24. Dezember 2025, 6:39 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Die ehemalige Bergarbeiterstadt Picher im US-Bundesstaat Oklahoma hält einen traurigen Rekord: Sie ist laut der amerikanischen Umweltbehörde der giftigste Ort der Vereinigten Staaten.
Irgendwo im Grenzgebiet zwischen Kansas, Missouri und Oklahoma, im Herzen eines 100 Quadratkilometer großen, als „Tar Creek“ bekannt gewordenen ehemaligen Bergbaugebietes, liegt Picher – beziehungsweise das, was von dieser einst blühenden Stadt noch übrig ist. Denn sie „beansprucht“ einen traurigen Rekord für sich: Picher ist der giftigste Ort in den gesamten Vereinigten Staaten.
Doch wie kam es zu dieser Katastrophe? Als Picher 1891 gegründet wurde, entdeckte man laut „Wired“ bald die reichen Vorkommen an Blei und Zink im Boden. Dabei handelt es sich um Materialien, die für die Produktion von Kriegsmaschinerie in den beiden aufkommenden Weltkriegen einen reißenden Absatz fanden. Bald haben in Picher 14.000 Bergarbeiter gelebt und die insgesamt 227 Minen im Jahr 1925 hatten ein Produktionsvolumen von fünf Millionen Kilo Roh-Erz – pro Tag. Insgesamt sollen aus diesem zwischen 1891 und 1970, als die Förderung versiegte, 1,7 Millionen Tonnen Blei und 8,8 Millionen Tonnen Zink gefördert worden sein.
Auch interessant: Die Geisterstadt, die im Sand versinkt
Millionen Tonnen Giftabfall
Diese Mengen klingen gigantisch, doch um sie zu gewinnen, musste man unfassbare 181 Millionen Tonnen Roh-Erz verarbeiten. Dabei blieben oft giftige Rückstände wie Kadmium, Blei, Arsen, Eisen und Mangan zurück und verseuchten sukzessive das Wasser. Das trug zu einer drastisch erhöhten Krankheitsrate besonders unter Kindern bei. Laut „NBC“ habe eine Studie im Jahr 2004 gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, an Pneumokoniose, besser bekannt als Staublunge, zu erkranken, in Picher um 2000 Prozent höher war als im Durchschnitt. Auch die Raten für Lungenkrebs, Bluthochdruck, Atemwegserkrankungen und Kindersterblichkeit seien hier stets höher gewesen.
Laut „Wired“ hätten damals in mehreren Fällen Kinder nach dem Baden in den Gewässern rund um Picher chemische Verbrennungen davongetragen. Die habe man allerdings für einen einfachen Sonnenbrand gehalten. Im Jahr 1980 hatte die amerikanische Umweltbehörde begonnen, das Problem rund um Picher zu erfassen. Für dessen Eindämmung wurde bis heute ein hoher dreistelliger Millionenbetrag ausgegeben. Die EPA erklärte Picher damals zum giftigsten Ort der USA. Tausende Minenschächte wurden verschlossen, zudem für die künftige Versorgung mit Trinkwasser tiefer liegende Grundwasserschichten angezapft und auf zahlreichen Grundstücken die obere Bodenschicht abgetragen.
Auch interessant: Die 8 spektakulärsten Geisterorte der Welt
Berkeley Pit – könnte einer der giftigsten Seen der Welt helfen, Krebs zu bekämpfen?
Kennecott – von der florierenden Metropole zur Geisterstadt
Permanent einsturzgefährdet
2006 wurde noch eine andere, unterirdische Gefahr entdeckt: Durch den jahrzehntelangen hemmungslosen Abbau war die Stadt durch die zahllosen Stollen, die unter ihr verliefen, sprichwörtlich einsturzgefährdet. Laut „NBC“ waren 9 von 10 Häusern bedroht. Das sei der Todesstoß für Picher gewesen, und so akzeptierten nicht wenige die Reparationszahlungen von der Regierung, um ihre Häuser zu verlassen und woanders ein neues Leben zu beginnen. 2008 schließlich fegte ein zerstörerischer Tornado durch Picher. Er kostete acht der verbliebenen Bewohner das Leben, verletzte 150 weitere und zerstörte zahlreiche Häuser und Geschäfte.
In den Folgejahren machte erst die Polizei und dann die Stadtverwaltung dicht. Auch die Schule sowie diverse Läden und Restaurants schlossen für immer ihre Pforten. Denn in Picher gab es schlicht niemanden mehr, dem der Service etwas genützt hätte.
Ort ohne Zukunft?
Die unfassbaren Mengen an Abraum, die damals im Zuge der Blei- und Zink-Gewinnung zutage gefördert wurden, verschmutzen als riesige, tonnenschwere Haufen die Stadt Picher übrigens heute noch – laut einem Bericht von „Oklahoma News“ werden die Aufräumarbeiten noch Jahrzehnte dauern. Das Problem: In ihnen befinden sich immer noch Bleirückstände, sie sind mithin hochgiftig. Kaum zu glauben, aber laut der Nachrichtenseite gibt es allein in Oklahoma noch zahlreiche weitere Orte, die genau wie Picher unter den Folgen des Blei- und Zinkabbaus leiden.
Laut „Wired“ gehört das Land, auf dem sich auch Picher befindet, heute größtenteils dem Indianerstamm der Quapaw. Sie seien es auch, die sich hier um Aufräumarbeiten bemühten. Eine Nachnutzung sei bereits angedacht, unter anderem ausgerechnet ein Wildtierreservat. Das Blatt zitierte 2010 den ehemaligen Minenarbeiter Tim Kent, der sich gemeinsam mit den Quapaw engagiert, zum Thema Picher: „Wir mussten zwei Weltkriege gewinnen, und das war der Preis. Es ist traurig, dass wir so viel Land verseucht haben, um Menschen umzubringen.“