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Paddelwandern auf der Peene – so gelingt die perfekte Tour

Peene
Die Peene ist einer der letzten naturbelassenen Flüsse Deutschlands. Eine Tour hier verspricht Ruhe und ganz viel Abenteuer. Foto: Getty Images/imageBROKER RF
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

23. Juni 2026, 15:12 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten

Die Peene ist einer der letzten fast vollständig unverbauten Flüsse Deutschlands. Auf einer am besten mehrtägigen Paddelwanderung mit dem Kajak können Wassersportler den Fluss bereisen. Während die Begegnungen mit anderen Menschen sich dabei meist auf die wenigen Halte in den Dörfern und Städtchen entlang der Strecke beschränken, spielt die Natur im eiszeitlichen Peenetal ganz groß auf. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann war für Sie drei Tage lang auf dem „Amazonas des Nordens“ unterwegs und verrät, wie Ihnen die perfekte Tour gelingt.

Ein sonniger Tag Ende Mai, nur ein paar Federwolken akzentuieren den ansonsten strahlend blauen Himmel, der sich über mir so gewaltig erstreckt, dass man meint, die Kugelform der Erde mit bloßem Auge nachvollziehen zu können. In meinem Kopf herrscht ein Nirvana-artiger Ruhezustand, während es überall um mich herum aus dem dichten Schilf quakt, zirpt, schnarrt, zwitschert und tiriliert. Ich gleite, Paddelschlag auf Paddelschlag, auf der sanft strömenden Peene dahin, und außer zwei von meinen ältesten Freunden sind da nur unglaublich viele verschiedene Vogelarten in einer Natur, wie man sie sich im biblischen Garten Eden vorstellen mag. Genauso gut könnten wir die ersten oder die letzten Menschen auf der Welt sein, Hauptdarsteller in einem neuen, unvergesslichen Abenteuer, dessen Bühne uns der „Amazonas des Nordens“ bereitet.

Diesen klangvollen Beinamen trägt die Peene, weil sie wirklich im besten aller Sinne wild ist. Der drittlängste Strom Mecklenburg-Vorpommerns windet sich von seinem Ursprung im Kummerower See bis zu seiner Mündung in den Peenestrom bei Anklam etwa 85 Kilometer durch eine archaische Landschaft, geprägt von Mooren, Feuchtwiesen, unendlichen Schilfgürteln und Erlenbruchwäldern. Sie ist zudem einer der letzten wirklich naturbelassenen Flüsse Deutschlands. Der Paddelwanderer trifft auf seiner gerne auch mehrtägigen Strecke auf keinerlei Schleusen oder Stauwehre. Nur im Bereich der wenigen Ortschaften entlang des Stroms sind die Ufer mitunter befestigt, künstliche Begradigungen gibt es so gut wie überhaupt nicht. Mit einem Gefälle von gerade einmal 24 Zentimetern ist die Peene ein Paradies für Wassersportler.

Während der letzten Eiszeit entstanden

Das vor etwa 10.000 Jahren entstandene, eiszeitliche Peenetal ist zudem eines der größten zusammenhängenden Niedermoor-Gebiete Mittel- und Westeuropas und das ursprünglichste aller norddeutschen Flusstäler. Seit 2011 ist es als 200 Quadratkilometer großer Naturpark besonders geschützt. Die Peene wird auch deshalb „Amazonas des Nordens“ genannt, weil sie sich auf ihrer Strecke in unzählige kleine und größere Seitenarme ergießt. Und wegen ihres unglaublichen Tierreichtums, allen voran Wasservögel. Gleich mehrere Arten von Adlern sind hier heimisch, dazu Schwäne, Enten, Möwen, Schwalben, Störche, Teichrohrsänger, Kraniche und viele mehr. Vor allem die Adler, diese Majestäten der Lüfte, sind es natürlich, die den Paddelwanderer unterwegs immer wieder in ehrfürchtiges Staunen versetzen.

Unsere Tour startete in dem kleinen Ort Loitz. Am schmucken Hafen war ob des schönen Wetters richtig was los, im „Hafenbistro“ und dem Restaurant „Korl Loitz“ ließen sich die zahlreichen Gäste Fischbrötchen, kaltes Bier und Aperol Spritz schmecken. Mein Freund hatte unsere Kajaks bei den liebenswert-schrulligen Betreibern des „Amazonas-Camp Loitz“ bestellt, die ich selbst vorbehaltlos empfehlen kann. Gut, unsere Boote hatten ein paar kleinere Macken, dazu für mein Verständnis relativ wenig Stauraum. Aber letztlich liefen sie im Wasser tadellos, konnten wir dank Rückenwind und der uns unterstützenden Strömung relativ anstrengungslos Strecke machen. Zudem holte man uns an unserem Endpunkt bequem wieder ab und murrte auch nicht, als wir unsere Ankunftszeit nochmal nach hinten verschoben.

