10. Oktober 2026, 7:16 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
In der liechtensteinischen Gemeinde Balzers thront auf einem Hügel über dem Rheintal weithin sichtbar die Burg Gutenberg. Spuren der Besiedlung des Ortes lassen sich bis in die Jungsteinzeit belegen, und im Laufe der Jahrhunderte erlebte das Gemäuer ein wechselhaftes Schicksal. Besonders verbunden ist es bis heute mit dem Einheimischen Egon Rheinberger, der sich mit dem Wiederaufbau der verfallenen Festung auf beeindruckende Weise einen Lebenstraum erfüllte. Unser Autor hat vor Ort nach Spuren gesucht.
Da war sie also, weithin sichtbar bereits aus der Ferne, die Burg Gutenberg im liechtensteinischen Balzers. Vier Tage war ich zu Fuß durch das Land gelaufen, der Ort und die auf einem 60 Meter hohen Hügel über dem Rheintal thronende Festung begrüßten mich jetzt zum Abschluss meiner Tour. Natürlich war mir klar, dass ich für ein würdiges Ende der Wanderung auch den Burgberg erklimmen und das alte Gemäuer besuchen würde. Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich aber noch nichts von der besonderen Geschichte des Ortes, die sich bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen lässt. Als Nostalgiker und Fan von Burgen dachte ich zunächst einfach nur, dass ich mir das Ganze doch mal aus der Nähe anschauen wollte.
So also noch ein letztes Mal kurz schnaufen, in gewundenen Pfaden führte ein schattiger Weg zur Burg Gutenberg empor. An den steilen Hängen erstreckten sich Weinreben, an denen jetzt, Mitte September, schon schwer die Trauben hingen. Meine Begeisterung bekam gleich einen kleinen Dämpfer, als ich ein Schild las, welches darauf hinwies, dass man die Festung nur mit vorheriger Anmeldung eingehender besuchen kann. Aber zumindest ihr Innenhof, die Kapelle und der Rosengarten wären für mich geöffnet, und ich konnte noch nie dem Reiz der Geschichte von altem Mauerwerk widerstehen. Was ich dann drinnen jedoch fand, war noch mehr. Nämlich die Spur zu einer spannenden Story.
Bedeutende archäologische Funde
Dass Burg Gutenberg nämlich heute als eines der Wahrzeichen von Liechtenstein ein wirklich beeindruckendes Gebäude ist, verdankt sie einem Einheimischen namens Egon Rheinberger, gebürtig aus der Hauptstadt Vaduz. Er kaufte die Burg Anfang des 20. Jahrhunderts dem Fürstentum ab, erfüllte sich mit dem erstaunlichen Wiederaufbau einen Lebenstraum. Und schuf nebenbei ein Denkmal, das auf ehrenvolle Weise an die Geschichte dieses Ortes erinnert, dessen erste Spuren bereits um 4500 vor Christus, also vor mehr als 6000 Jahren, auftauchen. Doch der Reihe nach.
Laut der Website des Kultur-Treffs Burg Gutenberg wird diese vermutlich irgendwann im 12. Jahrhundert erbaut. Die Anhöhe, auf der sie sich befindet, ist aber nachweislich bereits seit der Jungsteinzeit besiedelt. Das belegen einige der bedeutendsten archäologischen Funde des gesamten Alpenraumes, so etwa kunstvoll gearbeitete Figuren von Menschen und Tieren. Die ersten Herren auf der Festung waren das Geschlecht derer von Frauenberg, 1314 fiel sie an die Habsburger. In den folgenden Jahrhunderten wechselten sich hier zahlreiche Machthaber ab. Denkwürdig ist die Geschichte der Belagerung des Gemäuers durch die Schweizer im Jahr 1499 während des Schwabenkrieges.
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Geniale List
Demzufolge misslang die Einnahme der Burg, weil die Kanonen der Angreifer nicht stark genug waren. Die österreichische Besatzung hielt so lange Stand, bis ihnen die Nahrungsvorräte ausgingen. Dann kam man aber auf einen genialen Trick. Um den Aggressoren vorzugaukeln, die Vorräte würden noch lange reichen, warf man das letzte Kalb über die Burgmauer. Tatsächlich funktionierte die List, und die Angreifer zogen unverrichteter Dinge wieder ab. In der Folge verlor die Burg aber an Bedeutung, wurde laut dem „Historischen Lexikon des Fürstentums Liechtenstein“ 1748 von den Österreichern aufgegeben. Damit schien ihr Schicksal besiegelt.
Denn als 1795 das Dorf Balzers brannte, nutzte man Steine von der Burg Gutenberg für den Wiederaufbau des Ortes. 1824 kaufte die Gemeinde sie, 1854 dann ging sie an das liechtensteinische Fürstenhaus über. So verbrachte das Gemäuer weitere Jahrzehnte im Dämmerschlaf, bis sich schließlich sein Schicksal am 30.05.1905 wendete. An diesem Tag kaufte der Vaduzer Architekt, Maler und Bildhauer Egon Rheinberger dem Staat die Ruine für eine symbolische Summe von 1000 Kronen ab. Um 1890 hatte er an der Münchner Akademie der Künste studiert. Nun erfüllte er sich mit dem aufwendigen Wiederaufbau der verfallenen Festung einen Lebenstraum.
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Wechselnde Besitzer
Im Stil des Historismus und der Burgenrenaissance baute er bis 1912 Burg Gutenberg zu der beeindruckenden Anlage aus, die auch heute noch über dem Ort Balzers thront. Rheinberger nutzte sie fortan zunächst als Sommerresidenz, ließ eine Gastwirtschaft und im Garten eine Kegelbahn anlegen. Ab 1920 bewohnte die Familie Rheinberger das gewaltige Gebäude dann ganzjährig. In der Folge entwickelte es sich zu einem kulturellen Treffpunkt. 1925 fanden Freilichtspiele statt, 1933 wurden hier Szenen für den Film „Wilhelm Tell. Das Freiheitsdrama eines Volkes“ gedreht. Bis zu seinem Tod im Jahre 1936 lebte der selbstgemachte Burgherr auf seiner Festung. Seine Familie zog anschließend wieder zurück nach Vaduz.
Die Burg Gutenberg hatte daraufhin weitere private Besitzer, zuletzt die Filmschaffenden Hermine Kindle de Contreras-Torres und Miguel de Contreras-Torres. Sie kauften die Festung im Jahr 1951 für 200.000 Franken, und verkauften sie schließlich 1979 dem liechtensteinischen Staat mit einem astronomischen Gewinn. Demnach erhielt das Paar für die Liegenschaft 3,8 Millionen Franken, nach heutigem Wert mehr als vier Millionen Euro also. Heute ist die Burg eher sporadisch auch immer noch ein Schauplatz kultureller Veranstaltungen.
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Nach Sanierungen in den 1990er Jahren und von 2006 bis 2010 sind heute Teile der Burg Gutenberg in Rahmen von Führungen für die Öffentlichkeit zugänglich. Interessierte können sich direkt über die offizielle Webseite der Festung von Mai bis Oktober dafür anmelden. Diese werden aktuell für maximal 20 Personen auf einmal angeboten. Der Rosengarten ist in diesem Zeitraum von 10 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet. Die Vorburg ist ganzjährig geöffnet und frei zugänglich für alle Besucher. Das gilt sogar während privater Veranstaltungen im Innenhof, dem Rosengarten oder der Burgkapelle.