3. November 2026, 10:44 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Die Széchenyi-Therme in Budapest ist die größte ihrer Art in ganz Europa. Ihre Geschichte geht zurück bis ins 19. Jahrhundert, womit sie auch das erste Heilbad in der ungarischen Metropole war. Bei einem kürzlichen Besuch tauchte TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann hier für ein paar Stunden in das warme, mineralreiche Wasser ab. Und staunte einerseits über die Erhabenheit des gewaltigen Komplexes, aber auch über diverse Skurrilitäten, die ein Besuch dort heute mit sich bringt.
Sicher kennen Sie das auch: Sie besuchen eine neue, aufregende Stadt, laufen sich in wenigen Tagen beim Versuch, möglichst viel zu sehen, regelrecht die Füße wund und wünschen sich am Ende nur noch eines: Entspannung. So ging es mir, als ich kürzlich mit meiner Freundin das großartige und monumentale Budapest besuchte. Zu unserem Glück gibt es hier eine wahre Badekultur, buhlen gleich mehrere Thermen um die unzähligen Besucher der Kapitale. 2011 hatte ich schon einmal das legendäre Gellértbad besucht, doch diesmal entschlossen wir uns zu einer Visite bei einem wahren Rekordhalter. Die gewaltige Széchenyi-Therme ist nämlich nicht weniger als das größte Heilbad seiner Art in ganz Europa. Der Besuch dort war aus vielfältigen Gründen interessant, teils aber auch sehr skurril.
Die Széchenyi-Therme liegt eingebettet in den Városliget-Park, auch sehr euphemistisch als Stadtwald bezeichnet. Mit mehr als 6200 Quadratmetern Fläche ist es ein wirklich imposanter Komplex, erbaut zwischen 1909 und 1913 von dem Architekten Győző Czigler im neobarocken Stil. Schon von weitem sind seine großen Kuppeln sichtbar, und wüsste man es nicht besser, könnte man den Ort leicht mit einer Kirche oder einem Tempel verwechseln. Unser Hotel befand sich ganz in der Nähe, und so schlenderten wir zu Fuß durch den Stadtwald zu dem Heilbad, in freudiger Erwartung einiger Stunden herrlicher Entspannung in dem bis zu 40 Grad heißen Wasser. Ganze 21 Becken warteten auf uns, dazu Saunen und Dampfbäder, was würde das für ein famoser Spaß werden. Am Ende kam dann aber doch alles ganz anders als erwartet.
Deftige Preise
Zunächst einmal nämlich Verwirrung, da die Széchenyi-Therme ob ihrer Größe gleich drei Eingänge hat. Wir erwischten dann aber auf Anhieb den richtigen, der uns zur Kasse führte. Der Eintritt in das Heilbad ist mit 13.200 Forint (umgerechnet gut 35 Euro) pro Person alles andere als günstig, und für das Wochenende und die Hochsaison sogar nochmal teils deutlich teurer. Alle Preise und anderen Informationen können Sie der offiziellen Website des Bades entnehmen. Frustriert dachte ich an die Zeiten zurück, als ein ganzer Tag im Gellért mich gerade einmal etwa 10 Euro gekostet hatte. Generell hatte ich bei einem Sommerurlaub 2026 in Ungarn aber bereits festgestellt, dass die Preise für quasi alles im Land absolut explodiert waren.
Nun, ja, Zähne zusammenbeißen und dann rein in das warme Badevergnügen. So dachte ich zumindest, doch noch bevor wir die eigentliche Széchenyi-Therme betraten, ergab sich ein weiteres Problem. Wir hatten keine Flip-Flops dabei, das Tragen dieser ist jedoch aus Sicherheitsgründen obligatorisch. Das ergibt natürlich Sinn – für uns wurden allerdings noch einmal knapp umgerechnet 11,50 Euro pro Person für vor Ort erhältliche Gummilatschen fällig. Diese stammten leider direkt aus der Hölle und machten auf Schritt und Tritt quietschende Geräusche, die in Sachen Intensität für mich durchaus mit einem Zahnarztbohrer vergleichbar waren. Doch zum Glück ist es in dem Heilbad nie weit von einem Becken bis zum anderen.
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Baden vor prachtvoller Kulisse
Die Geschichte der Széchenyi-Therme beginnt laut der Seite „Budapest Baths“ im Jahre 1879, als der Bergbauingenieur Vilmos Zsigmondy bei Bohrungen in mehr als 900 Metern Tiefe eine artesische Quelle entdeckt. Zu dieser Zeit gibt es in der Metropole bereits einige Thermalbäder, doch nun beschließen die Stadtväter den Bau eines echten Wahrzeichens der Badekultur. Am 16. Juli 1913 eröffnet das noch heute größte Thermal-Heilbad seiner Art in der Stadt wie auch in ganz Europa dann seine Pforten. Bereits im ersten Jahr kamen 200.000 Besucher. Wer die Anstalt heute betritt, kann leicht das Gefühl bekommen, diese Anzahl an Gästen erreiche man mittlerweile problemlos an einem Tag. Mit anderen Worten: Es ist absolut brechend voll in der Therme und von den Wänden, teils mit kunstvollen Fresken und Mosaiken verziert, hallt dröhnend ein babylonisches Sprachgewirr.
