Hölle oder Paradies?

Getestet! Lohnt sich ein Tag im Tropical Islands?

Der künstliche Dschungel reicht nicht mal ansatzweise bis zur Decke: das Tropical Islands Resort von innen
Der künstliche Dschungel reicht nicht mal ansatzweise bis zur Decke: das Tropical Islands Resort von innen
Foto: Tropical Islands

Tropical Islands in Brandenburg ist eine der beliebtesten Touristen-Attraktionen Deutschlands. Für unsere Autorin bisher immer ein Grund, am Verstand ihrer Mitbürger zu zweifeln. Wie kann man solchen Möchtegern-Tropen etwas abgewinnen, wenn man doch heutzutage für wenig Geld in den echten Süden reisen kann? Ein Selbstversuch zwischen traurigen Aras und luxuriösen Sauna-Höhlen.

Von meinen Freunden wollte keiner mit. Sobald sich das eigene Umfeld länger an einer Universität herumgetrieben hat, genießt das Tropical Islands einen ziemlich schlechten Ruf. Asi-Hotspot. Der Ballermann von Brandenburg. Nicht fein genug, nicht cool genug. Auch bei der Lektüre der Erlebnisberichte journalistischer Vorgänger kriege ich Angst. Es handelt sich um detailverliebte Zerrisse, die schildern, wie hässlich das viele Plastik, die überfüllten Pools und die bleichen, dicken Menschen sind. Ein beengender Pfuhl, den nur Verzweifelte oder Geschmacklose cool finden können. Ich verkünde jedem, der mich nicht begleiten will, dass es verdammt elitär sei, so zu reden. Aber wenn ich ehrlich bin, stelle ich es mir genauso vor, als ich mich der riesigen Halle nähere, die seit 2004 den Erlebnis-Wasser-Park beherbergt.

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Es riecht nach Chlor

Rein geografisch befinde ich mich bei Krausnick-Groß Wasserburg. Ein kostenloser Shuttle mit Palmenmuster-Sitzen hat uns, die wenigen Donnerstagmorgen-Gäste, an der dortigen Bahnstation „Brand“ eingesammelt und zur ehemaligen Cargolifterhalle gefahren, die von einer malaysischen Firma in ein gigantisches Erlebnisbad umgewandelt wurde. Wir befinden uns etwa eine Stunde entfernt von Berlin. Bei meinem Besuch ist es Herbst und schon ziemlich kühl.

Als ich die künstliche Urlaubswelt betrete, schlägt mir tropische Hitze ins Gesicht. 

Tropical Islands

Tropical Islands von innen: schön warm, aber auch beengend
Foto: Getty Images

Die Menschen wuseln alle zielstrebig zum Herz von Tropical Islands: dem Südsee-Bereich. An einem nicht besonders tiefen Pool-Becken mit Piratenschiff ist ein künstlicher Sandstrand aufgeschüttet. Auf ihm und den darüber ragenden Holzterrassen sind sehr viele Liegen aufgestellt, auf denen sich wiederum Menschen stapeln. Sobald ich ins Becken steige, bin ich erstaunlicherweise glücklich.

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Während es draußen vor sich hinnieselt und -modert, kann ich meine Zehen in weichen Sand bohren und in warmes Wasser gleiten. Das Becken selbst ist allerdings nichts für mich. Nach nur zwei Schwimmzügen kollidiert man bereits mit den zahlreichen Kleinkindern und Familien, die sich in der offensichtlich auf sie zugeschnittenen Wasserlandschaft tummeln. An keiner Stelle zu tief für ein Kind, an keiner Stelle aufregend genug für einen Erwachsenen. Es ist mir auch ein Rätsel, wie sich die Menschen auf den Liegen so gut entspannen können. Denn obwohl es wirklich warm ist, fehlt die erfrischende Brise, die das echte Stranderlebnis so angenehm macht. Das Ergebnis: lauter schwitzende Menschen und eine Frau, die sich tatsächlich Sonnencreme aufträgt. Tatsächlich lässt das Dach ein paar UV-Strahlen durch. Aber vielleicht gehört die Frau auch zu den Menschen, die sich einfach ganz der Illusion hingeben wollen. Zu der Sorte zählen auch die Typen, die links von mir zeitlupenhaft in einem Heißluftballon aufsteigen und versuchen, dem grauen Kuppelhorizont näherzukommen.

