2. August 2026, 13:39 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Zwischen den beiden Nachbarländern Polen und Tschechien erstreckt sich das malerische Riesengebirge. Aufgrund seiner vergleichsweise geringen Höhe ist es ein Paradies auch für unerfahrene Wanderer. Neben herrlicher Einsamkeit in schönster Natur, bietet das Riesengebirge auch viele kleine interessante Ortschaften, die es zu erkunden lohnt. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann war für Sie auf beiden Seiten der Grenze unterwegs und verrät, was es hier zu entdecken gibt.
Ein heißer Sommertag, Wolken türmen sich am Himmel, und ich stehe hier gefühlt auf dem Gipfel der Welt und blicke in die weite, archaisch schöne Landschaft. In diesem Moment befinde ich mich an einem wahrhaft einzigartigen Ort, nämlich irgendwie gleichzeitig in Polen und in Tschechien, auf der Spitze der Schneekoppe, die ein wenig an den Einsamen Berg aus den Erzählungen von Tolkien erinnert. Der sprichwörtliche Höhepunkt meiner mehrtägigen Wandertour durch das Riesengebirge und doch nur eines von vielen einzigartigen Erlebnissen.
Der gut 1600 Meter hohe Gipfel ist besonders, weil er eben tatsächlich sowohl in Polen als auch in Tschechien liegt. Durch diese beiden Länder zieht sich das Riesengebirge. Ein einmalig schönes Revier für Wanderer und aufgrund seiner vergleichsweise geringen Höhe auch perfekt für Einsteiger in den Bergsport geeignet. Natürlich kommt man vor allem an warmen Tagen auch hier ordentlich ins Schwitzen, dafür sind die meisten Touren aber technisch völlig anspruchslos. Einfach loslaufen und den ganzen Tag einen Fuß vor den anderen setzen, während man in die wunderschöne Landschaft staunt. Diese ist neben den Erhebungen auch geprägt von dichten, gesunden Nadelwäldern, einem Gebiet der Märchen und Sagen.
Der gute Geist der Berge
Die bekannteste erzählt vom Berggeist Rübezahl, der sowohl auf polnischer als auch auf tschechischer Seite als Schutzpatron der Region gilt. Der gutmütige Riese ist in der Region allgegenwärtig, viele beliebte Orte schmücken sich mit seinem Namen. Auf tschechischer Seite kann man eine Tour wunderbar in dem kleinen Ort Vrchlabí starten, von der Hauptstadt Prag mit dem Auto knapp zwei Stunden entfernt. Dieser bietet mit den Brauereien Krkonošský Medvěd und Hendrych gleich zwei exzellente Gelegenheiten, das wohl zweitbeste Bier der Welt zu testen (auch wenn ich selbst seit Jahren nicht mehr trinke, bin ich auf diesem Gebiet ganz klar Patriot). Gleich im Ort führen dann aber auch schon mehrere unterschiedlich farbig markierte Wanderpfade ins Nirgendwo des Riesengebirges.
Der Schweiß läuft in Strömen, während ich mich an diesem Tag auf einer eher kurzen Distanz stolze 700 Höhenmeter den Berg hinauf quäle. Das Thermometer zeigt 38 Grad, meine Wasservorräte schwinden rapide, aber lassen sich zum Glück bei einem Zwischenstopp in dem kleinen Ort Strážné, zu Deutsch Pommerndorf, wieder auffüllen. Im Winter ist der Ort ein beliebtes Skirevier, hier befindet man sich bereits auf 800 Metern Höhe. Die Waldluft schmeckt herrlich frisch und würzig, und direkt hinter dem Ort lädt ein kleiner Fluss mit Wasserfall zu einem kühlenden Fußbad ein.
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Exklusives Ambiente
Die Sonne steht schon tief am Horizont, als ich mein Tagesziel Friesovy Boudy erreiche. Eine historische Siedlung aus gerade einmal vier Häusern, eines davon heute ein Hotel. In dem zweiten, einer Berghütte, habe ich mich eingemietet, und hier muss man auch unbedingt vorab reservieren. Zwar gibt es mehrere Zimmer mit einer unterschiedlichen Anzahl an Betten, aber die dürften im Zweifel schnell belegt sein. Ich jedenfalls buchte monatelang im Voraus. Das Ambiente ist rustikal, aber absolut exklusiv, die Preise daher auch nicht ganz günstig. Dafür belohnt einen bei der Ankunft eine allumfassende Stille und ein fantastischer Ausblick auf das weite Land des Riesengebirges bis zum Horizont.
In zweien der Häuser kann man sich dann sowohl mit deftigem Essen als auch mit kalten Getränken stärken, und eine Badetonne mit eiskaltem Bergwasser gewährt herrliche Abkühlung. Bei klarem Himmel erwartet Sie hier nachts zudem ein kosmisches Ballett der Extraklasse, wenn sich gefühlt sämtliche Sterne am Himmel dem müden Wanderer offenbaren. Am nächsten Tag geht es dann gut erholt weiter, wiederum nur versöhnliche acht Kilometer, und diesmal nur bergab. Über schmale, baumbestandene Pfade windet sich der Weg hinunter zum vielleicht schönsten Ort des Riesengebirges, Pec pod Sněžkou. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name, zu Deutsch Petzer, „Ofen unter der Schneekoppe“.