Überall angebrachte Schilder, die die Gäste um Ruhe bitten, scheinen niemanden auch nur ansatzweise zu interessieren, und so flüchten wir schnell aus dem Inneren zum wirklich opulenten Außenbereich. Hier gibt es zwei Becken mit bis zu 38 Grad warmem Wasser zum Entspannen, aber auch ein klassisches Schwimmbecken für die Sportler. Wer dieses benutzen möchte, muss zwingend eine Badekappe tragen. Wir lassen uns jedoch wie zufriedene Nilpferde in das Planschbecken sinken und beobachten, schon nach kurzer Zeit von der Wärme leicht benebelt, einen spektakulären Sonnenuntergang. Von außen sieht man auch die volle Pracht des Gebäudes besser. Ein Gefühl, als würde man direkt vor der Kulisse von Schloss Versailles baden.
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Gedränge um die Plätze
Wo heute Besucher beider Geschlechter ganz selbstverständlich mit- bzw. nebeneinander baden, herrschte tatsächlich bis ins Jahr 1981 eine strikte Trennung. Bereits 1927 musste man die Széchenyi-Therme aufgrund ihrer Beliebtheit erheblich erweitern. 1938 wird in einer Tiefe von 1256 Metern eine weitere Quelle entdeckt, aus der seitdem täglich 6600 Kubikmeter 77 Grad heißes Wasser sprudeln. Der Erfolg des größten Thermal-Heilbades Europas sorgt auch für einen generellen Aufschwung in Budapest. Rund um den Városliget-Park entstehen Hotels, Cafés und weitere Grünflächen. Neben der Entspannung entwickelt sich das Széchenyi-Heilbad auch zu einem Zentrum für medizinische Behandlungen. Noch heute werden hier neben Balneotherapie auch Massagen, Schlammpackungen und Elektrotherapien angeboten.
Wir quietschen mit unseren Flip-Flops weiter zum nächsten Außenbecken, dem „Adventure Pool“. Dieser ist beeindruckend wenig abenteuerlich, hat aber in seiner Mitte einen Whirlpool-Bereich, der von gefühlt sämtlichen Einwohnern Europas dauerbelagert ist. Als wir gegen jede Wahrscheinlichkeit dort doch irgendwann einen Platz ergattern, versuchen im Sekundentakt andere Gäste, ihn uns streitig zu machen. Da wollen sich dann zum Beispiel gleich fünf junge Damen auf einmal auf einen einzigen halbwegs freien Platz drängen. Ein Mann von der Statur eines Gorillas setzt sich gleich beherzt auf meinen Schoß, obwohl er mich auf jeden Fall gesehen haben muss. Kurz gesagt, so richtig entspannen können wir hier leider nicht. Vielleicht finden wir ja aber im Innenbereich der Széchenyi-Therme doch ein bisschen Ruhe.
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Horrorfilm-Kulisse
Doch leider nein, denn die heiligen Hallen sind bei näherer Betrachtung in einem wirklich erbarmungswürdigen Zustand. Da schimmelt es großflächig, da blättert Putz von der Decke, da haben sich die Kacheln ganzer Schwimmbecken aufgrund des hohen Mineralgehaltes im Wasser schwarz verfärbt. Kaum zu glauben, dass die letzte Renovierung 2009 gewesen sein soll. Auf uns wirkt es eher so, als befinde sich das Bad seit seiner Eröffnung in stetigem und immer schneller fortschreitendem Verfall. Mal ehrlich, manche Bereiche würden als absolut glaubhafte Kulisse in jedem Horrorfilm herhalten können. Gegen einen deftigen Aufpreis kann man sich einen Besuch im zum Komplex gehörenden Bier-Spa buchen, aber darauf verzichten wir. Wen es interessiert: Man bekommt ein 45-minütiges Bad in einem Holzbottich und währenddessen so viel Bier, wie man trinken möchte/kann.
Wir wählen stattdessen die Flucht nach vorne, in eine der vielen Saunen der Széchenyi-Therme. Ich wäre einfach zum Spaß gerne in die Dante-Therme gegangen. Aber diese muss man tatsächlich bekleidet betreten. Andere Länder, andere Sitten. Und so ist tatsächlich nur die Phönix-Sauna absolut textilfrei zu nutzen. Wir machen es uns bei angenehmen 90 Grad gemütlich und schmunzeln über ein junges Paar. Dieses möchte in voller Bademontur schwitzen. Und dreht sichtbar erschrocken wieder ab, als ein Mitarbeiter darauf hinweist, hier sei der FKK‑Bereich. Es ist ein entspannter Abschluss unseres knapp dreistündigen Besuches. Und tatsächlich reicht dieses Zeitfenster für uns auch, um das Heilbad und sein Angebot ausreichend kennenzulernen.
Das Wasser in der Széchenyi-Therme ist für seine vielfältigen Heilwirkungen bei Gästen aus aller Welt bekannt und beliebt. Kalzium, Magnesium und Sulfat lindern Muskel- und Gelenkschmerzen, die Wärme fördert außerdem die Blutzirkulation. Mineralien wie Schwefel und Bikarbonat können zudem zur Linderung von Hautkrankheiten wie Ekzemen und Schuppenflechte beitragen. Insgesamt kann ich jedem Budapest-Besucher nur empfehlen, einmal im größten Thermal-Heilbad seiner Art abzutauchen.