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Drei Tage Einsamkeit

Peene
Die Peene schlängelt sich etwa 85 Kilometer durch Mecklenburg-Vorpommern Foto: Getty Images/imageBROKER RF

Doch dazwischen lagen drei unvergessliche Tage in der schönsten Einsamkeit der Natur. Als wir endlich auf dem Wasser sind, legen wir erst einmal ein bisschen Tempo vor. Denn rund um Loitz sind dann doch für unseren Geschmack zu viele Menschen unterwegs, dümpeln neben unseren Kajaks auch zahlreiche Hausboote mit Tagesausflüglern die Peene hinunter. Bald schon aber weicht der Motorenlärm der Stille. Beziehungsweise eher einem ganz anderen, sehr angenehmen Krach. Denn im Schilf und am Himmel machen die unzähligen Vögel derart Rabatz, dass man sich wiederum an die Bibel erinnert fühlt. Genauer gesagt an den fünften Tag der Schöpfung, als Gott dem Glauben nach Fische und Vögel erschuf. Menschen sehen wir erstmal für längere Zeit nicht mehr, und so beginnt eine wunderbare Zeit der inneren Einkehr auf dem Wasser.

Dank der Strömung fließen die Kilometer nur so dahin und schon erreichen wir den Wasserrastplatz nahe dem Mini-Ort Sophienhof. Ein erster Badestopp, für die Notdurft auch Plumpsklos und ein Toiletten-Container. Bei einem Spaziergang in das Dorf dann ein kleiner Hofladen mit Erfrischungen und Snacks, ansonsten drückende Nachmittagsstille über dem Land. Da die Peene ein geschützter Naturpark ist, sind die Möglichkeiten zum Anlanden außerhalb solcher Örtlichkeiten eher begrenzt. Es ist bewusst gewollt, dass sich der Mensch hier nicht abseits der Wasserstraße bewegt. Natürlich ist auch jede andere Beeinträchtigung der Natur verboten, aber das gebietet schon der gesunde Menschenverstand. Wir paddeln weiter, zu unserem Tagesziel sind es heute insgesamt nur acht Kilometer.

Eine Oase für Wasserwanderer

Auf der Peene ist es wirklich leicht zu vergessen, dass es auf der Welt noch etwas anderes gibt als einen selbst und den Fluss. Das dichte Schilf und die tiefen Auenwälder begrenzen mitunter den Weitblick, was allerdings keinesfalls störend wirkt. Irritierend hingegen die immer wieder am Horizont auftauchenden Mahnmale der Moderne in Form riesiger Windräder oder Solarparks. Doch dann kreist über einem auch schon der nächste Adler und lenkt mit seiner Flugshow davon ab, dass sich der sogenannte „Fortschritt“ auch rund um das Peenetal unersättlich in die Landschaft hineinfrisst. Die wenigen Ortschaften entlang der Strecke wirken da mitunter wie erfrischende Anachronismen.

So zum Beispiel Alt-Plestlin, unser Tagesziel. Ein Ortsteil der Gemeinde Bentzin, etwa 60 Einwohner, ein altes, unter mysteriösen Umständen abgebranntes Gutshaus. Und dann ist da noch „Snack Zack“, eine wahre Oase für Wasserwanderer, eine Art Bistro mit Ausschank inmitten eines herrlichen Gartens. Die Betreiber, Susen und Silvio Neumann, empfangen herzlich und mit köstlichem Fassbier und Essen zu vorgestrigen Preisen.

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Die Magie der Nacht

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Solche Stimmungsbilder machen eine Tour auf der Peene so einzigartig Foto: Getty Images/imageBROKER RF

Ein Wort noch zu den Wasserrastplätzen entlang der Peene. Diese sind eigentlich kleine Campingplätze, absolut tadellos gepflegt, mit echten Toiletten und sogar der Möglichkeit zum Duschen. Strom und kleine Küchen gibt es auch, sowie offizielle Feuerstellen, teils sogar bereits mit Brennholz bestückt. Die Orte sind sauber, man kann auch an kleinen Badestellen seinen Müll entsorgen. Gepflegt werden sie zum Beispiel vom tollen Team von „Abenteuer Flusslandschaft“, das selbst auch Boote vermietet. Mitunter gehören die Gelände aber auch Vereinen, wie bei unserem zweiten Nachtlager nahe der Kleinstadt Gützkow.

