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Warum für mich Magdeburg auf keinen Fall der „Bahnhof des Jahres“ ist

Bahnhof Magdeburg
TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann hat eine klare Meinung zur Wahl des „Bahnhof des Jahres“ Foto: picture alliance / dts-Agentur /privat / Collage TRAVELBOOK
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

3. November 2025, 6:21 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Unlängst wurde der Hauptbahnhof Magdeburg von der „Allianz pro Schiene“ zum „Bahnhof des Jahres“ gekürt. Unser Autor benutzt ihn regelmäßig auf seinen Reisen und hat sich gefragt: Warum eigentlich?

Bei der Deutschen Bahn dürften in der vergangenen Woche ordentlich die Sektkorken geknallt haben. Denn endlich hatte man etwas, das das Unternehmen quasi dauerhaft so sucht wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen oder Menschen im Mittelalter das mystische Einhorn. Nämlich eine zumindest irgendwie positiv konnotierte Schlagzeile in Verbindung mit dem Unternehmen. Es ging um – Trommelwirbel – die Wahl zum „Bahnhof des Jahres“, vergeben von der „Allianz pro Schiene“. So weit, so langweilig, doch als ich die entsprechenden Schlagzeilen zu dieser Meldung las, dachte ich zunächst, ich hätte mich verguckt. Denn die Trophäe, in Bahnkreisen vermutlich in etwa so begehrt wie der Oscar, hatte sich der Hauptbahnhof Magdeburg gesichert.

Nun habe ich des Öfteren das zweifelhafte Privileg, mich an diesem aufzuhalten, denn er dient mir als Umsteigeplattform und Drehkreuz auf meinen vielen Reisen in den Harz. Und ich kann sagen: Der Hauptbahnhof Magdeburg hat in etwa die Strahlkraft eines Dokumentarfilms über Staubmilben. Nun ist das vielleicht ein wenig unfair, denn alle dieser Verkehrsknotenpunkte teilen sich ja ein unglückliches Schicksal. Sie sind eigentlich Nicht-Orte, die Menschen nur dazu dienen, um von ihnen so schnell wie möglich wieder wegzukommen. Was die Deutsche Bahn dann immer wieder durch Zugverspätungen und ‑ausfälle zu verhindern weiß.

Notorisch überfüllt

Ich will hier auf gar keinen Fall ein Magdeburg-Bashing betreiben. Aber ich verstehe einfach nicht, wie die „Allianz pro Schiene“ ihre Kriterien angesetzt hat, um auf den Hauptbahnhof Magdeburg als Sieger in der Wahl zum „Bahnhof des Jahres“ zu kommen. Denn er hat wirklich nichts, aber auch gar nichts Besonderes. Das Einzige, woran ich mich erinnere und immer wieder störe, ist die notorische Überfüllung. Denn wenn man aussteigt, führt einen vom jeweiligen Gleis ein einziger Ausgang in den Haupttunnel und damit näher zu den zwei Ausgängen. Eine einzige Röhre für mehrere Zehntausend Menschen, die den Bahnhof laut Quellen im Netz täglich nutzen. Und in der herrscht quasi permanent Gerenne, Gehetze und Gedrängel.

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In einer Begründung der „Allianz pro Schiene“ zur Wahl des Hauptbahnhofs Magdeburg heißt es, ein Kriterium für den Sieg sei der Umbau des Kölner Platz vor dem Bahnhof zu einem kleinen Stadtplatz mit Sitzgelegenheiten und Grünflächen gewesen. „Magdeburgs Hauptbahnhof hat ein bemerkenswertes Upgrade erhalten“, verkündete die Jury daher vollmundig. Dieses „Upgrade“, und auch das kann ich aus Erfahrung sagen, zieht aber neben freiwillig oder gezwungen wartenden Reisenden auch nicht eben wenige zumindest zwielichtige Gestalten an, die es sich dort gerne für ein paar Bierchen oder einen Joint bequem machen.

