Seit 20 Jahren unterwegs

Warum diesem blinden Weltreisenden Italien überhaupt nicht gefiel

Tony Giles
Entspannte Stimmung in der Türkei
Foto: Will Phillips

„Mein Name ist Tony Giles. Ich bin momentan 39 Jahre alt. Ich habe die letzten 20 Jahre damit verbracht, die Welt allein zu bereisen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich 127 Länder und Nationen besucht und alle sieben Weltkontinente, obwohl ich blind und auf beiden Ohren fast taub bin“ – so stellt sich der Engländer TRAVELBOOK vor. Tony entdeckt die Welt auf seine ganz besondere Weise. Sein Ziel: Er möchte jedes Land der Welt einmal besucht haben. TRAVELBOOK hat mit ihm gesprochen.

Tony ist mit einer Zapfen-Stäbchen-Dystrophie und einer damit verbundenen Lichtempfindlichkeit auf die Welt gekommen. Im Laufe seines Lebens wurden seine Augen immer schwächer – er erblindete. Als er sechs Jahre alt war, stellte man zudem fest, dass er auf beiden Ohren fast taub ist. Doch trotz seiner Behinderungen hat Tony das geschafft, wovon viele Menschen träumen: Er bereist die Welt, lernt Kulturen kennen und erlebt Abenteuer, wie die meisten sie sich kaum vorstellen können.

Tony Giles blinder Reisender

Tony in Jerusalem im November 2017. Als blinder Mann nimmt er die Welt mit den anderen Sinnen wahr.
Foto: Will Phillips

„Mein Vater war in der Handelsmarine, bevor ich geboren wurde. Er hat mir viel von seinen Abenteuern erzählt, was mich immer faszinierte“, so Tony zu TRAVELBOOK. Seine ersten eigenen Reiseerfahrungen sammelte er dann mit zehneinhalb, als er ein Internat für visuell beeinträchtigte Kinder besuchte, welches weit von seiner Heimat entfernt war. „Ich wollte so oft wie möglich nach Hause kommen und so bekam ich einen Grund zu reisen“, berichtet der Engländer. Mit 16 Jahren bekam Tony dann die Möglichkeit, mit der Schule Boston in den USA zu besuchen: „Es war unglaublich. Ich habe es geliebt! Neue, gesprächige Menschen mit verrückten Akzenten, große und breite Bürgersteige, eine andere Kultur – da hat es mich gepackt.“

Tony auf einem „Floating Market“ in der indonesischen Stadt Banjarmasin
Foto: Will Phillips

23 Jahre später reist Tony durchschnittlich acht bis neun Monate im Jahr, kommt aber auch immer wieder in seine Heimat England zurück. Am Stück reist er meist ein oder zwei Monate, ab und an ist er auch drei Monate hintereinander unterwegs. Was er daran am meisten liebe? „Der beste Teil des Reisens ist für mich das Bewegen, das Von-A-nach-B-Kommen. Das ist meine Herausforderung – und es ist ein Nervenkitzel!“

Wie Tony die Welt wahrnimmt

Auf seinen Reisen erlebt Tony seine Umgebung auf seine Weise: 

Wenn er auf einem Markt im Mittleren Osten spaziere, könne er die Menschen dabei hören, wie sie in ihrer Sprache feilschen und den Geruch von gekochtem Fleisch, fangfrischem Fisch, Zwiebeln, Knoblauch und Gewürzen wahrnehmen. „Ich fühle, wie sich Menschen an mir vorbei bewegen, ich bin mir der Hektik und der Atmosphäre bewusst.“ Am deutlichsten sei das in der Altstadt von Jerusalem gewesen. Und in Bangkok sei er beim Verlassen des Flughafens von den Gerüchen und dem Gestank überwältigt gewesen, der sich mit der Hitze und Feuchtigkeit gemischt habe.

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Wo Tony schon überall war – und noch hinmöchte

Bisher war der Globetrotter schon in 127 Ländern, darunter in jedem Staat Südamerikas und Europas (außer Russland), und in den USA hat er alle 50 Bundesstaaten besucht. Aber Tony hat noch einiges vor: „Ich möchte noch Indien und Pakistan bereisen, genau genommen möchte ich jedes Land der Erde besuchen. China fehlt mir noch und die meisten Gebiete in der Karibik und im Pazifik“, erzählt er TRAVELBOOK.

Tony Giles blinder Reisender

2015 besuchte Tony den Tempel Pura Ulun Danu Bratan auf Bali
Foto: Will Phillips

So plant Tony seine Abenteuer

Um seine Reisen zu planen, nutzt Tony eine Software namens JAWS, die ihm Texte aus dem Internet vorliest und ihn beim Schreiben unterstützt. Mit der Software nutzt er Seiten wie Wikitravel und „Lonely Planet“, um sich über das Ziel seiner Wahl zu informieren. Auch die Suche von Hostels und anderen relevanten Informationen, zum Beispiel Routen und Währungen, kann er mithilfe der Software einfach und allein von zu Hause aus erledigen. Zudem versucht der Engländer zuvor immer ein paar Worte in der Landessprache zu lernen. „Schlussendlich informiere ich mich über das typische Essen der Länder, die ich besuche. Ich kann nicht einfach in ein Restaurant gehen und auf die Speisekarte schauen.“ Sich vorher gut zu informieren sei der Schlüssel, um als blinder Mensch zu reisen.