Nachts entfaltet die Peene eine ganz eigene Magie. Wenn überhaupt möglich, sind die Vögel, Frösche und Zikaden dann noch lauter als tagsüber. Wer wie ich schon einmal im Dschungel war, wird nun erst recht verstehen, warum der Fluss auch „Amazonas des Nordens“ heißt. Wenn sich dann am klaren Firmament noch ein spektakulärer Sternenhimmel zeigt, möchte man trotz eines anstrengenden Tages unterwegs am liebsten gar nicht schlafen. Die Arme und Schultern mögen vom Paddeln müde sein und schmerzen, aber dieser Magie kann man sich dennoch nicht entziehen. Bis irgendwann doch von alleine die Augen zufallen.

Ein bisschen Farbe gegen Rechts

Der zweite Tag auf dem Wasser verfliegt dann zwischen stundenlanger Meditation und den Besuchen der Orte auf der Strecke. Zunächst einmal das 30-Seelen-Nest Alt-Jagenow. Mittags dann liegt auf etwa der Hälfte der Strecke die Kleinstadt Jarmen. Eine erschreckend hässliche Hafenanlage und viel Leerstand im Ort. Die blühenden Landschaften entlang der Peene, hier findet man sie nicht.

Hier trifft man nun an einem heißen Tag gefühlt auch sämtliche Bewohner Jarmens. T-Shirts mit Aufschriften wie „Team Deutschland“ oder sogar „Gesichert rechtsextrem“ lassen uns aber wieder den Weg zu unseren Booten antreten. Zuvor noch ein kurzer Besuch im „Kritzel-Café“, wo die Kreativitätspädagogin Bettina Münchberg mit ihrem Mann Lutz Kunst ausstellt. Viele der Werke hat sie selbst gemacht, einige stammen von ihren Schülern aus ganz Deutschland. Wie selbstverständlich wird man bei einer Visite zu Kaffee und Kuchen eingeladen. Ein mutiger Versuch, mit sehr viel Farbe etwas gegen das Braun zu unternehmen, das sich leider in den Köpfen vieler Menschen in der Region festgesetzt zu haben scheint. Wer die Galerie einmal besichtigen möchte, sollte vorab einen Termin vereinbaren.

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Vorsicht vor der „Überraschungspizza“

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Fischadler sind die Könige des Peenetals Foto: Getty Images/imageBROKER RF

Wir paddeln weiter, weg vom Lärm der Jarmener Autobahnbrücke, wieder hinein in die Stille der Peene. Und ehe wir uns versehen, nähern wir uns auch schon dem Wasserrastplatz in Gützkow. Um diesen zu erreichen, muss man in einen kleinen Seitenarm des Flusses paddeln. An den Ufern zahlreiche Stelzenhäuschen, die wiederum an Siedlungen entlang des echten Amazonas erinnern. Der Campingplatz empfängt dann mit einer derartigen Idylle, dass es einen fast erschlägt. Reetgedeckte Häuschen, saubere Sanitäranlagen mit Duschen, viel Platz.

Paddel-Rausch

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Auf unserem Rückweg explodiert der Himmel in einem wahren Rausch impressionistischer Primärfarben, bevor die Nacht wiederum ein kosmisches Feuerwerk abbrennt, begleitet vom sanften Schlaflied der Geräusche der örtlichen Tierwelt. Derart gestärkt, geht es am letzten Tag unserer Tour auf der Peene in Richtung Stolpe weiter. Es ist jetzt wirklich ein müheloses Gleiten, zwölf Kilometer fliegen in einem Paddel-Rausch nur so dahin. Und das, obwohl wir uns eigentlich gar nicht richtig anstrengen müssen, die Strömung des Flusses übernimmt einen Großteil der Arbeit. An unserem Tagesziel empfängt uns dann ein ganzes Volksfest an Menschen, die sich an der schönen Promenade tummeln.

Wir stärken uns in dem sehr schicken „Stolper Fährkrug“ und machen dann einen letzten Badestopp. Es ist absolutes Kaiserwetter, doch leider endet hier unsere Tour. Die Peene selbst fließt noch ein paar Kilometer weiter bis Anklam. Dort wird sie zum Peenestrom, der sich wiederum in den Greifswalder Bodden und damit in die Ostsee ergießt. Bleibt zu hoffen, dass sie sich ihren Status als einer der letzten wirklich naturbelassenen Flüsse bewahren kann. Wir jedenfalls würden gerne wiederkommen.

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