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„Biosphäre 2“ : Das gescheiterte Experiment mit der zweiten Erde

Sauerstoffmangel, zu wenig Nahrung und andere Katastrophen

„Biosphäre 2“: Das gescheiterte Experiment mit der zweiten Erde

Biosphere 2
Die „Biosphäre 2“ wird heute von der US-amerikanischen Universität von Arizona betrieben. Anfang der 1990er Jahre war sie ein hoffnungsvolles Forschungsprojekt, das zum Ziel hatte, eine künstliche zweite Erde zu erschaffen.Foto: Getty Images

Anfang der 1990er Jahre sorgte eines der ambitioniertesten Experimente aller Zeiten für Aufsehen. In der „Biosphäre 2“, quasi eine Erde im Miniaturformat unter einer Glaskuppel, lebten und forschten zwei Jahre lang acht Menschen. Doch der wissenschaftliche Traum war eigentlich bereits von Anfang an gescheitert – und endete endgültig mit einem spektakulären Einbruch.

Stellen Sie sich einmal einen Moment lang vor, es gäbe eine zweite Erde. Einen blauen Planeten im Miniaturformat sozusagen, wo man zukünftige Lebensmodelle erforschen und im besten Fall sogar die Besiedlung des Weltalls planen könnte. Einen Ort, an dem Menschen und Tiere abgeschottet von der Außenwelt völlig autark leben und sich versorgen können. Nun, so einen Ort gab es tatsächlich schon einmal. Er hieß „Biosphäre 2“ – und ist das wohl am spektakulärsten gescheiterte wissenschaftliche Experiment aller Zeiten.

Der „New York Times“ zufolge nahm der Traum von einer zweiten Erde erstmalig 1984 konkrete Form an: Damals verkündete eine Gruppe von Alt-Hippies in Kooperation mit dem texanischen Öl-Milliardär Ed Bass den Bau eines luftdicht abgeschlossenen Ökosystems. Die Bewohner sollten mithilfe verschiedener Biotope innerhalb der Biosphäre ihre eigene Nahrung und auch Atemluft produzieren. Man erhoffte sich von dem Projekt Aufschlüsse darüber, wie die „echte“ Erde notfalls eines Tages zu retten sei  – und, sollte der Untergang der Erde nicht zu verhindern sein, wie ein Leben im Weltraum aussehen könnte.

Die Rettung der Menschheit

Biosphere 2
Die „Biosphäre 2“ kurz nach ihrer Fertigstellung. Im September 1991 zogen die ersten Bewohner einFoto: Getty Images

Zeitungen nannten es „das prestigeträchtigste Forschungsprojekt aller Zeiten“ und mutmaßten, es könne im Idealfall tatsächlich die Menschheit retten. Dafür wurden keinerlei Kosten und Mühen gescheut. Am Ende entstand in der Wüste von Arizona mit der „Biosphäre 2“ eine wahrhaft futuristische Forschungsstation: 17.000 Quadratmeter groß, 150 Millionen Euro teuer. Komplett mit einem eigenen Miniatur-Ozean und Regenwald, Mangroven und Wüste im Kleinformat. Acht auserwählte Bionauten sollten diesen Ort nun für zwei Jahre lang besiedeln und wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln.

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Am Morgen des 26. September 1991 bezogen nun also die acht Crew-Mitglieder ihr neues Zuhause, nachdem sie in der Nacht zuvor von 2000 auserwählten Gästen mit einer pompösen Party verabschiedet worden waren. Die „Biosphäre 2“ hatte einen gewaltigen Hype ausgelöst, von dem ihre Erfinder in der Folge nicht nur wissenschaftlich, sondern auch finanziell profitieren wollten. Und so stand die Forschungsarbeit von Anfang an unter permanenter Beobachtung von Busladungen von Touristen, die täglich zu dem Ort gebracht wurden. Sie durften die Biosphäre zwar nicht betreten, konnten aber durch das Glas jede Bewegung der Menschen unter der Kuppel verfolgen. Laut „Guardian“ kam sogar die weltberühmte Primatenforscherin Jane Goodall.

Mangelernährung und eine abgeschnittene Fingerkuppe

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Die Bionautinnen Sally Silverstone und Jayne Poynter standen, genau wie ihre sechs Kollegen, unter ständiger Beobachtung der ÖffentlichkeitFoto: Getty Images

Innerhalb der „Biosphäre 2“ war die Crew schon bald zahlreichen Prüfungen unterworfen. Denn bereits nach kurzer Zeit litten die acht Forscher an Mangelernährung, da die Miniatur-Erde nicht genug Ernte abwarf. Zwei Wochen nach Beginn des Experiments schnitt sich zudem der „New York Times“ zufolge ein weibliches Crew-Mitglied eine Fingerkuppe ab, so dass eine ärztliche Versorgung außerhalb der Kuppel nötig war. Als die Frau die Forschungsstation wieder betrat, hatte das Management ihr zahlreiche technische Geräte mitgegeben. Das ambitionierte Projekt der völligen Selbstversorgung war also bereits schnell aufgegeben worden.

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Später deckten Journalisten auf, dass dies bei weitem nicht der einzige „Schummel“ war, mittels dem man den Bionauten unter die Arme griff. So wurde auch zweimal im Monat zusätzlich Nahrung eingeschmuggelt, genau wie Vitaminpräparate und Pflanzensamen, um die fragile Flora der „Biosphäre 2“ am Leben zu erhalten. Am schwersten aber wog wohl eine vorherige Installation eines CO2-Filters, denn die Atmosphäre in der Kuppel war von Anfang an alles andere als stabil. Schon alleine wegen dieses „Dopings“ scheiterte das Experiment der autarken zweite Erde eigentlich bereits von Anfang an.

Luftknappheit und Artensterben

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Am 26. September 1993 verlassen die ersten acht Crew-Mitglieder die „Biosphäre 2“. Sie litten unter Nahrungs- und Sauerstoffmangel und hatten sich heillos zerstrittenFoto: Getty Images

Schon bald wurde der Sauerstoff knapp. Hat er in der normalen Erdatmosphäre einen Anteil von 21 Prozent, sank er in der „Biosphäre 2“ laut „Guardian“ auf 14 Prozent. Die Forscher konnten nicht mehr richtig atmen. An die ordnungsgemäße Verrichtung der harten körperlichen Arbeit war schon gar nicht zu denken. Einige Crew-Mitglieder litten demnach sogar unter Schlaf-Apnoe, also zeitweiligem Atemstillstand. Wenig verwunderlich sank die Moral innerhalb der Gruppe schon bald auf ein Minimum, zwei miteinander verfeindete Lager bildeten sich.

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Nur mithilfe künstlicher Sauerstoff-Versorgung konnte das Experiment überhaupt gerettet werden. Denn die „Biosphäre 2“ konnte ihn niemals in ausreichender Menge selbst produzieren. Auch starben zahlreiche der Tierarten in der Kuppel schnell, darunter die Bienen und die Kolibris. Damit waren auch eine natürliche Bestäubung der Pflanzen und damit zukünftige Ernten nicht möglich, wie die „New York Times“ berichtet. Die Pflanzen wurden darüber hinaus auch noch von Fadenwürmern und Milben befallen. Kakerlaken verbreiteten sich rasend schnell.

Ein historischer Einbruch

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Touristen erkunden die „Biosphäre 2“. Immer noch wird heute hier geforscht, aber in kleineren MaßstäbenFoto: Getty Images

Umso erstaunlicher ist es daher aus heutiger Sicht, dass die acht Crew-Mitglieder der „Biosphäre 2“ tatsächlich zwei Jahre, bis 1993, unter der Kuppel ausgehalten haben. Noch im selben Jahr übernahm dann ein neuer Chef das hochdefizitäre Projekt: der damalige Investment-Banker Steve Bannon, der später als Berater von Donald Trump einen zweifelhaften Ruf erlangen sollte. Kurze Zeit schien es sogar, als könne das Experiment um die zweite Erde doch noch irgendwie gerettet werden.

Eine zweite Crew zog ein – dieses Mal bestehend aus sieben Mitgliedern. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass die Geschichte der „Biosphäre 2“ schon bald vorbei sein würde. Denn am Morgen des 4. April 1994 kam es an der Forschungsstation zu einem der spektakulärsten Einbrüche der Wissenschaftsgeschichte. Verantwortlich dafür waren Abigail Alling und Mark Van Thillo, beide Mitglieder der ersten Bionauten-Crew. Sie durchbrachen die luftdichte Versiegelung der Kuppel und zerstörten Glas-Paneele, bevor sie verhaftet wurden. Als Grund für ihre Tat gaben sie an, sie hätten um die Sicherheit der Menschen innerhalb der Biosphäre gefürchtet. Fünf Monate später wurde das Experiment dann endgültig aufgegeben.

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Nicht vollständig gescheitert

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Trotz Ausgaben von 200 Millionen Dollar hatte man es nicht geschafft, genügend Sauerstoff, Trinkwasser und Nahrung für acht Menschen innerhalb der Biosphäre zu produzieren. Der Traum von zukünftigen Stationen auf dem Mond oder gar Mars, den man beim Start des Projekts noch vollmundig propagierte, war damit ausgeträumt. Einer der im Nachhinein tragischsten Umstände ist aber wohl, dass heute nahezu sämtliche damals aufgezeichneten Forschungsdaten aus der „Biosphäre 2“ verschwunden sind.

Kurze Zeit nach dem Scheitern übernahm die Universität von Columbia dann bis 2003 das Management der Station. Seitdem steht das Projekt bis heute unter der Verwaltung der Universität von Arizona.

Und obwohl das eigentliche Ziel nicht zufriedenstellend verwirklicht worden ist, kann man die „Biosphäre 2“ nicht als völligen Misserfolg abtun. So veröffentlichten Forscher von drei verschiedenen US-Universitäten im Juni 2000 eine hochgelobte Studie zum Thema Ozeanversauerung durch CO2, die sie in dem Miniatur-Ozean der Biosphäre durchgeführt hatten. Auch die schädlichen Auswirkungen von Kohlendioxid auf Korallenriffe wurden in der Biosphäre untersucht. Noch immer wird in der „Biosphäre 2“ geforscht, unter anderem zum Fließverhalten von Wasser im Boden. Gleichzeitig dient der Ort heute immer noch als Touristenmagnet: Jeden Tag kommen zahlreiche Menschen auf die mittlerweile frei betretbare Anlage. Um den Ort zu sehen, der einmal die Hoffnung der Menschheit auf eine zweite Erde war.

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