12. September 2025, 11:13 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Für Passagiere ist es natürlich ärgerlich, wenn sich die Abläufe verzögern und es zu Wartezeiten am Gate oder bereits an Bord kommt. Mit etwas Pech hebt der Flieger Stunden später ab als geplant. Doch wissen Sie, für wen das noch unangenehmer ist? Für das Kabinenpersonal. TRAVELBOOK klärt über eine, gelinde gesagt, fragwürdige Lohnregelung bei vielen Airlines auf. Diese ist auch dann ein Aufreger, wenn alles pünktlich läuft.
Unmögliche Lohnpolitik bei vielen Airlines
Man kann es wahrscheinlich nicht oft genug betonen: Flugbegleiter übernehmen wichtige Aufgaben, sowohl am Boden als auch in der Luft. Sie sind nicht nur für die Verpflegung an Bord zuständig, sondern müssen auch stets höchst aufmerksam sein, um die Sicherheit der Besatzung und der Fluggäste zu gewährleisten. Dabei ist es auch ein Teil ihres Jobs, stets freundlich zu sein. Dem kommen sie nach Möglichkeit nach – auch wenn ausgerechnet oft sie es sind, die den Frust genervter Passagiere abbekommen, wenn sich Verspätungen oder sonstige Unannehmlichkeiten ergeben. Vor rund zwei Jahren sprach TRAVELBOOK mit Michelle P.*, Flugbegleiterin bei einer großen deutschen Airline, über ein vermehrtes Aufkommen von Burn-outs in ihrem Berufszweig. Den ganzen Beitrag, mit ausführlichen Gründen für diese Entwicklung, finden Sie hier. Was uns damals noch nicht bewusst war: Ein großer Teil dieser intensiven Arbeit wird gar nicht bezahlt.
Flugbegleiter werden nur während der Zeit in der Luft bezahlt
Es ist kein Geheimnis mehr, dass Flugbegleiter keine hohen Traumgehälter verdienen. Doch wussten Sie, dass sie für die Zeit, die sie vor einem Flug am Arbeitsplatz verbringen müssen, gar nicht bezahlt werden? „Dazu gehören das Briefing mit der Crew, die Sicherheitskontrolle, die Vorflugkontrollen am Flugzeug, und so weiter“, schreibt eine ehemalige Flugbegleiterin dazu auf Reddit. Wie vor dem Boarding und währenddessen verhalte es sich demnach auch nach der Landung, so die Insiderin.
TRAVELBOOK wandte sich erneut an Michelle P., um herauszufinden, ob die beschriebenen Zustände auch in Deutschland herrschen. Und tatsächlich: „Ja, es stimmt, wir erhalten für die Zeit während des Boardings kein Gehalt.“ Die Bezahlung der Kabinencrew beginne erst, wenn die Maschine „off-block“ ist. Damit ist der Zeitpunkt gemeint, an dem ein Flugzeug seine Parkposition verlässt. „Es gibt sogenannte Bremsklötze, an die das Flugzeug andockt und wieder abdockt“, erklärt Michelle P. Die Flugdienstzeit beginne erst nach dem Abdocken und ende wieder beim Andocken. Alles außerhalb dieses Zeitfensters sei Vor- bzw. Nacharbeitungszeit und mit dem Grundgehalt abgegolten.
Warum Flugbegleiter beim Boarding in der Tür stehen
Mit diesen 6 Verhaltensweisen gehen Sie Flugbegleitern richtig auf die Nerven
Viele (Über-)Stunden unbezahltes Arbeiten
Fluggäste können sich wohl ausmalen, dass das Boarding für Flugbegleiter eine hektische Phase ist, die ihre volle Aufmerksamkeit erfordert. Wenn Sie beim Einstieg von lächelnden Crew-Mitgliedern begrüßt werden, sorgt das nicht nur für einen freundlichen Empfang: Das Stehen an der Tür dient in erster Linie der Sicherheit. Die Crew muss jederzeit bereit sein, das Flugzeug im Bedarfsfall schnell zu evakuieren. Darüber hinaus unterstützen Flugbegleiter häufig Passagiere beim Einsteigen oder beim Finden ihres Sitzplatzes, behalten auffällige oder möglicherweise betrunkene Fluggäste im Blick und erledigen noch viele weitere Aufgaben. All das geschieht de facto unbezahlt.
Schuld an diesen fragwürdigen Umständen ist eine unter den meisten Airlines weitverbreitete Regelung. Und diese tut natürlich besonders weh, wenn sich der Abflug verzögert. Michelle P. berichtet von einem Kurzstreckenflug, dem zwei Stunden Wartezeit am Boden vorausgingen, weil der Flughafen plötzlich komplett gesperrt wurde. Die Passagiere waren bereits eingestiegen. In dieser langen Zeit arbeiteten die Flugbegleiterin und ihr Team unbezahlt. Gleiches gilt für Transitzeiten. Das sind mitunter Stunden, in denen Michelle P. nach einer absolvierten Tour am Flughafen warten muss, ob sich noch ein Einsatz für sie auftut. „Dann sitze ich auf der Basis und werde dafür nicht bezahlt“, fasst sie zusammen.
Auf Reddit fügen Nutzer hinzu, dass die Piloten erst dann bezahlt werden, wenn die Parkbremsen gelöst sind. Das ist natürlich ebenfalls ein Aufreger. Dabei wird jedoch angemerkt, dass die Piloten einen deutlich höheren Lohn erhalten und vor und nach dem Flug objektiv weniger Aufgaben haben. „Das ist absolut verrückt. Wie konnten sie damit durchkommen?“, fragt jemand. Mit „sie“ sind die Airlines gemeint.
Airlines unter Druck, ihre Lohnpolitik zu überdenken
TRAVELBOOK hat die Lufthansa um eine Stellungnahme zu dieser fragwürdigen Lohnpolitik gebeten. Eine Antwort steht bislang noch aus.
Auch in Nordamerika ist die von Michelle P. beschriebene offizielle „Blockzeit“ branchenüblich. Doch hier tut sich etwas. Wie aus einer „Reuters“-Meldung hervorgeht, haben sich Air Canada und die Gewerkschaft der Flugbegleiter erst im August nach einem Streik vorläufig geeinigt. Demnach sollen künftig Teile der bisher unbezahlten Arbeit – etwa des Boardings – vergütet werden. Auch andere Fluggesellschaften stehen unter Druck. Auf der einen Seite steht etwa die US-amerikanische Delta Airlines, die bereits für die Boarding-Zeit zahlt. Ihr gegenüber viele andere Airlines, darunter American und United, die diese Zeit weiterhin nicht entlohnen. Das sorgt in der Branche zunehmend für Kritik.
Michelle P. räumt ein, dass bei der großen deutschen Fluggesellschaft, für die sie tätig ist, auf bestimmten Strecken die normalerweise unbezahlten Arbeitsphasen, wie das Boarding oder die Vorbereitungen vor dem Abflug, „teilweise fakturiert“ werden. Das bedeutet, dass diese Zeiten in die Bezahlung einbezogen werden. Wie gesagt: nur auf bestimmten Strecken, beispielsweise auf Langstrecken. „Mein Traum wäre, dass dieser Artikel dazu führt, dass auch die Bodenzeiten bezahlt werden“, gesteht Michelle P. Damit ist sie garantiert nicht allein – für viele Flugbegleiter wäre das ein längst überfälliger Schritt zu mehr Fairness in ihrem Beruf.
*Name von der Redaktion geändert, die Informantin möchte anonym bleiben.