Zum Inhalt springen
logo Deutschlands größtes Online-Reisemagazin
Deutschland Europa Harz Alle Themen
Die Nazis betrieben hier eine Flugzeugfabrik

Die größte Schauhöhle Deutschlands und ihre dunkle Vergangenheit

Heimkehle
Die Heimkehle ist Deutschlands größte Schauhöhle. Besucher staunen nicht nur über die gewaltige Grotte, sondern lernen auch etwas über deren düstere Vergangenheit Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

26. Oktober 2026, 6:52 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Die Heimkehle im Harz zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen ist heute die größte Schauhöhle in ganz Deutschland. Besucher lernen auf einer beeindruckenden Führung alles zu dem gewaltigen unterirdischen Naturwunder. Und auch zu seiner düsteren Vergangenheit. Denn zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges betrieben die Nazis hier eine unterirdische Flugzeugfabrik, mussten unzählige Unschuldige unter unmenschlichen Bedingungen leiden. TRAVELBOOK erzählt die Geschichte des Ortes.

Ein kühler Morgen Mitte September 2025, und ich stehe vor einem der sprichwörtlich größten Naturwunder im gesamten Harz. Hier, nahe dem Ort Uftrungen, zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen, liegt unter der Erde verborgen die Heimkehle. Eine der größten Gipssteinhöhlen Deutschlands uns sogar in ganz Europa, und die größte begehbare Schauhöhle hierzulande. Ein fantastischer Fernwanderweg hat mich hierher geführt, die Grotte liegt auf einer der ersten Etappen einer insgesamt 260 Kilometer langen Tour durch den Südharz. Trotz der spätsommerlichen Temperaturen trage ich eine leichte Jacke, denn gleich werde ich mit einer Gruppe in die Grotte hinabsteigen. Da ahne ich noch nicht, dass ich bald schon noch aus einem anderen, düsteren Grund frösteln werde.

Der lustig-ruppige Höhlenführer Andreas Hammer begrüßt die Runde, ein bunter Mix aus Kindern und Erwachsenen. Laut seiner Aussage betreten wir nun, mit schicken gelben Helmen geschützt, die größte Gips- und Anhydrithöhle in ganz Europa. Diese hat eine erforschte Ausdehnung von 2136 Metern, da nimmt es Hammer ganz genau. 700 Meter davon sind für uns als Besucher auch barrierefrei begehbar. Bereits seit 1920 ist die Heimkehle für Besucher geöffnet, nachdem sie der Unternehmer und Konsul Theodor Wienrich eher zufällig entdeckt hatte. Er betrieb ein Jagdrevier in der Region, stieß irgendwann auf einem Streifzug durch den Wald auf einen Eingang zu der Grotte.

Dunkle Vergangenheit

Das erste Mal urkundlich erwähnt wurde sie aber bereits im Jahr 1357, denn die Menschen vermuteten damals hier einen Zugang zur Hölle. Die Höhle selbst habe ein Alter von 30.000 Jahren. Mit dem Ende der letzten Eiszeit hätten die sich zurückziehenden Gletscher sie dann zu ihrer heutigen Größe ausgespült. Wir haben uns in der Zwischenzeit zum sogenannten Großen Dom vorgearbeitet. 22 Meter Deckenhöhe, der größte touristisch erschlossen Hohlraum in ganz Deutschland. Hier, unter der Erde, herrscht das ganze Jahr über eine konstante Temperatur von gerade einmal 8,4 Grad. Wo heute Touristen wandeln, lebten vermutlich bereist in grauer Vorzeit Urmenschen.

Auch interessant: Die schönsten Schlösser und Burgen im Harz

Zwei glasklare Seen liegen auch auf unserem Weg durch die Heimkehle. Unter der Erde durchquere man übrigens die Landesgrenze zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen, erklärt Hammer, und weist auf eine entsprechende Grenzmarkierung hin. Genauso wie auf die heimlichen Bewohner der Höhle, die einen Teil des Jahres über hier wohnen. Und tatsächlich, von den Decken hängen kleine Körper, Fledermäuse. 5500 Stück hat man hier gezählt, 17 von 19 in der Region vorkommenden Arten überwintern in Deutschlands größter Schaugrotte. Als wir fragen, was denn die Graffiti an einem der gewaltigen Decken-Stützpfeiler zu bedeuten hätten, kommt Hammer auf die dunkle Vergangenheit der Höhle zu sprechen.

