In Nicaragua

Masaya – wie ein Vulkan ein Land zum Christentum bekehrte

Der Masaya-Vulkan in Nicaragua
Im Angesicht des Infernos: Den Masaya-Vulkan kann man heute als Tourist besuchen
Foto: Getty Images

Der Masaya-Vulkan in Nicaragua war einst Schauplatz grausamer Menschenopfer – und veränderte durch einen besonders heftigen Ausbruch über Nacht das ganze Land. TRAVELBOOK erzählt die unglaubliche Geschichte.

Unweit von Managua, der Hauptstadt von Nicaragua, liegt einer der gefährlichsten Orte des ganzen Landes: der Masaya-Vulkan. Der Feuerberg ist bis heute aktiv. In seinem 200 Meter tiefen Schlund brodelt seit Urzeiten die Lava, giftige Schwefel-Dämpfe steigen in die Luft. Gelegen im nach ihm benannten Masaya-Nationalpark ist der größte Vulkan von Nicaragua ein unwirtlicher Ort. Und doch war es genau dieser Berg, der das Land vor fast 250 Jahren für immer veränderte.

Der Masaya, der auch heute noch in unregelmäßigen Abständen immer wieder ausbricht, wurde wegen seiner Zerstörungskraft von den Ureinwohnern Nicaraguas als Kultstätte verehrt. Hier lebte ihrem Glauben nach die Feuergöttin Chaciutique, wie die einheimische Zeitung „La Prensa” berichtet. Um sich ihrer Gunst zu versichern und ihren zerstörerischen (Wut-)Ausbrüchen Einhalt zu gebieten, brachten die Ureinwohner ihr laut Chronisten immer wieder Menschenopfer dar. Man schleppte diese armen Seelen an den Rand des Vulkankraters und warf sie hinein, wo sie lebendig verbrannten. Vor allem Kinder und junge Frauen seien auf diese Weise umgekommen.

Masaya-Vulkan, das „Tor zur Hölle“

Nicaragua

Ein Blick in den Abgrund des etwa 200 Meter tiefen Santiago-Kraters zeigt: Der Masaya ist immer noch aktiv
Foto: dpa Picture Alliance

Und auch die spanischen Eroberer, die ab 1524 unter Francisco Hernández de Córdoba das Land kolonisierten, hatten großen Respekt vor dem Masaya, denn sie vermuteten in seinem Schlund nicht weniger als das „Tor zur Hölle“, den Wohnort des Teufels. Der Mönch Francisco de Bobadilla ließ daher auf dem höchsten Punkt des Kraters ein Kreuz errichten, dass die bösen Mächte vertreiben und weitere Ausbrüche des Vulkans verhindern sollte.

Die glühende Lava rief aber noch ganz andere Assoziationen hervor, zum Beispiel bei Blas del Castillo, einem weiteren Mönch, der vermutete, dabei könne es sich um nichts anderes handeln als um flüssiges Gold. Dieses wollte er dem Krater entreißen und an die Armen verteilen, weswegen er sich gleich drei Mal abseilen ließ, um seine Vermutung zu überprüfen — natürlich, ohne dabei tatsächlich Gold zu finden, was aber den Spekulationen seiner Landsleute keinen Abbruch tat. Laut einem zeitgenössischen Chronisten nahmen andere Entdecker an, im Masaya-Vulkan könnte sich Silber, Kupfer oder Eisen befinden.

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Neun Tage Feuer-Regen

Eines war für die Spanier aber von vornherein klar: Sie wollten den nach ihrer Ansicht ungläubigen Ureinwohnern den christlichen Glauben bringen. Am Ende war es ausgerechnet der Masaya-Vulkan, diese heidnische Kultstätte, die ihnen dabei half — genauer gesagt ein besonders heftiger Ausbruch, der sich im Jahr 1772 ereignete. Neun Tage lang soll es glühende Lava, Gestein und Asche auf das Land herab geregnet haben, so dass die Naturgewalt drohte, die nahe liegenden Orte Nindirí und Masaya zu zerstören.

Zu diesem Zeitpunkt glaubten die Ureinwohner bereits, ihre Feuergottheit habe sich von ihnen abgewandt, als Strafe dafür, dass sie die Spanier ins Land gelassen hatten. Derart verzweifelt waren sie leichte Beute für die christlichen Missionare, die ihnen versprachen, Gott würde den Vulkan schon aufhalten, wenn sie sich nur zum „rechten Glauben” bekehren ließen.

Vulkan bekehrt das Land zum Christentum

Zunächst einmal aber verließen fast sämtliche Einwohner von Nindirí und Masaya ihre Heimat, doch ein paar Waghalsige rund um den Diakon Don Pedro Castrillo blieben und starteten wenig später einen Prozessionszug, bei dem sie ihre wichtigsten religiösen Reliquien zu einer dem Vulkan nahen Lagune trugen, wo sie Gott darum baten, die Naturgewalt zu stoppen. Der Legende nach war dies tatsächlich erfolgreich, so habe der Lavastrom auf wundersame Weise seine Richtung geändert. Geschichtlich verbürgt ist nur: Nindirí und Masaya blieben von der Zerstörung verschont, und das Christentum breitete sich anschließend von dort aus im ganzen Land aus. Heute ist der Großteil der Bevölkerung von Nicaragua katholisch.

Weitere Ausbrüche des Masaya-Vulkans wurden durch die Konvertierung allerdings nicht verhindert, bis heute ist er aktiv. 1853 wurde bei einer Eruption sogar der Santiago-Krater geboren, in dem heute noch die Lava kocht. Laut dem Vulkanologen Alexander McBirney, den „La Prensa” zitiert, bricht der Masaya im Schnitt etwa alle 20 bis 30 Jahre aus. Aktuell weiß niemand, wann es wieder soweit sein könnte — nur, dass er seit 2016 wieder besonders aktiv ist.

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Atombomben und Müllverbrennungs-Anlage

Im vergangenen Jahrhundert machte der Vulkan dann noch einmal auf andere Weise von sich reden. Dank gleich zweier wahrlich bizarrer Ideen: So machte 1946 Anastasio Somoza, der damalige Präsident von Nicaragua, den Vorschlag, den Vulkan mittels einer Atombombe zum Schweigen zu bringen — glücklicherweise konnte ihn damals aber ein Vulkanologe davon abhalten, denn eine mögliche Explosion hätte wohl auch weite Teile der Hauptstadt Managua zerstört (tatsächlich zerstörte dann 1972 ein schweres Erdbeben die Stadt fast vollständig, bis heute ist sie nicht adäquat wieder aufgebaut). Später dann schlug Herty Lewites, von 2000-2004 Bürgermeister von Managua, vor, man könne den Vulkankrater nutzen, um darin den Müll des Landes zu verbrennen, doch auch diese Idee wurde verworfen.

Heute kann man den Vulkan und seinen Santiago-Krater besuchen, der Masaya-Nationalpark liegt nur wenige Kilometer von Managua entfernt. Wegen der immer noch aufsteigenden Schwefeldämpfe wird auf Schildern dazu angeraten, sich nur eine kurze Zeit am Kraterrand aufzuhalten, doch das Naturschauspiel der glühenden Lava ist immer noch beeindruckend. Und so kann man fast sicher sagen, dass das letzte Kapitel in der Geschichte des Masaya-Vulkans noch lange nicht geschrieben ist.

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