Schwere Vorwürfe

Wurde die Boeing 737 Max 8 wegen Zeitdruck unzureichend geprüft?

Boeing 737 Max 9
Die Boeing 737 Max ist nach zwei Abstürzen in nur fünf Monaten heftiger Kritik ausgesetzt (Symbolfoto)
Foto: Getty Images

Die Flugzeug-Software MCAS ist mutmaßlich verantwortlich für den Absturz der Boeing 737 Max 8 in Äthiopien – weil sie nur unzureichend geprüft wurde? Die neuen Vorwürfe wiegen schwer, und sie betreffen nicht nur den Hersteller Boeing, sondern auch die US-Luftfahrtbehörde.

, unter anderem die „Seattle Times“: Laut dem Blatt habe die Federal Aviation Administration (FAA), die Bundesluftfahrtbehörde der USA, dem Flugzeugbauer unter anderem erlaubt, 2015 wichtige Tests vor der Einführung selbst und ohne Aufsicht durchzuführen – man habe damit eine schnelle Markteinführung bewirken wollen, um nicht den Anschluss an den Konkurrenten Airbus zu verlieren.

Laut „Wall Street Journal“ ermittelt deshalb mittlerweile das US-Verkehrsministerium in der Sache, da man vermutet, die MCAS-Software sei nicht ausreichend untersucht und getestet worden. Auf TRAVELBOOK-Anfrage teilte Boeing mit, das System sei nur dazu gedacht, in „unnormalen Situationen“ in den Flugablauf einzugreifen, es würde ein Flugzeug aber nicht kontrollieren. Der Absturz-Hergang deutet aber nicht darauf hin: Die Nase des Unglücksfliegers hatte sich, vermutlich ausgelöst durch die Software, anscheinend mehrfach automatisch abgesenkt, wodurch die Maschine unkontrolliert absank und schließlich zerschellte, berichtet die US-Zeitung. Die Piloten, die in einer solchen Situation eigentlich in der Lage sein sollten, manuell dagegen zu steuern, konnten wohl nichts mehr tun.

„Keine richtige Prüfung“

Weil schon bei der Prüfung geschlampt wurde? Ein ehemaliger Sicherheits-Ingenieur der FAA sagte dazu der „Seattle Times“, man sei wiederholt unter Druck gesetzt worden, den Prüf-Prozess zu beschleunigen, da Boeing mit seinem neuen Modell in der Entwicklung bereits neun Monate hinter dem damals ebenfalls neu eingeführten Airbus A320neo lag. Im Zuge dessen habe man dann einfach immer mehr Abläufe in dem Prozess direkt dem Hersteller anvertraut. „Es gab keine richtige und umfassende Prüfung der Dokumente. Die Auswertung wurde beschleunigt, um bestimmte Zertifizierungs-Daten zu erreichen.“

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So habe man dann auch die Überprüfung des zweifelhaften MCAS-Systems an Boeing delegiert. Die Folge: Der software-gesteuerte Bewegungs-Spielraum des Flugzeuges sei um ein vielfaches höher gewesen als der FAA bekannt, als sie den Flugzeugtypen zuließ. Mit anderen Worten: Die Maschinen waren scheinbar nicht unter den tatsächlichen Bedingungen getestet worden. Peter Lemme, ein ehemaliger Ingenieur bei Boeing, bemängelt gegenüber der „Seattle Times“, das Software-System habe zu viel „Macht“ gehabt: Es habe sich, wie es zumindest beim Lion-Air-Absturz bereits nachgewiesen ist, ohne Not mehrfach automatisch eingeschaltet und so eine Senkung der Flugzeug-Nase herbeigeführt, der die Piloten schließlich manuell nicht mehr entgegensteuern konnten.

Schulung am iPad

„MCAS hat sich jedes Mal wieder neu eingeschaltet wenn es benutzt wurde, die Software hatte also effektiv uneingeschränkte Autorität. (…) Das hätte man niemals zulassen dürfen“, sagt Lemme. Das Problem: Durch die mangelhafte Vorprüfung war dem Piloten natürlich nicht bekannt, dass die tatsächliche Flugzeug-Bewegung viel stärker war, als ihm in seinem Software-System angezeigt wurde – so konnte wohl auch nicht entsprechend dagegengesteuert werden. Auch Dennis Tajer, Pilot und Sprecher der Allied Pilots Association bei American Airlines, erhebt in der „Seattle Times“ schwere Vorwürfe: So sei er kaum eine Stunde für die Benutzung der MCAS-Software geschult worden, und zwar an einem iPad, nicht einmal in einem Flugsimulator.

Die eingesparten Kosten durch das fehlende Piloten-Training habe man dann über günstigere Preise an die Kunden weitergeben wollen, Boeing habe auch offensiv bei Flugunternehmen damit geworben, dass sie durch die neue Software „Millionen von Dollar“ sparen könnten. Zu MCAS selbst oder möglichen Fehlfunktionen habe es keinerlei Informationen in Piloten-Handbüchern gegeben. Besonders bizarr: Bereits nach dem Absturz der Lion-Air-Maschine im Oktober 2018 hatte die FAA eine Mitteilung herausgegeben, in der vor einem möglichen Software-Fehler in den Boeing-Maschinen des Typen 737 Max 8 gewarnt wurde. Die „Washington Post“ zitiert daraus, dass „fehlerhafte Sensoren-Befehle“ zu Schwierigkeiten bei der Kontrolle des Flugzeugs führen könnten, „bis hin zu einem möglichen Absturz“.

Neue Software soll ab April kommen

Auf TRAVELBOOK-Anfrage gab Boeing vergangene Woche bekannt, man wolle die fehlerhafte Software updaten, um „ein bereits sicheres Flugzeug noch sicherer zu machen“.  Für Entwicklung, Planung und Zertifizierung arbeite man eng mit der FAA zusammen – eine Aussage, die angesichts der neuesten Enthüllungen alles andere als beruhigend erscheint. Man wolle sich bei dem Update aber auch an Kunden-Feedback orientieren. Die neue Software werde von der FAA bereits im April eine „Airworthiness Directive“, also eine Genehmigung, erhalten. MCAS solle das Flugzeug während eines normalen Flugs nicht kontrollieren, sondern nur „das Verhalten des Flugzeugs in einer unnormalen Situation“ verbessern. Piloten sollten so zukünftig jederzeit in der Lage sein, das automatische System elektrisch oder manuell zu übernehmen. Die schweren Vorwürfe weist das Unternehmen erwartungsgemäß zurück – eine Sprecherin teilte TRAVELBOOK mit: „Die 737 Max 8 wurde von der FAA anhand derselben Anforderungen und Prozesse zertifiziert, die jedes neue Flugzeug bzw. Flugzeugteile unterlaufen.“ Die Konfigurationen und Parameter, mit denen das MCAS arbeite, seien während der Max-Zertifizierung in Augenschein genommen und für allen nötigen Standards entsprechend befunden worden.

Bei zwei Flug-Abstürzen einer Boeing 737 Max 8 im Oktober in Indonesien und jetzt in Äthopien kamen 346 Menschen ums Leben. Abschließende offizielle Ergebnisse zu den Absturz-Ursachen werden erst noch erwartet.

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