Am Westkreuz in Bochum

Ist das die unnötigste Aussichtsplattform Deutschlands?

Es gibt in Deutschland viele Aussichtsplattformen. Sie bieten Ausblicke über Täler und Berge, weite Felder, Flüsse, Seen und Meere. Oder eben über die Autobahn 40 bei Bochum. Richtig gelesen, dort steht eine Plattform, die vielleicht die hässlichste Aussicht Deutschlands bietet. TRAVELBOOK hat sie sich genauer angeschaut.

 Das ist etwas überspitzt, denn sogar Bochum hat einige hübsche Ecken. Doch dass genau an dieser Autobahn eine Aussichtsplattform steht, ist schwer zu verstehen. Und zwar aus vielerlei Gründen.

Warum steht eine Aussichtsplattform an der Autobahn?

Zunächst die offensichtliche Frage: Warum baut man eine Aussichtsplattform an einem Autobahn-Dreieck? Darauf weiß Susanne Schlenga von Straßen.NRW, dem Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen, auf Nachfrage von TRAVELBOOK eine Antwort: „Es bestand großes öffentliches Interesse an der Autobahn, schon bevor die Arbeiten beendet waren.“ Der neue Verkehrsknotenpunkt „Westkreuz“ mit der Aussichtsplattform ist seit 2015 in Betrieb. Das öffentliche Interesse kam auch daher, dass die Autobahn verantwortlich für viele Staus im Ruhrgebiet und daher weit bekannt ist. Allerdings ist das noch kein Grund, sie von einer Aussichtsplattform aus betrachten zu wollen.

Auf einen Blick: Die besten Reise-Storys und -Angebote der Woche gibt’s im kostenlosen TRAVELBOOK-Newsletter!

Es wird allerdings noch viel skurriler: Denn die Menschen, die das neue „Westkreuz“, wie das Dreieck genannt wurde, wirklich betrachten wollen, könnten das auch von der Brücke aus der tun. Welcher Brücke? Nun die, die geschätzte zwei Meter entfernt ist und von der aus der Blick auf die Autobahn identisch, wenn nicht sogar besser ist. Davon können Sie sich im Video oben überzeugen. Auch Andrea Defeld vom Bund der Steuerzahler NRW ist entrüstet: „Es ist nicht verständlich, warum hier für so viel Geld noch zusätzlich diese Aussichtsplattform errichtet werden musste.“ Die Aussichtsplattform wurde zu rund 91 Prozent vom Bund finanziert.

Die besten Reisetipps für das Ruhrgebiet

Autobahn-Interessierte sollen angeblich geschützt werden

Doch der Blick von der Brücke ist angeblich riskant – schließlich ist sie Teil eines vielbefahrenen Autobahnzubringers, worauf man bei Straßen.NRW hinweist. Die Frage, warum man nun ausgerechnet hier eine Aussichtsplattform braucht, noch dazu eine, die nicht ausgeschildert ist, in deren Nähe es keinen Parkplatz gibt und an der nur sehr wenige Fußgänger vorbei kommen, lässt sich nicht beantworten.

Es gibt aber laut Straßen.NRW noch eine weitere Daseinsberechtigung für die Plattform, die ebenfalls mit der Gesundheit der wenigen Passanten zusammenhängen soll. Potenzielle Besucher könnten nämlich versucht sein, auf den Hügel hinter der Plattform zu klettern und dieses Risiko sei, so die Sprecherin von Straßen.NRW, dank der Plattform nun geringer. Aber: Abgesehen davon, dass vermutlich wegen der oben erwähnten Brücke nur sehr wenige Menschen überhaupt in Betracht ziehen werden, den Hügel zu erklimmen, ist genau das nun nach Ansicht von TRAVELBOOK sogar noch leichter.

Anzeige: 4 Tage im 4*-Hotel in Berlin inkl. Zug, Frühstück & Extras ab 249€ p.P.

Zur Erklärung zwei Szenarien, die beide den unwahrscheinlichen Fall voraussetzen, dass jemand unbedingt einen erhöhten Blick auf das Westkreuz braucht und die Brücke ignoriert.

Situation 1: Ein Fußgänger läuft an dem Hügel vorbei und will ihn erklimmen. Dank der Treppe hoch zur Aussichtsplattform erspart er sich, einen großen Teil des Hügels zu erklettern, es wird ihm also erleichtert, auf den Hügel zu gelangen. Situation 2: Ein Fußgänger steigt auf die Aussichtsplattform. Oben angelangt möchte er vielleicht einen noch besseren Blick haben. Nun kann er ganz mühelos über das Geländer der Plattform steigen. So oder so: hier wurde mehr geholfen als abgehalten.

Kosten für die Plattform: 58.000 Euro

Eine Bevölkerungsgruppe, die vermutlich besonders gefährdet wäre, sind Fotografen. Diese gehören nämlich scheinbar zu den großen Fans der neuen Aussichtsplattform. Susanne Schlenga erklärt: „Auf der Plattform kann man mit Langzeitbelichtung arbeiten. Das geht auf der Brücke zum Beispiel nicht, weil sich das Bauwerk dort zu sehr bewegt“.

Allerdings gibt es die, zugegebenermaßen schönsten Fotos, die man von der A40 überhaupt machen kann, nicht nur von der Aussichtsplattform in Bochum. Auf Instagram findet sich das Motiv auch aus anderen Städten, wie etwa Essen. Andrea Defeld vom Bund der Steuerzahler NRW ist empört: „Es ist ganz bestimmt nicht Aufgabe der Steuerzahler, hier eine Plattform für Fotografen zu errichten.“

Ganz grundsätzlich stellt sich natürlich noch die Frage: Sind die Fotografien, so hübsch sie auch sein mögen, 58.000 Euro Wert? So viel hat das Bauwerk die Steuerzahler nämlich gekostet.

Spannende Videos rund ums Thema Reisen gibt’s übrigens auf unserem YouTube-Kanal – hier abonnieren!

TRAVELBOOK war vor Ort und findet: nein. Wie trist – und vor allem laut – es an der Aussichtsplattform wirklich ist, sehen Sie oben im Video.

Themen