26. August 2025, 6:40 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
An nur wenigen Orten in Deutschland hat man die Möglichkeit, in derart einsamer, urtümlicher Natur zu wandern wie im Harz. Und eine solche Tour wird noch einmal spektakulärer, wenn sie entlang eines Flusses oder an einem Wasserfall vorbeiführt. Auf vielen Strecken bekommt man sogar beides geboten, und dazu nicht selten noch eine stärkende, deftige Einkehr. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann liebt den Harz seit Jahren und verrät, welche Ausflüge sich auch für Wander-Anfänger lohnen.
Es gibt wohl kaum ein schöneres und beruhigenderes Geräusch für mich als das Plätschern des Wassers. Die perfekte Klangkulisse für einen kräftezehrenden und zugleich die Seele kräftigenden Tag in der Natur. Plötzlich ist er da, ein Bach oder gar ein Fluss, begleitet den Weg ein Stück weit. Sein Fließen ist idealerweise das einzige Geräusch neben dem der eigenen Füße, einen Schritt vor den anderen, das Mantra des Wanderers. Wie eine Ader das Land durchziehend, macht solch ein Gewässer aus einer an sich schon schönen Strecke eine wahre Genussroute – und führt vielleicht sogar, besonders spektakulär, zu einem wilden Wasserfall. In meiner liebsten Wanderregion, dem Harz, entdecke ich seit Jahren immer wieder solche tollen Orte. Einige davon möchte ich hier mit Ihnen teilen.
Da ist zunächst einmal der absolute Klassiker, die Wanderung durch das archaische Bodetal entlang des gleichnamigen Flusses. Im Verlaufe von Millionen von Jahren hat die Bode hier über eine Strecke von etwa 10 Kilometern eine teils mehrere hundert Meter tiefe Schlucht durch die Landschaft gezogen. Entlang teilweise nur mannsbreiter Fußwege folgt man hier dem Wasser, zum Beispiel ab Thale bis nach Treseburg oder sogar Altenbrak oder umgekehrt. Mal mäandert, mal rauscht die Bode neben dem Weg her, zum Teil ganz nah, an heißen Tagen sogar zu einem Bad verlockend (was aber offiziell verboten ist).
Pause am Fluss
Im Frühjahr findet man hier Bärlauch, entlang des Weges blühen Waldmeister und Teufelskralle. Wer abenteuerlich ist und den Hauptweg an einer Stelle verlässt, die ich hier nicht näher beschreiben möchte, kann sich sogar auf einem steilen Trampelpfad zu einer angeblich 1000-jährigen Eibe durchschlagen. Der Baum ist so groß, dass man in seinem hohlen Stamm problemlos Platz für eine Ruhepause findet. Auch gibt es einige tolle Aussichtspunkte wie die Sonnenklippe, an denen man auf der Tour entspannen kann. Ab dem Märchenort Treseburg flacht das Bodetal dann merklich ab und öffnet sich, der Fluss fließt nun breit und träge durch die Landschaft. Machen Sie hier unbedingt Pause für eine Stärkung in der „Pension Sternschnuppe“, die den für mich schönsten Biergarten des Harz direkt am Fluss hat.
Ein zweites Aushängeschild des Harzes ist zweifellos eine Wanderung entlang des Ilse-Flusses bei Ilsenburg. Wer möchte, kann diese sogar zu einer Besteigung des Brockens ausdehnen, doch besonders für Familien bietet sich die nur wenige Kilometer lange Grundstrecke an. Schon das Örtchen an sich empfängt mit einem malerischen Charme, dem wahrscheinlich nicht wenige Wanderer (noch vor der Tour) zunächst einmal erliegen. So gibt es entlang der Strecke noch im Dorf für kleine Gäste auch einen Wasserspielplatz und für müde Füße ein Kneipp-Fußbad, beides gespeist natürlich von der Ilse selbst. Die Route beginnt dann über breite Wege durch einen dichten Buchenmischwald. Wer möchte, kann an dem Brunnen „Prinzess Ilse-Quelle“ auch seine Feldflasche wieder auffüllen. Ich persönlich trinke bei Bedarf auch direkt aus den diversen Bächen und Flüssen im Harz, aber es bleibt Ihnen überlassen, ob Sie mir das nachtun möchten.
