26. Mai 2026, 10:38 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Aus einer floh einst ein Burgfräulein auf spektakuläre Weise, eine wurde von einem Heimatverein gerettet, auf einer anderen wurde eines der wichtigsten Bücher des deutschen Mittelalters geschrieben: Der Harz ist voll von tollen Schlössern, Burgen und ihren Ruinen. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann verrät, wo man noch echte Royals „treffen“ kann, wo man den Spuren eines deutschen Sagenkönigs folgt und wo das deutsche Burg-Pendant zum Tempel Angkor Wat liegt.
Es ist früher Morgen und ich habe mich aus der Frische des Waldes eine steile Anhöhe hochgekämpft und -geflucht. Ganz alleine stehe ich nun an einem Ort, an dem ein Stück der Geschichte meiner liebsten Wanderregion weltweit geschrieben wurde, dem Harz. Von den Bäumen tropft noch der Regen der vergangenen Nacht, mein Atem dampft und ich bin erschöpft und glücklich. Weil ich wieder einmal eine der Burgen kennenlernen darf, die die weite Einsamkeit der Harz-Natur immer wieder auf wunderbare Weise bereichern. In diesem Fall stehe ich nun, wieder einmal, vor längst verfallenen alten Gemäuern, jahrhundertelang verlassen und doch auf magische Weise belebt. Weil sich die Historie eben dem offenbart, der zuzuhören und hinzuschauen vermag.
Schon als kleiner Junge war ich immer fasziniert von Burgen und Schlössern. Die Geschichten von Königen, mutigen Recken und schönen Prinzessinnen faszinierten mich, so wie wohl jeden Jungen. Zugleich interessiere ich mich für das Thema Geschichte als solches, weil sie uns verrät, wo wir herkommen. Salier, Merowinger, Ottonen – diese längst vergangenen Adelsgeschlechter prägten einst den Lauf der Jahrhunderte. Und auch im Harz findet man eben vielerorts Zeugnisse ihres Herrschens und Wirkens, manche längst dem Verfall preisgegeben, manche immer noch weithin strahlende Zeugnisse von altem Glanz und Gloria. Im Laufe meiner mittlerweile jahrelangen Streifzüge durch den Harz habe ich schon so einige davon gesehen.
Burg per Hand freigelegt
Die eingangs beschriebene Szene spielte sich auf der Ruine der Ebersburg nahe des kleinen Ortes Neustadt, im Südharz ab. Ich hatte in der Nähe in einer Schutzhütte übernachtet und genoss nun das Privileg, alleine und als Erster an diesem Tag vor den mächtigen Gemäuern zu stehen. Wie alle Burgen und meist auch Schlösser musste ich mir den Besuch erst verdienen, und zwar mit einem kurzen, aber knackigen Aufstieg. Als strategische Verteidigungsanlagen befinden sich die altehrwürdigen Gebäude natürlich stets auf Anhöhen, weil man von dort aus besser das Umland überblicken und eventuelle Feinde beobachten konnte. Hier ist nun außer mir niemand und ich kann in aller Ruhe Geschichte atmen. Und dass das so ist, verdankt sich einem engagierten Heimatverein.
Die Ebersburg wurde um das Jahr 1180 von den Ludowingern erbaut, den damaligen Vögten des nahen Nordhausen. Noch heute steht hier der 12,50 Meter hohe Bergfried, ein Turm mit 4,50 Meter dicken Wänden. Im Jahr 1650 wird sie als „wüst“ bezeichnet, war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich bereits seit Jahrzehnten nicht mehr bewohnt. Im Jahr 2006 erweckte dann der Nordhausener „Verein für lebendiges Mittelalter“ die Ruine aus ihrem jahrhundertelangen Dornröschenschlaf. Mit beeindruckendem Engagement legten dessen Mitglieder weite Teile der Anlage überhaupt erst wieder frei. Alles per Hand, nur mit Harke, Schaufel und Schubkarre, wie es auf der Vereins-Website heißt. Auch heute noch kommt jeden Tag einer der Ehrenamtler zur Pflege vorbei. Nun kann man die Anlage frei begehen, es gibt mitunter dort sogar auch Veranstaltungen.
