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In Frankreich

Zu Besuch auf dem größten FKK-Campingplatz Europas

FKK-Camp CHM Montalivet
Zwei Gäste auf der Veranda ihres HolzbungalowsFoto: CHM Montalivet / La Vie au Soleil

Nirgendwo gibt es so viele nackte Menschen wie auf dem französischen Campingplatz CHM Montalivet. Das Naturistencamp ist Refugium und Pilgerstätte für Anhänger der Freikörperkultur aus aller Welt. TRAVELBOOK stellt das Camp vor, in dem sogar die deutsche Kanzlerin schon mal Urlaub gemacht haben soll.

Rund eineinhalb Autostunden nordöstlich von Bordeaux, im Herzen der französischen Region Aquitanien, liegt inmitten großartiger Abgeschiedenheit das größte Naturistencamp Europas. Versteckt zwischen Dünen und Wäldern und endlosen Atlantik-Stränden erstreckt es sich über insgesamt 200 Hektar. Die Luft im Camp riecht satt nach Pinien. In rund 15 Gehminuten erreicht man das Küstendorf Montalivet, das dieser „Gated Community“ den Beinamen einbrachte.

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Das CHM (Centre Hélio-Marin) Montalivet ist ein sauberer Viersterne-Campingplatz mit Stellplätzen für Wohnwagen, Wohnmobile und Zelte. Von privat oder über den Betreiber Tohapi kann man außerdem Holzbungalows oder komfortable Mobile Homes mieten. Es gibt Restaurants, Lebensmittelgeschäfte, Camping-Zubehör, einen Waschsalon und sanitäre Anlagen. Alles ist sauber und renoviert. Die Preise variieren je nach Saison und Dauer des Aufenthalts. Es gibt ein großes Freizeitangebot für alle Altersklassen im Camp oder am Meer.

Wer macht hier Urlaub?

Ethnie, Aussehen und Gesinnung spielen hier keine Rolle. Alle eint das tiefe Bedürfnis, täglich nackt sein zu dürfen. Sogar Angela Merkel soll schon einmal hier gewesen sein. Das geht aus alten Aufzeichnungen der Camp-Betreiber hervor.

Viele Besucher kommen regelmäßig ins Camp, die meisten sind Franzosen, Deutsche, Österreicher, Schweizer, Niederländer und Skandinavier.

Vor allem junge Familien mit Kindern fühlen sich hier wohl, was auch an den zwei Poolanlagen (eine mit Wasserrutsche) liegen könnte, aber auch viele Teenager sieht man hier. Marie Redlich (19) aus Hamburg wohnt mit ihren Eltern in einem der beliebten Bungalows: „Seit ich laufen kann war ich hier“, erinnert sich die Wahl-Hamburgerin im Gespräch mit TRAVELBOOK. Oft reist sie sogar mehrmals im Jahr nach „Monta“, so der Spitzname des Camps. Trotz strenger und engmaschig kontrollierter Nackt-Pflicht an Strand und Pool ist Naturismus nicht in ihrem Fokus: „Mehr das Freundetreffen und so“.

Hier kommt nur rauf, wer einen Campingpass hat. Außerdem herrscht auf dem Gelände des FKK-Camps striktes Fotografierverbot. Foto: PVF

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Niemand wird schief angeguckt

Die meisten Gäste des CHM genießen aber genau das: die absolute Freiheit nackter Haut. Hier verurteilt niemand Hängebrüste, Orangenhaut oder einen dicken Bauch. Alle Menschen sind hier gleich. Alle sind nackt, jeden Tag und überall. Trotzdem fällt es nicht auf, dass man nichts anhat. Auch Sexualität spielt hier keine Rolle. Swinger, Sex-Interessierte oder Spanner werden von der Gemeinschaft schnell entlarvt und vom Camp entfernt, inklusive Hausverbot.

Insgesamt achtmal sind auch Dagmara und Thomas Allner aus Göttingen mit ihren Kindern (3 und 9 Jahre) schon im Camp gewesen: „Hier finden wir für uns vier optimale Bedingungen, die Anlage ist wunderschön und sehr familienfreundlich“, sagt Dagmara. Oft ist die älteste Tochter über Stunden alleine mit anderen Kindern im Camp unterwegs. Die Mutter macht sich keine Sorgen. Generationsübergreifend geht man respektvoll miteinander um, grüßt sich höflich, lernt den Camping-Nachbarn kennen, hilft sich gegenseitig. Schnell schließt man hier Freundschaften fürs Leben. Wer nicht auf gesellschaftlichen Austausch aus ist oder das Nacktsein unnatürlich findet, hat hier einen sehr schweren Stand. Fast ein wenig spirituell wird die Nacktheit im CHM gelebt.