Rutschen ist auch was für Erwachsene

Wasserrutschen

Die drei Wasserrutschen des Tropical Islands werden auch von den Großen benutzt
Foto: Tropical Islands

Schon fühle ich mich in meinen Befürchtungen bestätigt und bin erleichtert, dass ich dem breiten Konsens entspreche. Von diesem angenehmen Zugehörigkeitsgefühl mit Hochnäsigkeit erfüllt, arbeite ich mich zu den Wasserrutschen vor. Leider machen die mir wirklich Spaß. Auf der höchsten wird man in ein paar Sekunden hochbeschleunigt durch einen blauen Tunnel geschossen. Ich ziehe aber die etwas gemütlichere, rote Rutsche vor, wo man es sich auf einem fetten Gummireifen bequem macht, während man in weiten Kreisen hinunterrauscht. Wahrscheinlich bin ich auch einfach glücklich, weil mittlerweile doch noch eine treue Freundin zu mir gestoßen ist. Es ist schon eine sehr traurige Sache, alleine durch einen Erlebnispark zu laufen. Nun habe ich jemanden, der mich darauf aufmerksam machen kann, wenn mein Bikini nach der Rutschsause nicht mehr ganz so sitzt, wie er sollte.

In den Bungalows wird die aufgeheizte Luft wieder runtergekühlt

Als Team schlendern wir an den asiatisch und afrikanisch angehauchten Statuen entlang, die überall in der Halle aufgebaut sind. Es gibt Tiki-Bars, auf shabby getrimmte Kolonialhäuser und Tempelruinen. Klar sieht das meiste billig aus, aber wir gestehen uns ein, dass wir als Kinder überglücklich hier gespielt hätten. Was den Gebäuden an Qualität mangelt, hätten wir mit unserer hyperfunktionalen Fantasie einfach gekittet. Alle Anwesenden, die uns nur bis zur Hüfte reichen, sehen auch entsprechend fröhlich aus. Uns fehlt aber mittlerweile die nötige Vorstellungskraft, um uns einzubilden, dass wir uns wirklich auf der anderen Seite der Erdkugel befinden: Die graue Kuppel erinnert einen einfach ständig daran, dass man stattdessen in der brandenburgischen Pampa rumhängt.

Die meisten Unterkünfte für Erwachsene sind Bungalows, in denen die aufgeheizte Luft mittels Klimaanlage wieder runtergekühlt wird. Mir kommt das etwas pervers vor. Zum Glück gibt es aber seit über einem Jahr einen Außenbereich in Tropical Islands, der ganzjährig geöffnet ist. Man kann also aus der Halle ausbrechen. Und wie! Durch einen Wildwasserkanal wird man in warmen Stromschnellen in den Außenpool hinausgespuckt. Wir lachen wie kleine Mädchen, als wir unter freiem Himmel sind. Draußen ist es zwar kalt, aber die Sonne scheint mittlerweile.

Tropical Islands Außenbereich

Der Wasserspielplatz im Außenbereich
Foto: Tropical Islands

Wahl zwischen Fast Food und Essen für 20 Euro

In den gut temperierten Bassins kann man tatsächlich schwimmen und der Platzangsthalle entkommen. Zumindest am Donnerstag. „Am Wochenende ist es so überlaufen, dass man auch hier keine Chance hat“, sagt mir eine erfahrene Tropical-Islands-Veteranin unter der Dusche neben dem Pool. Als ich sie frage, warum sie denn immer wieder herkommt, zuckt sie mit den Schultern. Es sei halt bei ihr um die Ecke.

Ich rutsche gleich zweimal durch den Kanal in den Pool und genieße den warmen Sonnenschein auf meiner Haut. Hinter uns toben Kinder auf einem Wasserspielplatz, auch Beachvolleyballplätze entdecke ich. Die sind aber leer. Denn sobald man aus dem warmen Wasser steigt, ist es eben Herbst, und man fröstelt in seinen nassen Badesachen. Mit der Gänsehaut kommt auch allmählich der Hunger. Wir beschließen, den Fressbereich der Halle zu inspizieren.

In verschiedenen Restaurants hat man die Wahl zwischen Fastfood für 10 Euro und Essen für 20 Euro. Aber wenn man bedenkt, dass eine Tageskarte inklusive Sauna schon 49 Euro kostet, überlegt man es sich sich zwei Mal, ob man sich kulinarische Extravaganzen leistet. Wir entscheiden uns für eine klassische Berliner Currywurst und Pommes, dazu: ein frisch gepresster Orangensaft.