Zum größten Teil organisiert der Engländer seine Trips allein, Hilfe hole er sich beim Buchen von Flügen oder Ausfüllen von Formularen für die verschiedenen Visa. Und an Flughäfen könne er Unterstützung beantragen.

Um sich innerhalb eines neuen Ortes zurechtzufinden, fragt Tony wie jeder andere Reisende auch ganz einfach Menschen nach seinem Ziel. Etwas komplizierter ist es in Ländern, in denen kaum Englisch gesprochen wird: Dann bittet er Hostelmitarbeiter, ob sie ihm die gewünschten Orte auf einen Zettel schreiben könnten. „Ich zeige den Zettel dann Menschen auf der Straße, bis ich mein Ziel erreicht habe. Das funktioniert meistens. Ich habe auch immer die Adresse und Telefonnummer meiner Unterkunft dabei, um sie einem Taxifahrer zeigen zu können, wenn ich mich mal total verirre.“

Welche Orte Tony am meisten begeistert haben

Bei Menschen, die so viele Länder gesehen haben wie Tony, stellt sich immer die Frage: Welches Land war bisher das Highlight? Für Tony ist die Antwort klar: Neuseeland. „Es ist zu einem die Natur, zum anderen sind es die Menschen. Die Natur und das Wetter erinnern mich an England, und die Menschen sind so entspannt, freundlich und immer bereit, mir zu helfen“, schwärmt Tony. Irgendwann wolle er endgültig in Neuseeland leben.

Tony Giles blinder Reisender

Auf seinen Reisen ist Tony nicht nur allein unterwegs: Das Foto zeigt ihn im September 2012 mit seiner Freundin Tatiana im kroatischen Dubrovnik

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Bei der Frage nach seiner liebsten Stadt war Tony sich nicht ganz sicher: „New York City, oder eher Manhattan, ist einer der einfachsten Orte, um ihn blind zu entdecken. Du zählst einfach die Blöcke, während du läufst und sobald du weißt, auf welcher Straße du bist, musst du nur die Nummern zählen und du weißt, ob du Richtung Uptown oder Downtown läufst.“ Bei der U-Bahn sei es ganz ähnlich: Man müsse nur auf die Durchsagen achten. Doch auch an einer Stadt näher seiner Heimat fand Tony gefallen: „Ich liebe Dublin, es ist so lebendig dort, und die Menschen sind unglaublich freundlich.“

Auch Deutschland habe ihm gefallen: „Ich mochte das Land, die freundlichen Menschen und das Essen – besonders die Wurst!“, erzählt er TRAVELBOOK. In Berlin war er bereits einige Male, Hamburg habe er auch schon erlebt, und Dresden entdeckte er während einer regnerischen Nacht. Eine ganze Woche verbrachte er in München und Umgebung.

Welche Länder Tony nicht so gefallen haben

Auf seinen Reisen begegnete Tony auch Orten, die ihn weniger begeisterten. Meist war dies bedingt durch die Erfahrungen, die er mit den dort lebenden Menschen machte. „Armenien war das schwierigste Land, das ich jemals besucht habe – hauptsächlich, weil ich weder Russisch noch Armenisch spreche. Hinzu kam aber, dass ich die Menschen dort als wenig hilfsbereit empfand und sie nur Geld mit mir machen wollten oder unfreundlich waren“, sagt Tony. Auch ein Besuch in Italien gehörte nicht zu seinen besten Erfahrungen: „Ich hatte Probleme, die Menschen zu verstehen. Ich spreche kein Italienisch, was nicht unbedingt hilfreich war, aber auch wenn ich jemanden traf, der etwas Englisch sprechen konnte, wurde mir steht’s einfach eine Richtung gezeigt oder etwas gesagt wie ‚dort drüben‘ oder ‚geh da entlang‘ – nicht sehr hilfreich für eine blinde Person.“

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Tony Giles blinder Reisender

Tony schreckt vor keinem Abenteuer zurück: Hier düst er in Kolumbien eine Seilrutsche herunter. Das war im Dezember 2012.
Foto: Will Phillips

„Es gab so viele unvergessliche Momente“

Auf die Frage, welche Momente er niemals vergessen werde, antwortete Tony: „Oh, so viele! Zum Beispiel, als ich das erste Mal Fuß auf den antarktischen Kontinent gesetzt habe. Oder als ich einen Buckelwal direkt neben meinem Schiff aus dem Wasser auftauchen hörte, den Wasserfall Salto Ángel nach einer dreistündigen Wanderung erreichte oder als ich mit einem Speedboat durch die Iguazú-Wasserfälle fuhr und vollkommen nass wurde. Es gab so viele unvergessliche Momente.“

Wer mehr über Tonys Abenteuer erfahren möchte, kann ihm auf seinem Blog oder seinem Facebook-Account folgen. Auch kann man seine Abenteuer in seinen E-Books „Seeing the Americas my Way“ und „Seeing the World my Way“ nachlesen.

Tony Giles blinder Reisender

Tony unterwegs 2016 in Nicaragua
Foto: Will Phillips