Der schönste Ort im Riesengebirge
Dies wiederum geht zurück auf die Geschichte von Pec pod Sněžkou als Bergbaugebiet, wo früher in den Hütten Erze geschmolzen wurden. Heute lebt der Ort vom Tourismus, denn er ist, eingerahmt von steilen Hügeln, einfach wunderschön. Dieses einmalige Flair können auch die diversen modernen Glaskästen nicht stören, in denen sich schicke und hochpreisige Hotels befinden. Wer möchte, findet aber noch eine klassische und bezahlbare Unterkunft, zum Beispiel in der Berghütte „Koula“. Hier gibt es wiederum Appartements für mehrere Personen, auf Wunsch ist auch ein reichhaltiges Frühstück buchbar. Die launige Unterhaltung durch die kauzigen Betreiber gibt es umsonst obendrauf.
Sehr gut essen kann man, zudem mit tollem Ausblick, im modernen Restaurant „Útulna“. Hier kann ich aus bester Erfahrung das Hacksteak empfehlen. An heißen Tagen empfiehlt sich dann ein Ausflug an die Ufer des Aupa-Flusses, der das Dorf malerisch durchzieht. Das Gebirgswasser ist empfindlich kalt, umso erfrischender ist ein Bad hier. Immer am Wasser entlang kommt man dann zu gleich zwei interessanten Orten. Das ist zum einen die Brauerei Pecký und in unmittelbarer Nähe die Seilbahn-Talstation, von wo aus man zur Schneekoppe herauffahren kann. Da es sich hierbei um den höchsten Berg Tschechiens handelt, auch wenn seine andere Hälfte ja in Polen liegt, ist ein Besuch der Majestät quasi Pflicht.
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Mit der Seilbahn in die Berge
Und das, obwohl die Preise für die Hin- und Rückfahrt sich mit umgerechnet gut 28 Euro keinesfalls vor der Konkurrenz in bekannteren Bergregionen verstecken müssen. Die Massen an Menschen, die die Schneekoppe an schönen Tagen geradezu belagern, dürften allerdings nicht für jeden leicht verdaulich sein. So schätzte ich bei meinem ersten Besuch im Jahr 2024 hier gut und gerne 5000 Menschen, vielleicht mehr. Aufgrund der extremen Hitze war es dann aber 2026 erheblich leerer. Das Gipfel-Erlebnis war im wahrsten Sinne des Wortes ein erhabenes.
Der Ort Świeradów-Zdrój, zu Deutsch Bad Flinsberg, befindet sich auf der polnischen Seite des Riesengebirges. Aufgrund seines radonhaltigen Heilwassers schon im 19. Jahrhundert ein beliebter Kurort, ist er heute so etwas wie die Wanderhauptstadt der Region. Neben altehrwürdigen Hoteltempeln findet man hier zahlreiche neue Immobilienprojekte. Eine tolle Tagestour beginnt wiederum an der Talstation der örtlichen Seilbahn. Mit ihr kann man auf den Hausberg, den Stóg Izerski (deutsch: Heufuder), auffahren. Von hier aus führt ein schöner Wanderweg zu der großen Lichtung Polana Izerska (deutsch: Kammhäuser).
„Wir wurden nicht gefragt“
Die Gegend ist ein Naturschutzgebiet, in dem sich wichtige Hochmoore befinden. Diese durchziehen schöne Flüsse, in denen man sich wiederum herrlich die Füße kühlen kann. Die sogenannte Isergebirgshalle (Hala Izerska), ein ausgedehntes Bergwiesengebiet, kann ebenfalls erwandert werden. Unterwegs gibt es einige wenige Einkehrmöglichkeiten wie die Berghütte Chatka Górzystów. Aus dem schönen Stadtpark in Bad Flinsberg kann man innerhalb von etwa zwei Stunden aber auch einfach so auf den Stóg Izerski hochwandern und wird vor allem kurz vor dem Gipfel mit wunderbaren Ausblicken auf das weite Land belohnt.
Wahrhaft skurril mutet es bei der herrlichen Natur im Riesengebirge jedoch an, dass auf beiden Seiten der Grenze ein nicht unerheblicher Teil der Wanderwege im Grunde asphaltierte Straßen sind. Diese können immer wieder und auch mitten in der Wildnis auftauchen, was dem Wandererlebnis mitunter doch erheblich Abbruch tut. In manchen Orten wie Spindlermühle (Špindlerův Mlýn, auf der tschechischen Seite) fahren die Besucher gar mit Go-Karts oder gleich Golfcarts durch die Natur. Und tatsächlich erlebte ich es, wie sich eine Gruppe Wanderer während eines Gewitters von einem Taxi aus dem Wald abholen ließ. Als ich einmal einen Tschechen darauf ansprach, sagte der nur resigniert: „Wir haben hier 50 Jahre lang russische Besatzung gehabt, da wurden wir nicht gefragt.“
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Wer abseits der Wanderwege um Bad Flinsberg einen schönen und geschichtsträchtigen Ort sehen möchte, kann die alte Burg Tzschocha besuchen. Errichtet im 13. Jahrhundert, thront sie heute noch stolz und weithin sichtbar im Land. Sie war auch schon Kulisse für Film und Fernsehen, und beherbergt seit 1996 ein Hotel. Tatsächlich ist leider auch das Burgrestaurant hier das einzige auf der polnischen Seite des Riesengebirges, das ich aus guter Erfahrung empfehlen kann. Ansonsten setzt man in Bad Flinsberg leider eher auf austauschbare, vermeintlich internationale Küche, statt auf die gute polnische Hausmannskost. Dennoch: Einen Besuch ist auch diese Seite des Naturparadieses unbedingt wert.