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Österreich

Wandern in atemberaubender Natur! Die besten Tipps für das Ötztal

Ötztal
Blick von der Brandalm auf Burgstein und das Tal hinter LängenfeldFoto: Robin Hartmann

Das Ötztal ist eine der schönsten Wanderregionen in Österreich – und dennoch nicht hoffnungslos überlaufen. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann hat sich den Rucksack aufgeschnallt und war eine Woche in der Region unterwegs.

Wüsste man es nicht besser, könnte man beim Anblick der Brand-Alm, 200 Meter über dem Tal von Längenfeld gelegen, denken, man wäre direkt in einen alten Heimatfilm gewandert: Vor einer unglaublichen Bergkulisse grast eine Herde Ziegen, neben dem altehrwürdigen Hof eine kleine Kapelle, natürlich ebenfalls mit Blick auf die Berge, und an einer selbst gezimmerten, hölzernen Theke steht der Jordan-Wirt und zapft fröhlich schwatzend Bier für seine zahlreichen Gäste, die hier noch die letzten Sonnenstrahlen eines sehr warmen Tages genießen – willkommen im Ötztal!

Die Wanderregion in Österreich bietet wirklich alles: Hohe Gipfel, teilweise auch im Sommer schneebedeckt, tiefgrüne, von kleinen Bächen durchzogene Wälder, klare Bergseen und jahrhundertealte Dörfer, deren Kirchtürme die Wanderer schon von Weitem begrüßen. Und eben auch die allgegenwärtigen Almen, in die man nach einer Tageswanderung oder auch zwischendurch einkehren kann, um sich mit einer Kasknödelsuppe, einer hausgemachten Wurst oder einem Kaiserschmarrn zu stärken. Wer offen und neugierig ist, lernt dabei mit Sicherheit auch einen der freundlichen Einheimischen kennen.

In 12 Etappen durch das gesamte Tal

Ötztal
Blick vom Aussichtspunkt Großer Stein auf das Tal von LängenfeldFoto: Robin Hartmann

Das Besondere: Wer möchte, kann das gesamte Ötztal zu Fuß erkunden, ohne auch nur ein einziges Mal ein öffentliches Verkehrsmittel benutzen zu müssen. Direkt am Bahnhof Ötztal startet der sogenannte „Ötztaler Urweg”, auf dem man auf insgesamt 12 Etappen etwas über 180 Kilometer einmal rund um das gesamte Tal wandern kann – jeder der Abschnitte ist aber natürlich auch einzeln zu bewältigen, je nach Laune und Fitnesslevel. Denn während einige der Strecken eher zum Schlendern als zum Wandern einladen, sind andere wiederum richtig anstrengend und führen teilweise auf über 3000 Meter Höhe. Der Weg ist fast überall sinnvoll und deutlich sichtbar markiert mit einer roten „12“ auf weißem Untergrund.

Und gleich die erste Tour hat es dann auch schon in sich: Vom Bahnhof läuft man entlang der Flüsse Inn und der Ötztaler Ache zum Tagesziel Oetz, wobei man diese Strecke auch erst in Ambach starten kann. Familien allerdings entdecken eventuell vorher schon mit der „Area 47” gleich ihr erstes Highlight, denn hier kann man nicht nur baden, sondern auch Wakeboard fahren und/oder einen Hochseil-Klettergarten bezwingen, der schwindelerregend unter einer ziemlich hohen Brücke verläuft.

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Ein Badesee wie ausgedacht

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Der Piburger See ist einer der wärmsten Badeseen in TirolFoto: Robin Hartmann

Ab Ambach jedenfalls geht es steil die Auerklamm hinauf, immer entlang eines tosenden Gewässers, das sich hier in die Tiefe stürzt, während man selbst unfairerweise stetig aufwärts muss. Die Belohnung ist oben kurz vor der Auerbachbrücke allerdings eine erste traumhafte Aussicht auf die Berge und das kleine Dorf Oetzerau. Im weiteren Verlauf des Weges wird man mit einigen herrlichen Rundum-Panorama-Blicken von den Hochwiesen über Oetz belohnt, bevor man dann sanft ins Dorf absteigt. Im Ort selbst empfiehlt sich eine Einkehr in der kleinen bodenständigen Gipfelstube (die Käsespätzle), das alteingesessene Posthotel Kassl liegt leider direkt an der Straße.

