10. Mai 2026, 8:26 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
In dem gleichnamigen Harz-Ort stehen die auch als Ruine noch beeindruckenden Anlagen des einstigen Zisterzienserklosters Walkenried. Einst eine der größten und mächtigsten Abteien in ganz Deutschland, erwirtschafteten die Mönche hier einen sagenhaften Reichtum und bestimmten so über fünf Jahrhunderte die Geschicke der Region mit. Und planten laut einer Legende sogar, einen der berühmtesten Männer der damaligen Zeit zu ermorden.
Ein besonderer Glücksfall auf Reisen ist es, an Orte zu gelangen, deren Anblick einem die Sprache verschlägt. Im September 2025 unternahm ich eine zweiwöchige Weitwanderung im Harz, und stieß dabei auf so ein Juwel. Die Rede ist von den Ruinen des altehrwürdigen Zisterzienserklosters Walkenried in der gleichnamigen Kleinstadt, die sich plötzlich gegen den strahlend blauen Spätsommerhimmel vor mir erhoben. Eine beruhigende, alles umfassende Stille umgab mich, und gleichzeitig war da die Neugier. Denn Walkenried beherbergt heute eine der größten Klostermuseen in ganz Europa, und nun wollte ich alles über die Geschichte dieses faszinierenden Gotteshauses wissen.
Diese kann man auch auf der offiziellen Webseite des Kloster Walkenried nachlesen, doch ein Besuch vor Ort lässt einen erst richtig die Dimensionen einer der einst größten und mächtigsten Abteien Deutschlands begreifen. 1129 gegründet von nur einem Abt und zwölf Brüdern, stieg Walkenried im Laufe seines fast fünfhundertjährigen Bestehens zu einer der reichsten geistlichen Dynastien überhaupt auf. Aus Mönchen, die sich im Geiste der Zisterzienser eigentlich dem materiellen Verzicht verschrieben hatten, wurden knallharte Geschäftsleute, die auch vor Gewalt nicht zurückschreckten, um ihre Ziele zu verfolgen. Und genau dieser Umstand führte letztlich auch zu ihrem Untergang.
Mafiöse Methoden
Teile des Klosters Walkenried sind auch heute noch so erstaunlich erhalten, dass man in ihnen das Museum errichtete, das ich nun betrat. Über das Entree mit angeschlossenem Café und kleinem Souvenirshop gelangt man ins Herz der Geschichte, steht man doch sogleich in einem der beeindruckenden Kreuzgänge. Wo sich früher die Brüder der Stille verschrieben hatten, hallt heute jeder Schritt, jedes Flüstern auf eine fast ätherische Art nach. Meine Freundin konnte der Versuchung nicht widerstehen, hier zu singen, und die Gewölbe verstärkten ihre Stimme um ein Vielfaches. Wenig verwunderlich finden in den heiligen Hallen auch heute noch regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen statt.
Auf Schritt und Tritt begleiten den Besucher Info-Tafeln, die das mönchische Leben in dem auch bei warmen Temperaturen kalten Gemäuer für den Besucher erklären. In der schönen, schlichten Kapelle finden auch heute noch Gottesdienste statt. Und obwohl es ursprünglich ein Leben der Entbehrungen nah bei Gott war, dass bald schon nach seiner Gründung hunderte Brüder nach Walkenried zog, stieg das Kloster rasch zu einer mächtigen Wirtschaftsorganisation auf, die auch vor mafiösen Methoden nicht Halt machte. So kontrollierten die Mönche große Teile der Agrarwirtschaft und des Bergbaus im gesamten Oberharz.
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Von Mönchen erschaffenes Welterbe
Walkenried gründet nicht einmal zehn Jahre nach seinem eigenen Entstehen erste Ableger, steigt dank Schenkungen durch Kaiser Lothar III. zu einem Großgrundbesitzer auf. Man betreibt vor Ort ein für damalige Standards hochmodernes Krankenhaus, in dem sich sogar Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, nach einem Reitunfall monatelang behandeln lässt. Der Reichtum des Klosters wird vor allem durch Erträge aus dem Bergbau gesteigert, unter anderem einer Beteiligung an der Grube Rammelsberg in Goslar, die genau wie das Gotteshaus heute ein UNESCO-Welterbe mit über 1000-jähriger Geschichte ist. