Britin trieb 10 Stunden im Meer

So sollte man sich verhalten, wenn man von einem Kreuzfahrtschiff fällt

Diese Experten-Tipps helfen bei Fall von Kreuzfahrtschiff
Immer schön festhalten: Für viele Kreuzfahrt-Passagiere ist es der absolute Albtraum, über Bord zu gehen
Foto: Getty Images

Was tun, wenn man über Bord eines Kreuzfahrtschiffes fällt und plötzlich im offenen Meer treibt? Deutschlands bekanntester Survival-Experte, Rüdiger Nehberg, verrät im Interview mit TRAVELBOOK seine besten Überlebenstipps: Wie man die Panik unterdrückt, Kräfte spart und wie man Land erahnen kann.

Wer schon mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffes war, kennt das: Um einen herum ist nichts als das Meer, weit und breit ist kein Land in Sicht. Trotz hoher Sicherheitsstandards auf den großen, bekannten Schiffen kann es passieren, dass man sich in dem scheinbar unendlichen Ozean alleine wiederfindet – als Mann über Bord. Das passiert allerdings nur äußerst selten: 114 „Mann-über-Bord-Vorfälle“ gab es zwischen 2009 und 2014 nach Angaben von Statista in internationalen Gewässern, nur 23 Passagiere konnten gerettet werden.

So wirkt es umso mehr wie ein Wunder, dass die Britin Kay Longstaff (46) nach zehn Stunden über Bord im Mittelmeer gerettet wurde. Sie war am Samstagabend von dem Kreuzfahrtschiff „Norwegian Star“ von einem Balkon am Heck des Schiffes gestürzt. Erst am Sonntagmorgen konnte sie gerettet werden. Überlebt habe Sie dank ihrer guten körperlichen Fitness. Dennoch ist es schwer vorstellbar, wie man sich zehn Stunden im Meer über Wasser halten kann. Möglich ist es aber!

1. Wie kann ich mich stunden- bzw. tagelang über Wasser halten?

Rüdiger Nehberg: „Den Hemdkragen an den Hals pressen und Luft unter der Achsel hindurch pusten. Sie bildet eine Luftblase auf dem Rücken und trägt einen wie ein Rettungsring. Von Zeit zu Zeit nachblasen. Stehend im Wasser treiben und auf Rettung hoffen.

Wenn das Wasser kalt ist, nicht unnötig bewegen. Und keinesfalls die Garderobe ablegen – unter ihr bildet sich ein leichter Wärmemantel. Tagelanges Schwimmen funktioniert nur in warmen Wassern und mithilfe von Treibgut, an das man sich klammern kann. Aber dort besteht auch die Gefahr der Hai-Attacken. Haien kann man allenfalls begegnen, wenn man sie sieht und anschaut und keine Angst erkennen lässt. Besonders gefährlich wird es, wenn man blutet. Auch rote Garderobe wirkt auf Haie attraktiv.“

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2. Was tun gegen Müdigkeit und Kälte? Wie kann ich mich warm- und wachhalten?

„Gegen die Müdigkeit hilft sehr lange die Todesangst und der Überlebenswille, der jedem Lebewesen angeboren ist“, erklärt Nehberg. „Auch Gedanken an geliebte Angehörige machen Mut, geben Kraft und Hoffnung.“

Survival-Experte Rüdiger Nehberg weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, tage- und wochenlang einsam auf dem Meer unterwegs zu sein: Hier sieht man ihn auf seiner Fahrt von Mauretanien nach Brasilien. Sein Gefährt: ein selbstgebauter Baumstamm mit nur einem Segel und ohne Motor.

Survival-Experte Rüdiger Nehberg weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, tage- und wochenlang einsam auf dem Meer unterwegs zu sein: Hier sieht man ihn auf seiner Fahrt von Mauretanien nach Brasilien. Sein Gefährt: ein selbstgebauter Baumstamm mit nur einem Segel und ohne Motor. Foto: Rüdiger Neeberg

3. Wo kriege ich im Meer Trinkwasser her?

Nehberg: „Nirgends – außer man sitzt in einem Rettungsboot, es regnet und Sie können den Regen auffangen. Man kann seinen Mund aber mit Meereswasser feucht halten: gurgeln und ausspucken. Solange es vermeidbar ist, sollte man Meereswasser nicht trinken. Sonst kollabieren die Nieren. Man kann den Durst aber stark reduzieren, indem man in den Tropen jegliches Schwitzen vermeidet. Das gelingt, wenn man die Garderobe mit Meereswasser feucht hält. Das Meereswasser ersetzt den Schweiß und nicht erforderlicher Schweiß reduziert den Durst.“

4. Soll ich versuchen, an Land zu schwimmen? Und wie kann man überhaupt herausfinden, wo es Land gibt?

Nehberg: „Wenn Land in Sicht ist, würde ich das immer versuchen. Die Flut könnte einem helfen – die Ebbe einem einen Strich durch die Rechnung machen. Land zu erraten, wenn es nicht sichtbar ist, gelingt allenfalls, wenn man typische Landvögel erblickt, die sich nicht weit aufs Meer wagen.“

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5. Wie kann ich auf mich aufmerksam machen?

Nehberg: „Der Ertrinkende ist von Schiffsführern weit schlechter auszumachen, als man denkt. Man braucht Signale. Und wenn es nur ein helles Hemd ist, mit dem man winkt. Es ist erschreckend, wie selten Schwimmende entdeckt werden, weil die Schiffe mit automatischer Steuerung und sehr schnell fahren.“

6. Wie schütze ich mich vor Sonne, Regen, hohen Wellen und Sturm?

Vor Sonne schütze man sich am besten, in dem man, wenn möglich, niemals mit nacktem Oberkörper schwimme, immer die Garderobe anbehalte und den Kopf bedecke, so Nehberg.

„Hohe Wellen sind auf dem Ozean kein Problem, sie rauschen unter einem hindurch, heben den Schwimmer und setzen ihn im Tal wieder ab“, erklärt der Abenteurer. „Nur vor den Küsten überschlagen sie sich. Dann verleiht einem die Landnähe vielleicht Hoffnung und Kraft. Für den Schwimmer ist der Regen kaum interessant. Das ihn umgebende Wasser reduziert den Durst fast gänzlich.“ Entmutigend sei jedoch, dass ein Schwimmer im Regen kaum noch zu entdecken sei.

7. Was tun bei einem Hai-Angriff bzw. wenn Haie in der Nähe sind?

Nehberg: „Hilfreich ist, wenn man sie sieht und keine Angst erkennen lässt. Von Natur aus sind Haie vorsichtig. Schwimmen Sie auf sie zu, schreien Sie sie an, und zeigen Sie keinen Fluchtreflex – Flucht ermutigt sie, zuzupacken.“

In dem Buch „Überleben ums Verrecken“ (Piper-Verlag, 2005) erklärt Rüdiger Nehberg, wie man Feuer macht, Nahrung sucht, und sich bei Schlangenbissen verhält

In dem Buch „Überleben ums Verrecken“ (Piper-Verlag, 2005) erklärt Rüdiger Nehberg, wie man Feuer macht, Nahrung sucht, und sich bei Schlangenbissen verhält. Foto: Rüdiger Nehberg/ Piper Verlag

8. Stichwort Angst und Einsamkeit: Wie kann ich mich (gedanklich) ablenken?

Nehberg: „Die Einsamkeit kann schnell in Hoffnungslosigkeit umschlagen und zur Aufgabe verführen. Hilfreich sind Gedanken an liebe Menschen, die man wiedersehen möchte. Auch Singen und das Schmieden von Zukunftsplänen verlängern das Durchhalten.“

Weitere Tipps für Notsituationen in Einsamkeit und Zivilisation finden Sie in Rüdiger Nehbergs Büchern „Überleben ums Verrecken“, „Medizin Survival“ und „Survival Lexikon“.

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