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Fantastischer Weitblick
Bereits am Tag vor meinem Besuch hier hatte mich meine Wanderung auf einen anderen Berg geführt. Auf ihm liegt die Burgruine Hohnstein, erreichbar zu Fuß sowohl aus Neustadt als auch aus Ilfeld. Ich kam aus letzterer Richtung und hatte mich weite Teile der Strecke einen Weg entlang gekämpft, der wohl entweder schon länger nicht benutzt, oder mittlerweile ganz aufgegeben wurde. Auf meiner Karte stand er aber noch und so geriet der Aufstieg zur sprichwörtlichen Partie über Stock und Stein. Umso beeindruckter war ich dann aber, als ich die sehr gepflegte und weitläufige Anlage betrat. Die Festung Hohnstein wurde um das Jahr 1200 von Konrad von Sangerhausen erbaut, wie Infotafeln vor Ort verraten. 1627 fand sie dann ein trauriges Ende, fiel im Zuge des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) einer Brandstiftung zum Opfer.
Geschichtsinteressierte kommen hier voll auf ihre Kosten, denn fast jeder Teil der Ruine wird auf Schildern genauer erklärt. Fast vermag man sich im Geiste den Glanz der alten Burg vorzustellen. Der sprichwörtliche Höhepunkt eines jeden Rundgangs ist sicherlich der kurze Aufstieg auf den Burgturm, von dem aus man einen fantastischen Weitblick in die sanfte Hügellandschaft des Südharz hat. Bei klarem Wetter lässt sich kilometerweit blicken, erkennt man am Horizont vielleicht sogar den Kyffhäuser, angebliche Ruhestätte des Sagenkönigs Friedrich I. „Barbarossa“. Eine ähnlich tolle Aussicht hat man von der Terrasse des Burggasthofes, wo man sich nach einem Besuch deftig stärken kann.
Drama und Märchenfaktor
Ebenfalls im Südharz, oberhalb des Ortes Scharzfeld, befindet sich die Burgruine Scharzfels. Natürlich ist es wieder ein steiler Anstieg, der zum Besuch der Anlage berechtigt, und so war es bei meiner Visite, früh morgens, angenehm leer. Und das, obwohl die Scharzfels wirklich spektakulär und ziemlich weitläufig ist. Leider sind aufgrund von Einsturzgefahr aktuell Teile der Fläche für den Besuch gesperrt, aber das tut der Magie keinen Abbruch. Die im 11. Jahrhundert erbaute Burg galt aufgrund ihrer strategischen Lage jahrhundertelang als uneinnehmbar. Im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen wurde sie jedoch 1776 von den Franzosen erst geschleift und dann gesprengt.
Eng verbunden ist die Burgruine bis heute mit der Geschichte von Eleonore von dem Knesebeck. Kammerjungfer einer Prinzessin, hielt man sie einst auf der Scharzfels drei Jahre gefangen. Sie war eine Mitwisserin in einer Affäre ihrer Dienstherrin mit einem Grafen und sollte vorsorglich zum Schweigen gebracht werden. Ihre Gedichte und Gedanken schrieb sie an die Wände ihres Kerkers. Noch heute kann man sie dort an dem Ort, der mittlerweile die Burggaststätte beherbergt, nachlesen. Berühmt wurde Eleonore aber vor allem durch die spektakuläre Flucht, die ihr 1697 mithilfe eines jungen Dachdeckers gelang. Mehr Drama und Märchenfaktor geht nun wirklich kaum.