Nur ein Ausgang pro Gleis: Hier kann es schnell eng werden
Wartende stehen am 02.12.2016 auf einem Bahnsteig am Bahnhof Magdeburg-Buckau. Hier endeten die Züge in Richtung Magdeburg Hauptbahnhof wegen einer Bombendrohung. Foto: Peter Förster/dpa-Zentralbild/ZB Foto: picture alliance / Peter Förster/dpa-Zentralbild/ZB
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Die „Perspektive der Reisenden“

Zudem wurde hervorgehoben, dass der Hauptbahnhof Magdeburg jetzt nach, aufgepasst, über zehnjähriger Bauzeit endlich barrierefrei sei. Wenn das schon als Begründung für eine Wahl zum „Bahnhof des Jahres“ reicht, was mag dann noch in die Bewertung mit einfließen? Dass dort auch tatsächlich Züge abfahren? Bei der Vergabe des renommiertesten Preises für Bahnhöfe in Deutschland heißt es unter anderem, im Mittelpunkt stehe die Perspektive der Reisenden. Dieses Kriterium hat mich dann stark an einen anderen Pseudo-Preis erinnert, der jährlich zuverlässig für Kopfschütteln sorgt. Nämlich den zum vermeintlichen „Jugendwort des Jahres“. Da gewinnen nämlich auch stets Begriffe, von denen noch nie jemand etwas gehört hat und die vermutlich kein Jugendlicher jemals benutzt hat.

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Denn die „Perspektive der Reisenden“, zumindest meine, ist, dass der Hauptbahnhof Magdeburg wohl vor allem deshalb gewählt wurde, weil man eben überhaupt eine Wahl treffen wollte. So hob man denn auch tatsächlich in der Begründung für den Sieg hervor, dass es im Bahnhofsgebäude einen Discounter zum Einkaufen gibt. Ich bezweifle allerdings stark, dass sich die Frustration über den zu tätigenden Wocheneinkauf dadurch abmildern lässt, dass man ihn jetzt auch im Bahnhof erledigen kann. Fast könnte man bei der Bewertung der Jury den Eindruck gewinnen, der Hauptbahnhof Magdeburg sei eine Art ungewöhnlicher und neuartiger Freizeitpark für die ganze Familie.

Vorschläge für 2026

Aber irgendwas muss ja dran sein an der Wahl zum „Bahnhof des Jahres“. Denn im Jury-Gremium sitzen auch Vertreter des Deutschen Bahnkunden-Verband (DBV). Also vermutlich dem Verein, den die Deutsche Bahn normalerweise am meisten fürchtet. Als ich dann aber las, dass in Sachsen-Anhalt in der Vergangenheit auch schon die Stationen in Halle/Saale und sogar Halberstadt ausgezeichnet wurden, die es an Gesichtslosigkeit mühelos mit dem Hauptbahnhof Magdeburg aufnehmen können, wunderte mich nichts mehr. Verdammt, sogar der Bahnhof des Provinz-Nests Darmstadt, wo ich das Pech hatte, studieren zu dürfen, trug die Auszeichnung schon mal.

Insofern kann man sich die Wahl der „Allianz pro Schiene“ vielleicht vorstellen wie eine Kindertombola. Alle schreiben irgendeinen Namen auf einen Zettel, und die werden in einen Hut geworfen. Der Gewinner wird dann per Losverfahren ermittelt. Insofern hätte ich, liebe „Allianz pro Schiene“, auch schon ein paar Ideen für die Wahl zum „Bahnhof des Jahres“ 2026. Wie wäre es zum Beispiel mit Unterpeißenberg in Bayern? Hettenleidelheim in Rheinland-Pfalz? Oder Vogelsang-Grünholz in Schleswig-Holstein? Alle stillgelegt, sagen Sie? Und wann gewinnt eigentlich endlich mal mein Heimatbahnhof Berlin-Spandau? Für mich persönlich wären das keine absurderen Wahlen als die des Hauptbahnhofs Magdeburg.

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