FKK-Camp CHM Montalivet
Ein Paar läuft durch den Pinienwald im größten FKK-Camp Europas in Frankreich, der sich über insgesamt 200 Hektar erstreckt und Platz für bis zu 14.000 Gäste hatFoto: CHM Montalivet / La Vie au Soleil

Die Geschichte des FKK-Camps

Das Areal, auf dem sich das Camp heute befindet, wurde im Zweiten Weltkrieg von Anhängern der Freien Körperkultur um das französische Naturisten-Pärchen Albert und Christiane LeCoq 1950 entdeckt. Die Küsten waren damals übersät von Bunkeranlagen und Kriegs-Wracks, die teilweise heute noch zwischen den Sanddünen zu sehen sind. Die Nacktjünger schufen sich ihr eigenes Paradies mit Holzbungalows, die vereinzelt immer noch stehen. Rasant wuchs die Anhängerschaft des Paares, das Nacktheit fast wie eine Art Religion betrieb. Die LeCoqs waren bekennende Naturisten. Ihr Motto: Nackt leben im Einklang mit der Natur.

FKK-Camp CHM Montalivet
Eine alte Aufnahme des Hüttendorfes in den 1960er JahrenFoto: CHM Montalivet / La Vie au Soleil

Bereits zwei Jahre später gründeten Albert und Christiane auf dem Gelände die französische sowie die internationale Naturisten-Föderation, die inzwischen weltweit Anhänger der Freikörperkultur zusammenbringt. Das Centro Helio Marin entsteht – das erste Naturistencamp der Welt. Die Ur-Hütte der beiden Nackt-Prediger ist für die Naturisten-Bewegung fast zu einer Art Wallfahrtsort avanciert und wird im Camp liebevoll als kleines Museum erhalten. Albert LeCoq starb 1969, seine Frau Christiane überlebte ihn um fast 50 Jahre und starb erst 2014 mit 103 Jahren.

FKK-Camp CHM Montalivet
Der Strand des Camps in den 60er Jahren. Schon damals erfreute sich die Freie Körperkultur großer BeliebtheitFoto: CHM Montalivet / La Vie au Soleil

FKK-Camping in Zeiten von Corona

Normalerweise haben in der Hochsaison rund 14.000 Urlauber auf dem größten Campingplatz Europas Platz– so viel, wie eine Kleinstadt Einwohner hat! Doch viele internationale Gäste, wie beispielsweise der amerikanische Star-Fotograf Jock Sturges, der hier seit vielen Jahrzehnten Langzeit-Portraits mit Nudisten-Familien fotografiert, fehlen dieses Jahr. Die Corona-Pandemie brachte 2020 laut Camp-Leitung einen Umsatzrückgang von immerhin zehn Prozent, denn bis einschließlich Juni musste das Camp geschlossen bleiben. Trotzdem scheint das Publikum krisensicher zu sein. Der Sommerurlaub fühlt sich für die meisten Deutschen „fast wie immer“ an, so die Besucher gegenüber TRAVELBOOK.

Fast ein wenig amüsant ist das Bild, das sich dieser Tage mitunter auf dem Campingplatz bietet, denn das einzige Kleidungsstück, dass die Gäste oftmals tragen, ist ein Mund-Nasen-Schutz. So gehen die Urlauber etwa im Camping-Supermarkt des weitläufigen Geländes zwar „unten ohne“ einkaufen, tragen aber oben eine Maske.

Abends sehen alle anders aus

Abends ziehen zieht es viele FKKler ins „Gaia“, eine Holz-Bar in der Nähe der Dünen. Nach dem Sundowner gibt es dort täglich wechselnde Aktionen wie Quiz-Abende oder Live-Musik. Witzig: Rund 90 Prozent der Camper, die man tagsüber natürlich nackt kennenlernt, erkennt man abends kaum wieder. Denn die Nächte am Atlantik sind oft sehr frisch und das Thermometer sinkt auch im Hoch-Sommer schnell auf Werte um 15 bis 18 Grad. Dann tragen fast alle wieder Klamotten im größten FKK-Camp Europas.

pvf

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