Unweit von Oetzerau wartet auf 900 Höhenmetern mit dem Piburger See, den sich auch ein Landschaftsmaler hätte ausdenken können, ein wirklich unglaublich schönes Natur-Highlight. Er ist einer der wärmsten Badeseen Tirols und lockt auch Wanderer und Radfahrer an, denn man kann ihn gemütlich umrunden und anschließend auf eine deftige Manderplatte (heimischer Speck und Käse) ins Seehäusl einkehren. Anglerherzen schlagen ebenfalls höher, denn in dem See gibt es Forellen, Saiblinge, Zander und andere Arten zu befischen.

Bier mit Bergluft kühlen

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Der Blick von der Ortschaft Burgstein aus ins TalFoto: Robin Hartmann

Kühltasche vergessen? Kein Problem, denn rund um den durch einen Felssturz entstandenen Piburger See gibt es unzählige kleine Höhlen und Felslöcher, aus denen kontinuierlich eisige Bergluft strömt – das hineingestellte Essen bleibt so tagelang frisch (weiß ich aus Erfahrung), das mitgebrachte Bier ist nach spätestens einer halben Stunde kalt. Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, steigt den kurzen, aber steilen Weg auf das Seejöchl hinauf, wo im Sommer der Wald voller Blaubeeren steht, und man eine sehr schöne Aussicht auf den See und die Berge hat.

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Von dort aus kann man theoretisch auch gleich weiter bin nach Umhausen, eine schöne kurze Tagesetappe, bei der die Landschaft sich komplett wandelt: Nach einem längeren Abstieg durch ruhigen Wald gelangt man scheinbar plötzlich bei Tumpen in die Ebene und genießt von unten eine wunderbare Weitsicht auf das gesamte Tal und die nächsten Orte. An heißen Tagen freut sich der Wanderer besonders über die zahllosen Brunnen entlang des Wegesrandes, an denen man seine Wasservorräte wieder auffüllen kann. Wer genau hinschaut sieht, dass jeder „Wasserhahn” oben als Zierde einen Schutzheiligen trägt.

Frische Produkte direkt vom Bauern

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Kapelle bei der Wiesle-Alm in der Nähe von NiederthaiFoto: Robin Hartmann

In Umhausen selbst empfiehlt sich eine Stärkung beim Gasthof Krone, den die Familie Marberger seit 1790 betreibt. Auf die Speisekarte kommen heute nur regionale Spezialitäten, und wer nicht selbst angelt, kann hier hervorragenden Saibling probieren. Die Frische schlägt sich zwar auch auf die Preise nieder, aber: Man gönnt sich ja sonst nichts. In unmittelbarer Nähe befindet sich dann auch noch ein Automat, an dem man frische Milch abzapfen kann, zudem gibt es jeden Freitag vor dem lokalen Supermarkt einen Bauernstand, an dem man sich mit Speck, Käse, Eiern, Brot und anderen Spezialitäten eindecken kann. Familien freuen sich in Umhausen vermutlich über den kleinen künstlichen Badesee, das Ötzidorf und den Greifvogelpark.

Von Umhausen aus startet dann die für mich vielseitigste und schönste Etappe in Richtung Längenfeld, die zunächst einmal richtig steil in den Berg führt – und zwar schweißtreibende 500 Höhenmeter hinauf in das kleine Dörfchen Köfels. Hier kann man sich in der Pension Edelweiss stärken, in der Wirtin Annemarie jeden Tag für ihre Gäste frische Speckknödel und andere Spezialitäten zubereitet und das alles in einem 700 Jahre alten Haus, das an sich schon eine Attraktion ist. Sehenswert ist in Köfels auch die kleine Kirche. Von dort ist es dann nur noch ein kleines Stück bis zur Wurzbergalm.

