13. August 2025, 15:21 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Was sich in den dunklen Tiefen des Bodensees verbirgt, war bislang in vielen Bereichen nur zu erahnen. Jetzt bringen moderne Forschungstechnologien Licht ins Dunkel. Mithilfe von Sonar, Tauchrobotern und Expertenwissen untersucht das Landesamt für Denkmalpflege systematisch den Seegrund – und hat dabei bereits über zwei Dutzend bislang unbekannte Wracks identifiziert. Manche davon geben nicht nur Hinweise auf den Schiffsverkehr vergangener Jahrhunderte, sondern öffnen auch neue Fenster in die Lebenswelten früherer Gesellschaften.
Seit 2022 läuft das Projekt „Wracks und Tiefsee“, das vom Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart verantwortet und vom Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg finanziell unterstützt wird. Es handele sich um ein bislang einmaliges archäologisches Vorhaben dieser Art in einem Binnengewässer, wie das LAD in einer Pressemitteilung auf seiner Website schreibt.
„Das Projekt ist ein bislang einzigartiges Vorhaben im Bereich der Unterwasserarchäologie in Binnengewässern“, sagte Prof. Dr. Dirk Krausse, Landesarchäologe am LAD. Ziel sei es, den gesamten Bodenseegrund nach bislang unerkannten Schiffswracks zu untersuchen. Auf diese Weise soll eine umfassende Erfassung, Dokumentation und denkmalfachliche Bewertung von Wracks in allen Tiefen des Bodensees erfolgen.
Über 250 Anomalien, 31 gesicherte Wracks im Bodensee
Bis Ende 2024 konnten im bis zu 251 Meter tiefen Bodensee mehr als 250 verdächtige Strukturen – sogenannte Anomalien – geortet werden. 186 dieser Stellen wurden bereits systematisch untersucht. In 155 Fällen handelte es sich der Mitteilung zufolge um natürliche Formationen wie Sedimentablagerungen oder Bewuchs. Auch von Menschen gemachte Objekte wie Fischreiser waren darunter. „In 31 Fällen handelte es sich tatsächlich um Wracks – darunter sowohl kulturhistorisch bedeutende Objekte als auch moderne Sportboote und Wasserfahrzeuge jüngerer Zeit“, schreibt das LAD.
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Einzelne spektakuläre Fundstellen mit Überraschungen
Eine besonders auffällige Entdeckung war ein weit verstreutes Trümmerfeld mit mindestens 17 Holzfässern. „Die Fässer sind zum Teil gut erhalten, einzelne Exemplare weisen Deckel, Böden und potenziell Fassmarken auf. Hinweise auf das zugehörige Transportschiff fehlen bislang, weiterführende Untersuchungen sind geplant“, berichtet Alexandra Ulisch, wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt.
Zudem konnten zwei größere metallene Schiffsrümpfe lokalisiert und per Tauchroboter dokumentiert werden. Den Maßen und der Lage nach könnten es sich laut Ulisch um die Wracks der Schaufelraddampfer „SD Baden“ (ehemals „Kaiser Wilhelm“) und der „SD Friedrichshafen II“ handeln. Eine abschließende Identifikation stehe jedoch noch aus.
Ein weiterer Höhepunkt war die Entdeckung eines nahezu vollständig erhaltenen Lastsegelschiffs in großer Tiefe. Mast und Rah sind noch vorhanden – eine echte Rarität. „Der Fund bietet einzigartige Einblicke in die Segeltechnik und den Schiffbau historischer Bodenseeschiffe und stellt ein bedeutendes Referenzobjekt für die Forschung dar“, sagte Ulisch.
Zeitkapseln vergangener Gesellschaften
Die Wracks im Bodensee erlauben nicht nur Rückschlüsse auf Schiffsbauweise und Transporttechniken. Durch naturwissenschaftliche Analysen lassen sich auch Informationen über Herkunft und Qualität der transportierten Güter gewinnen. So tragen die Funde zur Rekonstruktion wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge der jeweiligen Zeit bei. „Durch fundierte, gründliche archäologische Forschung gewinnen wir Einblicke in die Lebensverhältnisse vergangener Gesellschaften und können Aussagen zu vielen verschiedenen Aspekten der damaligen Welt treffen“, erläutert Dr. Julia Goldhammer, die Leiterin des Projekts.
Für Alexandra Ulisch ist jedes Wrack ein Stück lebendige Geschichte. „Wracks sind weit mehr als nur verlorene Fahrzeuge – sie sind echte Zeitkapseln, die Geschichten und handwerkliches Können längst vergangener Tage konservieren. Egal ob Titanic, HMS Terror, Säntis oder Lady Jay: Alle Beispiele zeigen eindrucksvoll, dass Wracks die Menschen faszinieren.“
Bis zum Sommer 2027 sollen alle Untersuchungen abgeschlossen sein. Weitere Ergebnisse werden dann erwartet – und könnten das Bild vom Bodensee als archäologischem Schatz weiter schärfen.