Mehr zum Thema

Zwangsarbeit und Tod

Heimkehle
In der Grotte gibt es zwei unterirdische Seen, und hier leben tausende Fledermäuse Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Denn während des Zweiten Weltkrieges betrieben hier die Nazis eine unterirdische Fabrik, in der sie von Zwangsarbeitern unter unmenschlichen Bedingungen Flugzeugteile herstellen ließen. Junkers Motorenwerke AG begann im März 1944, unter dem Tarnnamen Thyra-Werk, mit der Einrichtung. Die Produktion verlagerte man unter Tage, um sie vor feindlichen Luftangriffen zu schützen. Beschäftigt waren dort Häftlinge des Außenlagers KZ Buchenwald, später des KZ Mittelbau-Dora. Dessen Anlage kann man heute noch beim nahen Nordhausen besichtigen. Bis Oktober 1944 trafen hier 819 Gefangene ein, die bis zu 12 Stunden am Tag Stollen in den Berg trieben, Stützen setzten, Flächen planierten und Stromleitungen verlegten.

Auch interessant: Fingal‘ Cave: Die legendäre Höhle auf den schottischen Hebriden

Junkers ließ hier Federkerne und Einzelteile für die Flugzeugproduktion herstellen. Auch im benachbarten Stempeda mussten die unglücklichen Häftlinge arbeiten, weil dort ebenfalls eine unterirdische Produktionsstätte entstehen sollte. Eine örtliche Krankenstation hatte 36 Betten, die von Anfang an wegen der schweren Arbeit quasi dauerhaft belegt waren. Mindestens sechs Todesfälle sind bis Ende Oktober 1944 um die Heimkehle belegt. Nach dem Ende des Krieges sprengte die sowjetische Besatzungsmacht dann die Rüstungsanlagen, sowie auch die Zugänge zur Höhle. Am 1. Mai 1954 schließlich konnte die Heimkehle dann wieder für Touristen eröffnen. Seit 2005 erinnert ein Gedenkstein vor der Höhle an das düstere Kapitel.

Der Name kommt vermutlich aus dem Keltischen

Trotzdem, oder gerade deshalb, ist die Heimkehle als größte Schauhöhle des Landes heute ein überaus sehenswerter Ort. Besucher können in einem unterirdischen Kino zum Abschluss der Führung auch einen kurzen, interaktiven Kinofilm zur Entstehung des Naturwunders ansehen. Sound und Bilder wirkten auf mich bei meinem Besuch jedenfalls bombastisch. Der eigenwillige Name stammt übrigens laut Guide Andreas Hammer vermutlich aus dem Keltischen. So könnte er ursprünglich Helmenkelle gelautet haben, was übersetzt so viel wie „heimlicher Keller“ bedeutet haben. Diese Bezeichnung wiederum deutete auf ihre Lage unter der Erde hin.

Auch interessant: In dieser Harzer Höhle stießen Forscher auf eine Sensation

Wer die Heimkehle einmal selbst besuchen möchte, hat dazu das ganze Jahr über Gelegenheit. Führungen finden von April bis Oktober von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen im Zeitraum von 10 bis 17 Uhr statt. Von November bis März kann man die Höhle Mittwoch bis Sonntag sowie an Feiertagen in Sachsen-Anhalt zwischen 10 bis 16 Uhr besuchen. Der Eintritt kostet aktuell für Erwachsene neun Euro, ermäßigt sind sechs Euro zu zahlen. Seit 2019 ist die Höhle mit dem Prädikat „Nationaler Geotop“ als besonders schützenswert ausgezeichnet.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.