Zum Inhalt springen
logo Deutschlands größtes Online-Reisemagazin
Deutschland Alle Themen
Nach Katastrophe

Das Wunder der „zerbrechenden“ Stadt Staufen im Breisgau

Staufen
Die Stadt Staufen im Breisgau wurde 2007 zum Schauplatz einer Katastrophe, die bis heute ihre Schatten wirft Foto: picture alliance / ZB/euroluftbild.de
Artikel teilen
Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

1. März 2026, 7:56 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Im September 2007 ereignete sich in der Kleinstadt Staufen in Baden-Württemberg eine Katastrophe, die bis heute ihre Schatten wirft. Denn seitdem hebt sich hier die Erde vor allem unter der Altstadt dramatisch an, sorgt dafür, dass viele der Häuser regelrecht zu zerbrechen drohen. TRAVELBOOK sprach mit dem Bürgermeister von Staufen über den Super-GAU und darüber, wie die Menschen vor Ort es aller Widrigkeiten zum Trotz schaffen, zusammenzuhalten.

Wer den Ort Staufen im südlichen Schwarzwald besucht, der wird auf den ersten Blick eine idyllische Kleinstadt vorfinden. Am Fuße des Berges Belchen gelegen, blickt sie zurück auf eine 1250 Jahre alte Geschichte und ist das Herz einer Region, die sowohl bei Wanderern als auch Radfahrern und Touristen im Allgemeinen überaus beliebt ist. 170.000 Menschen übernachten jährlich in Staufen, um sich die malerische Altstadt anzuschauen. Doch nicht wenige kommen heute vermutlich auch, um das Wunder zu erleben, dass Staufen überhaupt noch existiert. Denn vor beinahe 20 Jahren ereignete sich hier eine Katastrophe, deren Ausmaße zunächst unabsehbar schienen.

TRAVELBOOK erreicht Michael Benitz, den Bürgermeister von Staufen, per Telefon. 24 Jahre ist der sympathische und sehr schnell sprechende Mann nun schon im Amt. Hat die Krise seiner Heimatstadt hautnah miterlebt und selbst mit angepackt, um sie wieder herauszuführen. Alles begann an einem Tag im September 2007, wie er sich erinnert: „Damals hatten wir gerade die zweijährige Sanierung unserer beiden Rathausgebäude abgeschlossen. Nun ging es um die Frage, wie man diese im Winter umweltfreundlich beheizen und im Sommer ebenso kühlen könnte.“ Der Stadtrat stimmte schließlich einer Idee zu, die zu der Tragödie führte: Geothermie.

Einen schlafenden Riesen geweckt

Staufen
Auf diesem Bild aus dem Jahr 2009 erkennt man deutlich, was die fehlgeschlagene Bohrung in der Stadt für Spruen hinterließ Foto: picture-alliance/ dpa

Die Gebäude sollten mit Erdwärme versorgt werden. Dafür legte man sechs Bohrstränge mit einer jeweiligen Tiefe von 140 Metern an – und weckte dabei versehentlich einen schlafenden Riesen. Und zwar sprichwörtlich: „Als die Heizung fertig war, zeigten sich 14 Tage später die ersten, zunächst noch feinen Haarrisse an einigen Gebäuden in der Stadt. Dann war Alarm.“ Doch was war geschehen? „Wir haben bei unseren Bohrungen eine grundwasserführende Schicht angebohrt. Dieses Wasser drang nun in der Folge ungehindert in die unter der Stadt liegenden Gesteinsschichten ein.“ Und zwar ein Gestein namens Anhydrit, das sich bei Kontakt mit Wasser zu Gips transformiert und in der Folge stark ausdehnt.

Auch interessant: Schweizer Bergdorf Brienz rutscht einen Meter pro Jahr ab

Die tragische Konsequenz: Das aufquellende Gestein begann, Gebäude in der Stadt mit einer aus geologischer Sicht atemberaubenden Geschwindigkeit nach oben und gleichzeitig zur Seite zu drücken. „Wir sprechen hier von einer anfänglichen Bewegung von 11 Millimeter in Monat. Und das in unserer seit den 1960er Jahren denkmalgeschützten Altstadt, eine riesige Katastrophe.“ Und doch gelang es in Staufen, den Super-GAU zu verhindern. „Wir haben die Bohrstränge dann schnell abgedichtet und sogenannte Abwehrbrunnen mit Pumpen eingerichtet.“ Diese fördern seitdem pro Sekunde fünfeinhalb Liter Wasser aus dem Erdreich und verhindern so, dass dieses weiter das Gestein aufquellen lassen kann.

