9. Mai 2026, 7:23 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann ist seit jeher sprachbegeistert und hat im Laufe seines Lebens vier Fremdsprachen erlernt. Diese öffneten ihm bei seinen Reisen in etwa 70 Ländern mitunter die Türen und Herzen der Menschen. Hier erzählt er von den interessantesten Erlebnissen, die ihm seine Sprachkenntnisse unterwegs ermöglicht haben.
Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel und ich stehe mitten in einem Dorf am vielleicht unwahrscheinlichsten Ort der Welt, dem Omo-Tal in Südäthiopien. Das einzige, was noch mehr strahlt als der Feuerball, sind die Augen der Kinder um mich herum. Denn gerade habe ich mich im Dialekt ihrer Region vorgestellt und sie gefragt, wie es ihnen geht. Ungläubiges Staunen, schüchternes Kichern, schon greifen unzählige kleine Hände nach meiner, ziehen mich hinein in ein weiteres unvergessliches Abenteuer, das ich mir dank meiner Leidenschaft für Sprachen erschlossen habe. Einer Leidenschaft, die mich schon mein ganzes Leben lernen lässt und die mir auf Reisen immer wieder Glücksmomente beschert.
Schon mit zehn Monaten habe ich angeblich bereits sehr gut gesprochen. Eine Gabe, die mich schon früh auch ein Talent entdecken ließ, nämlich für das Lernen von Sprachen. Der Motor dabei war für mich, dass ich es schon immer gehasst habe, nicht kommunizieren zu können. Wie soll ich mir als Reisender ein Land erschließen, wenn ich nicht zumindest ein bisschen was von seiner Sprache verstehe? Eine weitere Gabe, so sagt meine Freundin zumindest, war es, dass mich diese Neugier auf Kommunikation mein Schamgefühl vergessen lässt. Ich versuche immer, mich notfalls mit Händen und Füßen zu verständigen, als gar nicht in Austausch zu treten.
Tiefergehende Erfahrungen
Sprachen sind der Schlüssel zur Welt und zu vielen kleinen Welten im Besonderen. Sie können auch der Schlüssel zu den Herzen der Menschen sein. Vielleicht haben Sie auch schon einmal die eigentlich absurde Situation erlebt, dass Sie in der Fremde auch nur ein Wort in der Landessprache radebrechen und sich plötzlich alle Gesichter um Sie herum wie Glühbirnen aufhellen. Als wäre es für die Gastgeber ein großes Geschenk, dass der Tourist sich die Mühe gemacht hat, ihr Idiom zu lernen. Wer andersherum an die Sache herangeht, sich nämlich vornimmt, zu jeder Destination mit einem kleinen Sprach-Geschenk anzureisen, wird ganz andere, viel tiefergehende Erfahrungen machen als der Durchschnitts-Urlauber.
Egal, wohin es mich auch zieht, ich lerne jedes Mal vorab zumindest die Wörter für „Hallo“, „Ich heiße“ und vor allem „Danke“. Schon zahlreiche Male haben mir Sprachen auf Reisen Erlebnisse beschert, die andere vielleicht nie machen werden. In Panama lud mich eine Familie erst zu einem Picknick und dann mehrere Tage zu sich nach Hause ein. In Marokko spendierte man mir auf der Straße Pfefferminztee. In Griechenland nahm mich ein Fischer mit aufs Meer, seinen Tagesfang verladen. Auf Bali erhielten meine Freundin und ich mehrfach gratis Zimmer-Upgrades. Nicht selten machte man mir zudem wegen meiner Bemühungen auf Märkten deutlich niedrigere Preise als anderen Reisenden.
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Eine zweite Familie
Falls es Sie interessiert: Neben meiner Muttersprache Deutsch beherrsche ich Spanisch und Englisch fließend und spreche gut Französisch und Polnisch. Neben meinem Talent für Sprachen waren aber auch erhebliche Mühen erforderlich, um mir diese Fähigkeiten zu erschließen. Um eine Sprache zu lernen, braucht es vor allem Beharrlichkeit, aber auch Mut. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen, die sich vor Ort mit einem Idiom eigentlich verständigen könnten, sich dann aber nicht trauen, frei zu sprechen und Fehler zu machen. Aber nur durch solche Fehler und stetige Wiederholung lernt man ja letztlich. Mein Rat an Sie unterwegs daher: Eignen Sie sich vorab ein paar Brocken an und greifen Sie dann bei jeder Gelegenheit hungrig nach den nächsten.
„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ – so sagte es einst der große Philosoph Wittgenstein. Ich für meinen Teil wollte nie hinnehmen, dass dieser Faktor mir eine Grenze setzen würde. Stattdessen wollte ich liebe- und respektvoll gegen sie anrennen, mir so die Herzen der Menschen in anderen Ländern öffnen. Und was soll ich sagen, meistens funktioniert das auch sehr gut. Ich habe auf diese Weise nicht nur Freunde in aller Welt, sondern sogar eine zweite Familie gewonnen. Die Eltern meiner Freundin nenne ich heute genau wie meine eigenen Mama und Papa. Auch dank meines Willens, mir das bis dahin fremde Land Polen über das Sprechen zu erschließen, wurde ich schnell im Kreis dieser wunderbaren Menschen aufgenommen und werde wiederum „Synek“ genannt, was so viel heißt wie „Sohn“. Ich glaube, einen größeren Beweis für die Macht der Sprachen gibt es kaum.
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Schlüssel zu Türen und Herzen
Auf sehr negative Weise lernte ich diese Macht auch kennen, als ich nach der Schule als Animateur in französischen Feriendörfern arbeitete. Neun Jahre Schulfranzösisch, die ich größtenteils gehasst hatte, wollte ich trotzdem nicht einfach so aufgeben. Und entschied mich daher, meine Kenntnisse bei einem Auslandsaufenthalt zu vertiefen. Beim ersten von insgesamt vier Jobs dieser Art sprach ich selbst zwar schon gut, verstand aber die Einheimischen mitunter noch nicht immer gleich richtig. Die Reaktionen waren nicht selten entnervte Blicke, müdes Lächeln und eine herablassende Haltung, an die ich mich bis heute erinnere. Zumal ich auch Zeuge wurde, wie dies zahlreichen anderen Kollegen zuteil wurde, nachdem ich selbst mich wohl auch aus Trotz schnell erheblich verbessert hatte.
Und auch in Süd- und Mittelamerika wird, wer „nur“ Englisch spricht, mancherorts schnell als „Gringo“ abgestempelt. Eine abfällige Bemerkung, eigentlich reserviert für US‑Amerikaner, und ihr leider auch auf Reisen nicht selten überhebliches Weltbild. Je mehr ich mir das Spanische erschloss, desto größer wurde auch der Respekt der Einheimischen vor mir. Denn mittels Sprachen verständigt man sich ja nicht nur. Man beweist auch, dass man sich für eine Kultur interessiert, für deren Menschen, für all ihre schillernden Facetten. Wer auf einer Reise Erlebnisse mit allen fünf Sinnen machen möchte, dem helfen Sprachkenntnisse dabei mitunter enorm. Sie können der Schlüssel zu den Türen und Herzen der Menschen sein.
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Von Fremden zu Freunden
Und manchmal staunt man dann selbst, wohin das Beherrschen von Sprachen eigentlich führen kann. Vor ein paar Jahren unternahm ich eine Reise durch Tschechien und man hatte mir für meine Tour einen Fahrer zugesagt, der Englisch sprechen würde. Nun konnte der gute Pawel aber leider kein Wort Englisch und zunächst einmal dachte ich so etwas wie „Das kann ja heiter werden“. Dann jedoch versuchte ich es bei ihm mit ein paar Brocken Polnisch, das für mich als Laien irgendwie ähnlich klang. Und siehe da, es funktionierte, und ich selbst verstand auch seine Antwort auf Tschechisch, zumindest im Kontext. Anschließend hatten wir vier Tage eine tolle Zeit gemeinsam und wurden Freunde, die quasi eine eigene Sprache erfunden hatten.
Das Gleiche versuchte ich dann später auf einer Reise nach Bosnien, und wieder konnte ich mich mit meinem Polnisch zumindest verständlich machen. 2018 arbeitete ich zudem als Leiter einer deutschen Reisegruppe auf den Kapverdischen Inseln. Dort spricht man Portugiesisch. Doch auch mit nur ein paar Wörtern davon und meinen Spanischkenntnissen kam ich überall gut herum und konnte mich sogar irgendwie unterhalten. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass man mich deshalb unterwegs nicht einfach als Tourist wahrnimmt, als ein wandelndes Bündel Devisen, sondern als Reisenden. Als jemand Interessierten, der ein Land nicht nur besuchen, sondern es auch begreifen möchte. Sprachen sind der Schlüssel zu diesem Versuch. Wer sie sich zunutze macht und sich traut, sie zu benutzen, kann die ganze Welt erobern.