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Das wichtigste Buch des Mittelalters
Die wahrscheinlich berühmteste aller Harzer Burgen dürfte Burg Falkenstein sein, die hoch auf einem Felsen über dem malerischen Selketal thront. Ich erklomm sie auf einer mehrtägigen Tour durch die sanften Niederungen, durch die sich der schöne und ursprüngliche Selke-Fluss zieht. Laut der Seite „Harz Travel“ wurde die Festung wohl als Reaktion auf ein Gewaltverbrechen gebaut. Demnach tötete Egeno II. von Konradsburg in einem Streit Adalbert II. von Ballenstedt, worauf man dem Täter seine Ländereien wegnahm. Egenos Sohn wiederum soll dann Falkenstein von 1115 bis 1120 als neuen Stammsitz der Konradsburger erbaut haben.
Legendär wurde Burg Falkenstein, weil hier eines der wichtigsten Bücher des deutschen Mittelalters entstand. Demnach verfasste der Gelehrte Eike von Repgow auf der Festung den „Sachsenspiegel“, das bedeutendste Rechtswerk der damaligen Epoche. Mit einer beeindruckenden Größe von 90 mal 310 Metern war das Bollwerk in der Vergangenheit auch schon Drehort zahlreicher Märchenfilme. Den Burgfried kann man besteigen, was mir bei meiner Visite aber leider nicht vergönnt war. Ich kam nämlich außerhalb der offiziellen „Öffnungszeiten“ und fand die Anlage daher verschlossen vor. Der Anblick von außen beeindruckte mich aber so nachhaltig, dass ich die Falkenstein auch heute noch auf Bildern sofort erkenne.
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Hier ruht ein Royal
Einen ganz anderen Prunkfaktor als Burgen haben natürlich Schlösser, und von diesen habe ich vor allem meinen Besuch auf Schloss Ballenstedt in Erinnerung. In der Nähe befindet sich einer der sagenumwobensten Orte im ganzen Harz, die Teufelsmauer. Eine wahrhaft archaische Gesteinsformation, die auf einer Distanz von 30 Kilometern durch die Landschaft verläuft. Aber hier soll es ja um das Schloss gehen. Für einen Besuch zahlt man als Erwachsener ab fünf Euro. Dafür kann man neben der Dauerausstellung auch die Schlosskirche und den Schlossturm besichtigen. Das Highlight ist hier unzweifelhaft die alte Kirche mit der Grablege von Albrecht dem Bären, einem mächtigen Herrscher aus dem Askanier-Geschlecht.
Die dreiflügelige Anlage im barocken Stil wurde im 18. Jahrhundert erbaut und verfügt außerdem noch über einen weitläufigen, gepflegten Landschaftspark. Einst diente sie als Residenz der Fürsten von Anhalt-Bernburg und Sommerresidenz der Herzöge von Anhalt. Die Geschichte von Schloss Ballenstedt reicht aber bis ins 11. Jahrhundert, als sich an gleicher Stelle zunächst eine Burg der Askanier und später ein Benediktinerkloster befand. Dieses wurde im Bauernkrieg 1525 zerstört und schließlich in ein Jagdschloss umgewandelt. Das heutige Gesicht erhielt die Anlage ab 1748. Der kleine Ort Ballenstedt ist ebenfalls durchaus einen Besuch wert, und kann als Startpunkt einer auch mehrtägigen Tour durch das Selketal dienen.
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Eine der größten Burgen im Harz
In der Nähe von Thale, wo sich auch das berühmte Bodetal befindet, liegt die letzte der Burgen und Schlösser auf dieser Liste. Wer in Richtung Bad Suderode wandert, bereits im 17. Jahrhundert als Heilbad erwähnt, trifft mitten im Wald auf die Ruine der Lauenburg, von deren Turm aus man einen spektakulären Blick ins Land hat. Höhepunkt hier für Naturliebhaber ist aber eine alte Linde, die wie auf den berühmten Bildern vom Tempel Angkor Wat direkt aus dem alten Gemäuer wächst, und deren mächtige Wurzeln sich wie Stützpfeiler in alle Richtungen erstrecken. Erstmals 1164 beurkundet, sollte die Burg einst die Stadt Quedlinburg und wichtige Reichsstraßen schützen. Mit einer Länge von 350 Metern war sie eine der mächtigsten Anlagen im gesamten Harz.