Angeln ist gut, Vertrauen ist besser

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Unser Autor beim Fischen im Horlachbach, nur Angeln konnte ihn vom Wandern abhalten

Auch hier ist eine Einkehr eigentlich Pflicht, während auf der Weide vor der Terrasse gemächlich die Wurzberg-Kühe grasen. Das helle Klingeln ihrer Glocken und der bei schlechtem Wetter bollernde Holzofen runden die Idylle dann vollends ab. Wenn Sie Ihrem Magen etwas zutrauen, legen Sie sich ruhig einmal mit dem mächtigen Kaiserschmarrn an, der mit frischen Preiselbeeren serviert wird. Wer danach noch weiter laufen kann, sollte den steilen Geißen-Peter-Pfad hinab Richtung Tal nehmen, ein ursprünglicher, moosbewachsener enger Pfad hinunter zum nächsten Highlight, dem Winkelbergsee.

Dieser Waldsee bietet kleinen Wanderern einen tollen Wasserspielplatz, während nahe seinen flachen Ufern gut sichtbar Forellen gemächlich ihre Runden drehen – es sei denn, man scheucht sie mit einer Angel auf, denn auch hier ist das Fischen möglich. Das Gewässer wird bewirtschaftet vom Hotel Bergwelt im kleinen Ort Au, und man erlaubte mir nach telefonischer Rücksprache tatsächlich, zunächst einmal auf Vertrauensbasis zu angeln, und dann meine Fänge später zu bezahlen. Zwei sehr schöne Rastplätze am See ermöglichen aber auch eine ruhige Verschnaufpause, um einfach die unglaubliche Ruhe im Wald zu genießen.

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Der König der Berge

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Der Stuibenfall ist der höchste Wasserfall in TirolFoto: Robin Hartmann

Wiederum wechselt die Landschaft nun radikal, und man läuft durch die weite Ebene Richtung Längenfeld. Lohnenswert ist ein Abstecher zum Lehner Wasserfall: Rauschend stürzt er sich weithin sichtbar in die Tiefe, und der Weg zu der tollen Aussichtsplattform unter der Kaskade gleicht eher einem Klettersteig. Einen echten gibt es zudem auf der anderen Seite des Wasserfalls, er ist jedoch oft sehr gut besucht. Vermutlich, weil die Strecke Adrenalin pur ist, denn sie führt unter anderem direkt über die Abbruchkante des Wasserfalls.

Dabei ist der Lehnerfall zwar imposant, aber der wahre König der Berge ist der Stuibenfall, mit fast 160 Metern der höchste in ganz Tirol. Ein Teil des Ötztaler Urweges führt direkt entlang des Wasserfalls über eine spektakuläre vertikale Hängebrücke in Richtung Niederthai, das auf gut 1500 Meter Höhe so etwas wie der Vorzeige-Ort im Ötztal ist. Verträumt liegt der Ort im mit Wildblumen übersäten Horlachtal, der gleichnamige Horlachbach rauscht direkt entlang der einzigen Straße. Von hier aus kann man zahllose Wandertouren starten, die je nach Lust und Fitness auch den ganzen Tag dauern.

Murmeltiere und Alpakas

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Unser Autor genießt auf einer Bergwiese den Blick ins HorlachtalFoto: Robin Hartmann

Für Familien empfiehlt sich ein Ausflug zur Schweinfurter Hütte, die 500 zu bewältigenden Höhenmeter merkt man bei dem flachen Anstieg und vor allem dem berauschenden Bergpanorama kaum. Auf etwa 2000 Metern kann man dann nach einer Einkehr in der Hütte mit etwas Glück Murmeltiere beobachten, die sich bei gutem Wetter auf den Steinen sonnen. Unter Umständen kommt man aber gar nicht erst so weit, denn unterwegs wartet mit der Larstig-Alm noch ein anderes Gasthaus auf Besucher, das mit einem Alpaka-Streichelzoo und sensationellen Germknödeln aufwartet.