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Benannt nach einem Poeten
Da es ja langfristig zum Brocken hinaufgehen kann, führt auch der Verlauf der Ilse den Wanderer in der Folge über Stock und Stein in die Höhe. Keine wirklich schweißtreibenden Anstiege, aber ein bisschen Kondition sollte man für diesen Teil der Tour schon haben. Da man unterwegs aber immer wieder anhalten wird, um Bilder der Postkarten-Strecke zu machen, ergeben sich die Pausen quasi wie von selbst. Es sind nur wenige Kilometer, dann gelangt man zu den wilden Ilsefällen, wo sich das rauschende Wasser, nun über zahlreiche Kaskaden strömend, Richtung Tal ergießt. Kein Wunder, dass die Strecke auch als „Heinrich-Heine-Weg“ bekannt ist, benannt nach einem unserer großen deutschen Naturpoeten. Wer einen Tagesausflug geplant hat, kann nun über das hervorragende „Waldgasthaus Plessenburg“ und den Ilsestein auf einem Rundwanderweg wieder zurück in den Ort kehren.
Die beiden vorgenannten Touren sind ob ihrer Schönheit, guten Erreichbarkeit und technischen Einfachheit sicherlich die populärsten Flusswanderungen im Harz, und jahreszeitabhängig absolute Touristenmagneten. Doch es gibt auch einsamere Wege, und hier sei vor allem die Wanderung entlang der Ecker erwähnt. Diesem Fluss kann man sogar ab seiner Quelle, dem Eckersprung, einen halben Tag lang bis zum gewaltigen Eckerstausee folgen, in den er sich ergießt. Fragt man sich zunächst einmal am Start, wo denn dieser Fluss nun sein soll, tritt er nur wenige hundert Meter weiter schon als rauschender Gebirgsbach unter seiner dichten Ufervegetation hervor. Die Tour führt in absoluter Waldstille durch die Landschaft. Im Sommer sollte man wegen der unzähligen Büsche mit Waldhimbeeren, die als Stärkung warten, auf jeden Fall etwas mehr Wanderzeit einplanen.
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Ein Stück deutsche Geschichte
Spektakulär ist auch die Eckerquerung. Eine Stelle, an der man den Fluss über ein paar große Steine bis ans andere Ufer passiert. Bis zum Stausee ist es von hier nicht mehr weit. Und dieser ist besonders sehenswert. Während der Zeit der innerdeutschen Teilung verlief die Grenze nämlich mitten durch seine Staumauer. Noch heute kann man hier die alten Demarkationssteine sehen. Oberhalb des Staubeckens befindet sich wiederum ein Brunnen für durstige Wanderer. Nun hat man eine schwere Wahl zu treffen. Denn es lockt entweder ein Umweg über den Radau-Wasserfall. Oder eine relativ nahe Einkehr in den beiden gleichermaßen schmackhaften Gaststätten „Molkenhaus“ und/oder „Rabenklippe“.
Ich würde Ihnen empfehlen, sich die Rast mit einem Umweg zum Wasserfall zu versüßen. Denn dieser ist für mich mit seinen 23 Metern Höhe, obwohl einst künstlich angelegt, die schönste Kaskade im gesamten Harz. Die Wanderung durch das Radau-Tal entlang des gleichnamigen Flusses ist zudem ebenfalls einen Abstecher wert. Vielleicht bleiben Sie am Wasserfall ja dann auch in dem griechischen Gasthaus „Santorini“. Oder gehen noch weiter bis zur „Marienteichbaude“. Dort kann man mit etwas Glück sogar eine Wildtierfütterung miterleben. Meine persönliche Empfehlung unter diesen Möglichkeiten wäre die „Rabenklippe“. Nicht nur kann man hier bei sensationeller Aussicht auf den Brocken hausgemachtes Essen genießen, auch kleine Gäste dürften begeistert sein, denn in einem nahen Gehege lassen sich drei Luchse beobachten.