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Tierquälerei?

Nach dem Essen spazieren wir weiter durch die Halle, kommen an der Lagune vorbei, ein zweites, kleineres Wasserbecken, in dem ich noch weniger schwimmen möchte als in der Südsee, an einem Plastikburg-Hotel, einem Bücherladen und einem großen Papageien-Käfig. In dem durchaus schönen Regenwald-Biotop der Halle gibt es seit ein paar Jahren echte Kois, Flamingos, Aras, verschiedene andere Vögel und Schildkröten.

Die Aras sitzen reglos und still in ihren Käfigen: Sie reagieren kaum auf ihre Umwelt. Da Tropical Islands ein 24-Stunden-Betrieb ist, haben die Tiere wahrscheinlich sehr selten eine Pause von Licht, Lärmkulisse und wild fotografierenden Menschen. Ähnlich teilnahmslos kommen auch die Flamingos des Resorts daher, die sich alle um ihre Futterstelle drängeln und sich ansonsten kaum bewegen.

Tropical Islands Flamingos

Eine Besucherin betrachtet die Flamingos, die Tropical Islands in der Kuppel hält. Die haben nicht besonders viel Platz.
Foto: Getty Images

Auf mehrere kritische Kommentare dazu hat Tropical Islands versichert, dass die Tiere artgerecht gehalten würden und ihre Haltung vom Kreis-Veterinär gestattet sei. Auf uns machen sie jedoch einen sehr deprimierten Eindruck. Muss man wirklich echte Tiere in diese Halle sperren? Noch viel mehr ekeln mich allerdings die Besucher an, die die armen Tiere mit Blitzlicht fotografieren.

Der Wellnessbereich ist hochwertiger

Etwas zerknirscht geht es weiter. Die Landschaft verändert sich: Auf einmal fühlt man sich in ein exklusives Spa versetzt. Wir sind im Saunabereich des Tropical Islands gelandet. Hier sind die Möbel edler, die Dekoration aus Holz und Stein hochwertiger, der Service besser, die Liegen leerer. Nicht jeder hat Lust, den Aufpreis für Wellness zu zahlen.

Das erste Mal kann ich dem sterilen Regenwald etwas abgewinnen. Wer schon mal südlich des Äquators war, weiß, dass man sich die romantische Hängematte unter Palmen auch immer mit jeder Menge Mosquitos teilen muss. Hier aber lege ich mich völlig entspannt in den bunten Stoff, schwebe zwischen dem Elefantentempel, einem riesigen Dampfbad mit Eukalyptusdämpfen, und der Salzsauna hin und her und genieße das insektenfreie Panorama. Nachdem ich im Dampfbad geschwitzt und in der Salzgrotte Sole eingeatmet habe, geht es mir wirklich gut. Die Düfte hier sind allgemein wohltuender als der geballte Chlor des Erlebnisbereichs. Im hiesigen Whirlpool darf man keinerlei Textilien am Körper tragen. Zwei pubertierende Jungs zwinkern uns erwartungsvoll an, als wir uns freudig dem Pool nähern und dann genervt abdrehen.

Fazit

Als wir die Halle am Abend verlassen, kommen noch ganze Busse voller Leute an, die das Evening-Special des Resorts nutzen, bei dem sie Eintritt sparen. Zurück auf meinem Palmenmuster-Sitz wird mir bewusst, dass ich mir absolut nicht sicher bin, was ich von Tropical Islands eigentlich halten soll. Immer wieder wird kritisiert, dass die Urlaubswelt so künstlich sei. Das finde ich übertrieben. Im Disneyland reißt ja auch keiner der überdimensionalen Mickey Maus den Kopf ab und meckert, dass das alles nur fake sei.

Natürlich kommt das hier nicht an einen Karibikurlaub heran. Aber das behauptet ja auch keiner. Ansonsten muss man schon ein gewaltiger Spießer sein, um bei der Wahl zwischen einem wirklich annehmbaren Saunabereich, Wasserrutschen, Spielplätzen und einem Wildwasserfluss gar keinen Spaß zu haben. Nicht jeder kann sich eben die echte Karibik leisten. Auf der anderen Seite ist ein Ticket für Tropical Islands auch nicht besonders preiswert. Rechnet sich das wirklich? Für mich nicht. Hätte ich Kinder, sähe das vielleicht aber auch wieder anders aus.