Spannend dürften für kleine und große Wanderer auch die geführten Wildtierbeobachtungen sein, die man rund um Niederthai abends buchen kann. Besonders im Sommer kommen Hirsche und Rotwild zum Grasen auf die bewaldeten Hänge, und auf einer Tour mit Jäger Andreas oder seinen Kollegen lernt man dann auch, was die Begriffe „Schmalgeiß”, „Krickle” und „Falscher Achter” bedeuten. Wer im Horlachbach nach den tollen Bachforellen fischen möchte, kann sich die Lizenz direkt im Ort holen, auch geführte Wanderungen werden von hier aus angeboten. Jeden Mittwoch ist zudem nachts der Stuibenfall mit riesigen Scheinwerfern erleuchtet, zum Taschenlampen-Spaziergang kann man sich vorab gegen eine geringe Gebühr an der Touristeninformation des Ortes anmelden.

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Das Höchste kommt zum Schluss

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Blick auf die auf fast 3000 Metern gelegene Ramol-AlmFoto: Robin Hartmann

Wer seine Bergtauglichkeit noch einmal richtig auf die Probe stellen und einen Besuch im Ötztal mit einem sprichwörtlichen Highlight beenden möchte, kann die Urweg-Etappe von Obergurgl nach Vent laufen. Hier geht es teilweise auf über 3000 Metern in den hochalpinen Bereich über verschneites, wegloses Gelände, weshalb es zu empfehlen ist, sich für diese Etappe einen Führer zu buchen oder einer Gruppe anzuschließen. Belohnt wird man mit tollen Weitblicken über die Berge, auf Gletscher und dann später beim Abstieg nach Vent auf das wunderbar grüne Tal, in dem Zirben und Wacholder duften.

Diese Anblicke muss man sich allerdings erst verdienen, denn nach einer Rast auf der Ramol-Hütte, die auch als Versteck für einen Bond-Bösewicht herhalten könnte, überquert man mit Seilen gesichert und Krampen an den Schuhen (quasi Pflicht) das Ramoljoch, den höchsten Punkt vor dem Abstieg. Vent selbst ist ein verschlafenes kleines Nest mit einer sehr schönen Kirche und wiederum als Ausgangspunkt für alle zu empfehlen, die noch höher hinaus wollen, zum Beispiel auf die Wildspitze, den zweithöchsten Berg Österreichs. Vielleicht ist hier aber auch der richtige Ort, um die vergangenen Tage und Touren in Ruhe Revue passieren zu lassen, bei einem kühlen Zipfer-Bierchen die Füße auszustrecken und, wie Goethe schon sagte, zu denken: „Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen“ – auch wenn man bei vielen Erlebnissen dieser Reise wohl erst später realisieren wird, dass sie tatsächlich so passiert sind.

Fazit

„Sicher ist das Ötztal an sich kein Geheimtipp mehr. Auf meiner Wanderung entlang des Ötztaler Urweges habe ich allerdings nicht einen einzigen anderen Weitwanderer getroffen, zudem insgesamt nur wenige Menschen, selbst an den touristisch vermeintlich attraktiven Orten. Auch mit dem Rad kann man das Ötztal übrigens wunderbar erkunden, Biker sah man jedenfalls viele. Zudem hat fast jeder Bus des ÖPNV einen Fahrrad-Anhänger. Was die Strecken des Urweges anging, so sind sie nach meiner Meinung (und Erfahrung) so narrensicher ausgeschildert, dass man sie auch in umgekehrter Richtung problemlos laufen kann. Die Zeitangaben auf den Wanderschildern stimmen zudem fast immer verblüffend genau – und das, obwohl ich unter der Last meines Rucksacks kaum schneller voran gekommen sein kann als eine Schildkröte. “ – Robin Hartmann

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