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Ein echter Rekordhalter
Wer einen echten Rekordhalter mit eigenen Augen sehen möchte, sollte entlang der Oker durch das Okertal laufen. Denn bei dem kleinen Ort Romkerhall wartet mit dem Romkerhaller Wasserfall, die mit 64 Metern höchste Kaskade im gesamten Harz auf Wanderer. Auch er wurde einst künstlich angelegt, und zwar von einem echten Royal. Der englische König Georg V., verheiratet mit einer deutschen Prinzessin, hatte hier im 19. Jahrhundert sein Jagdrevier. Das ebenfalls von ihm erbaute Jagdschloss ist heute ein Hotel-Gasthaus. Und nennt sich dank seiner skurrilen Geschichte scherzhaft „das kleinste Königreich der Welt“. Ein sehr schöner Ort, besonders bei Pärchen beliebt, befindet sich ganz in der Nähe mitten im Oker-Fluss: die sogenannte Verlobungs-Insel. Über eine Brücke erreicht man das steinerne Eiland. Bitte beachten Sie hier zu Ihrer eigenen Sicherheit unbedingt die Warnschilder, den Fluss selbst nicht zu betreten oder zu baden. Sie werden dann schon herausfinden, warum.
Eine weitere schöne Fluss-Wasserfall-Wanderung können Sie ab dem Bahnhof Steinerne Renne bei Wernigerode starten. Diesen erreicht man entweder zu Fuß oder über das Netz der „Harzer Schmalspurbahnen“, die ich Ihnen hiermit sehr ans Herz lege. Die teils noch dampfbetriebenen Züge und ihr liebenswertes Pfeifen lassen die Augen von kleinen wie großen Eisenbahnfreunden auch auf kurzen Strecken leuchten. Das Beste: Bis auf wenige Stationen in Richtung/ab dem Brocken können Sie die Bahn mit dem Deutschland-Ticket kostenlos nutzen. Zu Fuß gelangt man dann entlang des Holtemme-Flusses zum Gasthaus Steinerne Renne. Dieses kann mit der vielleicht spektakulärsten Lage im gesamten Harz protzen.
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Picknick und Einkehr
Denn direkt beim Gasthaus ergießt sich die Holtemme über einen breiten, rauschenden Wasserfall zu Tal. Dieser lässt sich dank einer Brücke überqueren. Auf diese Weise können Sie auf der einen Seite des Flusses auf-, und auf der anderen wieder absteigen. Natürlich nach einer Stärkung in der stets gut besuchten Gaststätte. Für Familien lohnt sich auch ein Besuch beim Wasserfall in Königshütte. Wenn auch nicht so beeindruckend wie seine wilden Cousins, so kann man hier dank einiger Picknick-Bänke wunderbar verweilen. Für Kinder ist es zudem ein toller Wasserspielplatz. Von hier ist es dann auch nicht mehr weit zu den kleinen und großen Stauseen und Talsperren, die an sich auch schon wieder eine Sehenswürdigkeit sind. Wer unterwegs gut essen möchte, kann in das familiengeführte Restaurant-Hotel „Mandelholz“ einkehren.
Das Schöne an dieser Liste ist, dass ich genau weiß, dass ich sie in ein paar Jahren sicher noch um einige Punkte ergänzen werden kann. Denn auch wenn ich im Harz mitunter mehrere hundert Kilometer im Jahr wandere, habe ich natürlich längst noch nicht alle Ecken dieses sich über drei Bundesländer erstreckenden Naturwunders gesehen. Sicher fehlen mir da also auch noch ein paar Touren entlang einiger schöner Flüsse und Wasserfälle. Vielleicht haben Sie sich ja beim Lesen eben darüber gefreut, dass Ihr ganz persönlicher Geheimtipp eben (noch) nicht auf dieser Liste steht. Und wer weiß, womöglich treffen wir uns ja dann irgendwann einmal zufällig dort, nicken uns zu, und gehen dann wieder unserer Wege. Platz genug für uns alle gibt es auf jeden Fall im Harz.