Mehr zum Thema

Horror-Szenario

Staufen
Eine Stadt, ein Slogan: Staufen kämpft seit 2007 gegen die Zerstörung Foto: picture alliance / dpa

So ist die Bewegung unter Staufen mittlerweile bis auf einen Millimeter pro Monat zurückgegangen. Früher gab es alle 14 Tage dazu Messungen, heute ist das nur noch einmal im Jahr nach der Frostperiode im Frühjahr notwendig. Der ganz große Zusammenbruch scheint abgewendet. „Anfangs standen wir hier dem Horror-Szenario gegenüber, dass sich die Altstadt um bis zu mehrere Meter hätte anheben können. Die Folgen wären unabsehbar gewesen.“ Heute sind es stattdessen „nur“ 72 Zentimeter, die Staufen höher liegt als noch 2007. Seitlich haben sich die Gebäude um 50 Zentimeter verschoben. Insgesamt sind 270 Häuser in der Stadt betroffen, der Schaden beläuft sich auf eine Summe von 50 Millionen Euro.

Auch interessant: Osjorsk: Die verstrahlteste Stadt der Welt

Man hört Bürgermeister Benitz den Stolz in der Stimme an, wenn er davon erzählt, wie seine Stadt sich aus der Krise herausgekämpft hat. „Wir haben es ganz ohne Anwälte geschafft, mit dem Land Baden-Württemberg und allen anderen Kommunen eine Einigung für diesen Schadensfall zu erzielen.“ Das Ergebnis: Das Land wird 40 Prozent der ersten 30 Millionen Euro tragen, weitere 40 Prozent entrichten alle anderen Kommunen gemeinsam. So bleibt der Stadt Staufen selbst noch eine Zahlung von sechs Millionen Euro. „Für uns ist das aber trotzdem eine wahnsinnige Belastung.“

Eine Stadt baut sich wieder auf

Mapcreator Platzhalter
An dieser Stelle findest du Inhalte von Drittanbietern
Um mit Inhalten von Drittanbietern zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Immer noch erhalte sein Rathaus heute monatlich einen ganzen Aktenordner mit Protokollen zu den Rissen, die die Stadt durchziehen. Den Bürgern hilft seit 2010 eine Schlichtungsstelle, geführt von zwei pensionierten, ehrenamtlich arbeitenden Richtern. „Da geht es ja für viele Leute um nicht weniger als ihre gesamte Existenz. Und die ist damit glücklicherweise gesichert.“ Entscheiden die Richter, dass ein Kläger Anspruch auf riss-bedingten Schadenersatz hat, so streckt Staufen die Summe vor, und rechnet sie dann später mit dem Land Baden-Württemberg ab. „Zudem wird weiterhin an 100 Messpunkten regelmäßig geprüft. Unsere Aufmerksamkeit darf nicht nachlassen.“

Auch interessant: Yungay: Die Geschichte von Perus beerdigter Stadt

Bürgermeister Benitz entschuldigt sich, ihm renne die Zeit bis zum nächsten Termin davon. „Mit vereinten Kräften und großem Engagement haben wir es zusammen hinbekommen. Damals entstand ja der Slogan ‚Staufen darf nicht zerbrechen‘. Das war natürlich nicht nur auf die Gebäude gemünzt, sondern auch die Gemeinschaft.“ Er selbst wird der Stadt auch verbunden bleiben, wenn er vermutlich im ersten Quartal 2026 in seine wohlverdiente Rente geht. Ja, zahlreiche Gebäude in Staufen habe man im Laufe der Jahre aufgrund irreparabler Schäden abreißen müssen. Doch einige baue man auch gerade wieder auf, so zum Beispiel das technische Rathaus und ein Archiv. „Das ist schon ein Signal.“

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.