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Mitten in Europa! Wer hier Kajak fährt, fühlt sich wie im Dschungel

Świder
Unweit von Warschau liegt der kleine Fluss Świder. Eine Paddelwanderung mit Kajaks verspricht jede Menge Adrenalin und Abenteuer Foto: Robin Hartmann
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

1. Juli 2026, 13:09 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Unweit der polnischen Millionenstadt Warschau liegt der wildromantische Fluss Świder. Abenteuerlustige können ihn mit dem Kajak befahren, was auch auf einer relativ kurzen Strecke schon ein unvergessliches Erlebnis verspricht. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann ist den Świder entlang gepaddelt. Warum er sich teils wie im Dschungel gefühlt hat, berichtet er hier.

Hätte mir jemand noch vor einem Monat gesagt, rund um die polnische Hauptstadt Warschau gäbe es einen Ort, den ich noch nicht kenne, ich hätte ihm nicht geglaubt. Meine Freundin stammt aus der Millionenmetropole. Seit 15 Jahren verbringe ich nunmehr regelmäßig mehrere Wochen im Jahr in Polen. Umso überraschter war ich, als kürzlich der Vorschlag aufkam, eine Paddeltour auf dem Świder zu unternehmen. Ein Fluss, wie er urtümlicher kaum sein könnte. Eingebettet in eine Natur, die unweigerlich Assoziationen zu Urwald und Wildnis weckt. Es wurde ein unvergesslicher Tag. Und sehr, sehr anstrengend.

Warschau an sich ist ein Kuriosum, denn um die Stadt über eine der stark befahrenen Schnellstraßen zu verlassen, braucht man mitunter gefühlte Ewigkeiten. Nur, um dann plötzlich von einer Strecke, auf der 120 km/h erlaubt sind, auf einen nicht asphaltierten Feldweg einzubiegen, und am Ziel zu sein. So war es auch bei unserer Fahrt zum Kajakverleih am Świder. Mitten im Kiefernwald lag ein gemütlich aussehendes Häuschen, davor zahlreiche Boote in unterschiedlich kläglichem Zustand. Ein Typ, der aussah, als würde er regelmäßig bei Muskelprotz-Wettbewerben einen der mittleren Plätze belegen, wies uns ein.

An manchen Stellen nur knöcheltiefes Wasser

Świder
Wer auf dem Świder paddelt, erlebt einen wilden Fluss und ursprüngliche Natur Foto: Robin Hartmann

Auf die in Polen bei einer solchen Tour eigentlich obligatorischen Schwimmwesten verzichteten wir, denn das Wasser des Świder ist an vielen Stellen gerade einmal knöcheltief. Ein Umstand, der uns im Verlauf der Tour noch sehr zu schaffen machte. Die Preise für die Ausleihe waren durchaus auf deutschem Niveau: 30 Euro für den Tag. Rein in einen klapprigen Kleinbus mit Anhänger, und schon fuhr uns der Mitarbeiter zum Ausgangspunkt unseres Abenteuers.

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Wir bestiegen unsere Boote und taten die ersten sanften Paddelschläge hinein in eine wahrhaft archaische und magische Welt. Umgestürzte Baumriesen, die ins Wasser ragen. Durch den lichten Kiefernwald fällt das wärmende Sonnenlicht und erweckt eine einzigartig schöne Natur entlang des Flusslaufs zum Leben. Farne wuchern am Ufer, der Holunder blüht weiß und verströmt seinen betörenden Duft. In den Baumwipfeln ruft ein Kuckuck, ansonsten ist es still.

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Spiel mit der Strömung

Das liegt auch daran, dass wir kaum paddeln mussten. Die relativ starke Strömung des Świder trägt uns mühelos dahin, als wären unsere Boote aus Papier. Es ist ein schwereloses Gleiten, die Gedanken driften in andere Sphären ab, der Herzschlag wird langsamer. Bis mit einem Mal ein beunruhigendes Geräusch aus dem Wasser ertönte, eine Art Schaben, verbunden mit einem ruckartigen Stopp der vergnüglichen Kajak-Tour. Wir sind auf Grund gelaufen, auf ein Kiesbett im Fluss, von dem wir jetzt aufgrund unseres Eigengewichtes nicht mehr einfach so loskamen. Und das bedeutete, aufstehen, sich ungelenk aus dem Boot schälen und eine Weile lang den Kahn hinter sich herschleifen.

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Die Hartplastik-Kajaks wiegen ohne uns drin nicht viel, trotzdem war es eine mühselige Angelegenheit. Zumal es Passagen gab, auf denen man quasi mehr Zeit außerhalb der Boote verbrachte als in ihnen sitzend. Irgendwann wurde es zu einer Art Spiel, so lange sitzenzubleiben, wie es nur irgend geht, sich, wenn möglich, durch die kraftvolle Stoßbewegung der Hüften vielleicht doch freizukämpfen. Zudem mussten wir immer wieder umgestürzte Bäume umschiffen oder mitunter auch mitten durch ihr Geäst hindurchpaddeln. Ein paar Kratzer und Schrammen brachte uns das ein, aber wir fühlten uns wie echte Abenteurer, Entdecker.

Wie auf der Titanic

Świder
Ankunft am Tagesziel nach einer aufregenden Fahrt auf dem Świder Foto: Robin Hartmann

Aufgelockert wurde das Paddel-Programm auf dem Świder durch erfrischende Bade-Stopps, denn immer wieder laden entlang der Strecke kleine Buchten zu einem Halt ein. Das Wasser war auch Anfang Juni noch herrlich kühl, um uns herum schwirrten unzählige magisch leuchtende Libellen, sogenannte Blauflügel-Prachtlibellen. Sie sind ein Indikator für eine hervorragende Fließgewässerqualität und kommen nur in einem wirklich sauberen und unberührten Habitat vor.

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Dann ging es zurück, schiebend, ächzend, fluchend, wenn die Kajaks mal wieder feststeckten. Und das passierte so oft, dass ich mir irgendwann Sorgen um die Unversehrtheit unseres Gefährts machte. Wenn die Passagiere der Titanic sich auf einem unsinkbaren Schiff wähnten, so ging es mir quasi umgekehrt. Ständig dachte ich, bei der nächsten Kollision müsste unser Boot unweigerlich zerbrechen und wir die restliche Strecke auf dem Świder schwimmend, watend oder über spitze Steine humpelnd bewältigen müssten. Man kann den Fluss auf einer Länge von einmal 20 Kilometern befahren, unsere Strecke betrug lediglich fünf Kilometer. Und doch war abzusehen, dass wir unser Ziel nicht pünktlich erreichen würden.

Dieses erreichten wir irgendwann nach drei statt der geplanten zwei Stunden Fahrt auf dem Świder – erschöpft und glücklich. Gleiten, schieben, zerren, stoßen: Es war ein unvergesslicher Tag auf Polens Dschungel-Fluss. Wir kommen irgendwann gerne wieder für die volle Distanz.

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