand?
Monte Clérigo ist Europas bester Strand 2026
Bevor ich meinen eigenen Senf untermische, drehen wir die Antwort auf diese Frage doch ein wenig hin und her. Was macht einen „besten Strand“ aus? Gibt es dafür eine festgelegte Formel – oder ist es nicht doch eine sehr subjektive Antwort, je nachdem, was man für Strände mag? Ich deute auf Letzteres. Schließlich gibt es Menschen, die kleine, einsame Buchten bevorzugen, andere lieben kilometerlange Sandstrände, an denen sie kein Ende sehen können. Wieder andere wollen aufgeräumte, saubere Strände mit einer Strandpromenade und etlichen Einrichtungen, von sauberen Toiletten bis hin zu einer großen Auswahl an Geschäften, Restaurants und Cafés. Und dann gibt es noch die, die den Strand gerne als eigenen Club oder Bar nutzen und dort mit möglichst vielen feiern oder sich Handtuch an Handtuch aneinanderkuscheln möchten. Kurzum, wir alle haben wohl unser eigenes Bild von einem idealen Strand. Sicher nicht alle würden Monte Clérigo entsprechend wählen, ist er vieles, von dem ich gerade schrieb, nicht.
Ich persönlich würde meinen Traumstrand etwa so beschreiben: Umrahmt von dramatischen Klippen, weicher Sandstrand, groß genug, dass ich dort spazieren gehen kann, trotzdem überschaubar. Dann soll es bitte keine Hochhäuser oder überhaupt zu viele Häuser in seiner Nähe geben, ein paar wenige Cafés oder Restaurants dürfen aber gerne sein. Und ich möchte weder Autos noch zu viele Menschen in der Nähe wissen. Perfekt macht es dann das Meer: Ich liebe Wellen und kann damit optisch mehr anfangen als mit seichtem, wellenarmem Wasser. So ungefähr. Ziemlich genau so: Der Praia de Monte Clérigo an der Algarve. Daher ist für mich ganz allein – ebenso wie für etliche Freunde, Bekannte und Gäste Aljezurs und Vale da Telhas – die Antwort klar: Ja, Monte Clérigo kann nur der beste Strand Europas sein. Mittlerweile allerdings mit Einschränkungen.
Auch interessant: Aljezur – eine Liebeserklärung an den Auswanderer-Hotspot
Die 20 schönsten Strände in Portugal
Gekürt! Das ist der neue beste Strand Europas
Was für Monte Clérigo als besten Strand spricht
Der Praia de Monte Clérigo ist ein weitläufiger und zugleich recht überschaubarer Strand, der in einer hübschen Fast-Sichelform an den tosenden Wellen des Atlantiks liegt. Je nach Wellensituation tummeln sich in diesen die Surfer. Auch ich selbst habe hier meine ersten Surfversuche unternommen. Es kann vorkommen, dass die Wellen durch die Winde so sehr zerpeitscht werden, dass sich die Surfer fernhalten. Die findet man dann meist am benachbarten und bekannteren Strand Praia da Arrifana.
Die Westseite Monte Clérigos zieren hübsche, kleine, bunte sowie ein paar weiße Häuser, die meines Wissens nach mittlerweile überwiegend vermietet werden. Sie sind direkt in und an die Klippe gebaut, die sich hinter ihnen noch ein Stück in die Höhe zieht. Auf dieser Seite des Strands finden sich auch die drei Lokale Monte Clérigos: das inzwischen reichlich poshe O Sargo – hier sind Essen und Aussicht ein Traum, die Preise in den vergangenen Jahren aber deutlich angezogen –, das weiterhin klassisch portugiesische Restaurant O Zé sowie das hipsterig anmutende Café A Rede gegenüber.
Der Strand selbst ist golden und weich, schmiegt sich an seiner Ostseiteseite zunächst an Dünen und dahinter an dramatisch anmutende Klippen. Die Straße verläuft um den Strand herum, geziert von wenigen, kleinen Häusern, die ebenfalls überwiegend an Feriengäste vermietet sind. Man hört sie aber kaum. Zum einen sind die Wellen oftmals zu laut, zum anderen gibt es in jeder Richtung nur eine Spur. Stau habe ich hier selten erlebt. An der Straße befinden sich hinter dem Restaurantparkplatz ein oder zwei Surfschulen sowie ein paar weitere, ebenfalls meist einstöckige Häuser.
Es ist nicht viel, was man am Praia de Monte Clérigo an Einrichtungen erwarten sollte. Ich persönlich empfinde sie als ausreichend, das dritte Café bei seiner Eröffnung damals schon fast als zu viel.
Auch interessant: Leben, wo andere Urlaub machen? Ich habe es ausprobiert
Was gegen Monte Clérigo als besten Strand Europas spricht
Die Menschen. Nein, nicht alle natürlich und auch kein einzelner. Aber die Masse an Leibern, die diesen zauberhaften Strand im Sommer bevölkern, dann doch. Der Strand bleibt so schön wie eh und je. Aber er ist mittlerweile einfach zu bekannt. Von Geheimtipp kann längst keine Rede mehr sein. Zu viele wollen in den Sommermonaten auf ihm liegen, laufen, spielen und an ihm surfen. Die Folge sind hügelaufwärts verlaufende Autoschlangen und zu wenig Ruhe.
Für mich persönlich macht den Charme Monte Clérigos neben seiner pittoresken Aufmachung vor allem das aus: die vielen Momente, die ich hier mit mir ganz allein oder mit ebenfalls Stille genießenden Freunden verbringen durfte. Melancholisch, innig, verbunden, mit mir und diesem traumhaften Ort. Ganz besonders die Sonnenuntergänge sind magisch in Monte Clérigo, taucht sich der Strand nicht nur in das romantischste Licht, er verändert seine und meine Stimmung. Fast genauso schön waren die Morgenstunden hier, an denen ich den Strand oft für mich allein hatte. Allein hier laufen, Meersalz im Gesicht und an den Füßen, Frische um mich herum. Diese Momente sind seltener geworden. In der Hochsaison sind sie kaum noch möglich.
Würde ich meinem geliebten damaligen Hausstrand deshalb den Titel des besten Strands Europas aberkennen? Auf gar keinen Fall. Ich verstehe, wieso ihn alle lieben. Ich teile nur nicht so gerne, zumindest ihn nicht.