13. Dezember 2025, 6:51 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Die Lichtensteinhöhle nahe dem niedersächsischen Ort Osterode ist der Geburtsort einer archäologischen Sensation. Denn anhand von Knochenfunden aus der Höhle konnte man nachweisen, dass es hier in Deutschland den ältesten genetisch belegten Stammbaum auf der ganzen Welt gibt. Die einmalige Geschichte kann man heute im HöhlenErlebnisZentrum in Bad Grund nachvollziehen.
Als ich mich kürzlich auf einer Wanderung durch den wunderschönen Südharz befand, stieß ich unvermutet auf etwas, das wir Journalisten besonders lieben. Nicht einfach eine Story, sondern eine echte Sensation. Mit ein paar Einheimischen befand ich mich auf einem gemütlichen Spaziergang, nach 200 Kilometern klang meine Tour so langsam aus. Und plötzlich zeigte einer meiner Begleiter auf einen unscheinbaren Felsspalt und sagte: „Das ist der Eingang zur Lichtensteinhöhle. Heute darf man sie nicht mehr betreten, aber in den 80er Jahren hat man dort Knochen gefunden, anhand derer man den ältesten genetisch belegten Stammbaum der Welt rekonstruieren konnte.“ Na klar, darüber musste ich bei meiner Rückkehr mehr herausfinden.
Wie auf der Website des Instituts für Historische Anthropologie und Humanökologie der Universität Göttingen nachzulesen ist, wurde die Lichtensteinhöhle nahe Osterode im Jahr 1972 eher zufällig entdeckt. Man suchte eigentlich nach einem verschollenen Fluchttunnel aus einer Burg, die sich in grauer Vorzeit auf dem 261 Meter hohen Lichtenstein befand. Erst acht Jahre später stellte sich jedoch heraus, dass sich hinter dem Eingang der Höhle noch zahlreiche weitere Räume erstreckten. In diesen fünf Höhlenkammern fanden sich dann, durch das Klima und einen Überzug aus Gipssinter ungewöhnlich gut konserviert, unzählige Knochenreste sowohl von Menschen als auch von Tieren. Bei Ausgrabungen, die von 1993 bis 2013 andauerten, ließen sich schließlich 4323 menschliche Knochen bzw. Knochenfragmente bergen.
Archäologische Sensation
War man zunächst davon ausgegangen, die Lichtensteinhöhle sei eine rituelle Opferstätte gewesen, verlegte man sich anhand der Beifunde wie Schmuck schon bald auf die Theorie einer Grabhöhle aus der Bronzezeit. Insgesamt 62 Individuen waren hier bestattet worden. Dr. Brigitte Moritz leitet das 2008 eröffnete HöhlenErlebnisZentrum (HEZ) in Bad Grund, in dem Teile der Funde ausgestellt sind, und sich auch ein originalgetreuer Nachbau der Grabhöhle befindet. Im Gespräch mit TRAVELBOOK sagt sie: „Durch die niedrige Temperatur und die hohe Luftfeuchtigkeit in der Höhle waren die Knochen sehr gut konserviert. Dadurch war es möglich, ihnen verwertbare DNA-Proben zu entnehmen. Diese zeigten, dass 57 der hier begrabenen Menschen miteinander verwandt waren.“
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Auf diese Weise habe man sogar rekonstruieren können, welche Haar- und Augenfarbe diese Menschen hatten. Durch weitere wissenschaftliche Methoden fand man heraus, wie groß sie waren und wovon sie sich ernährten. Die wirkliche Sensation sollte aber erst im Jahr 2007 folgen. Denn damals riefen die Forscher um Dr. Susanne Hummel von der Uni Göttingen und den Landkreisarchäologen Dr. Stefan Flint per Zeitung Freiwillige dazu auf, anhand einer Speichelprobe selbst ein DNA-Sample abzugeben. Man wollte auf diese Weise herausfinden, ob sich auch heute noch lebende Nachfahren der Menschen aus der Lichtensteinhöhle im Umkreis finden ließen. Und tatsächlich ergab der Abgleich mit den Proben von 300 Freiwilligen dann eine archäologische Sensation.
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Über 3000 Jahre am selben Ort
Denn tatsächlich konnte man anhand sehr seltener, übereinstimmender Muster auf Y-Chromosomen zwei Männer ermitteln, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit direkte Nachfahren der Toten aus der Lichtensteinhöhle sind. Bei weiteren 50 Freiwilligen gilt es als sehr wahrscheinlich, dass sie mit den sogenannten „Lichtensteinern“ direkt verwandt sind. Was sich hier also fand, war nicht weniger als der älteste genetisch belegte Stammbaum auf der ganzen Welt, eine nachweisbare Verwandtschaftslinie über 3000 Jahre oder 120 Generationen hinweg. „Diese DNA-Analysen und ihre erstaunlichen Ergebnisse kann man heute bei uns im Höhlen-Erlebnis-Zentrum interaktiv abrufen“, so Moritz.
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Die Menschen, bei denen man die Verwandtschaft nachweisen konnte, bekamen Post vom Landrat. „Das ist schon erstaunlich. Damit ließ sich ja belegen, dass zumindest Teile ein und der selben Familie über 3000 Jahre hinweg in unserer Region geblieben sind.“ Auch die Besucher im Höhlen-Erlebnis-Zentrum in Bad Grund fänden das immer wieder sehr spannend. Erstaunlich: 2021 gelang es Forschern der Universität Wien, in einer Grabanlage aus der Steinzeit in Großbritannien den ältesten Stammbaum zu rekonstruieren, der bislang überhaupt bekannt ist. Demnach handelt es sich dabei um Verwandte aus fünf Generationen, die vor bis zu 5700 Jahren lebten. Der älteste genetisch belegte Stammbaum bleibt jedoch der aus der Lichtensteinhöhle.
Opfer von Grabräubern
Wer heute das HöhlenErlebnisZentrum besucht, kann außer der Funden aus der Lichtensteinhöhle auch noch ein weiteres Wunder besuchen: Die Iberger Tropfsteinhöhle, ihres Zeichens bereits seit 1874 ein Touristenmagnet, tief im Hausberg von Bad Grund, der einst in erdgeschichtlicher Vorzeit ein Korallenriff war. Eine Führung hier ist im Eintrittspreis für das HEZ inbegriffen, der aktuell bei 10 Euro pro Erwachsenem liegt. Die Einrichtung hat Dienstag bis Sonntag und feiertags von 10-17 Uhr geöffnet, die letzte Führung beginnt um 16 Uhr. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte der offiziellen Webseite.
Die eigentliche Lichtensteinhöhle ist heute für die Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich. Das ist unter anderem der Tatsache geschuldet, dass bereits 1992 hier Raubgräber eindrangen, die auf der Suche nach kostbaren Grabbeigaben aus der Bronzezeit waren. Dabei richteten sie oberflächlich massive Zerstörungen an. „Als ich klein war, sind wir in die Höhle noch zu Kindergeburtstagen rein“, erinnerte sich auf meiner Tour einer meiner Begleiter lachend. Heute kann jeder die Magie des Ortes, an dem der älteste genetisch belegte Stammbaum der Welt gefunden wurde, im HEZ in Bad Grund nachempfinden.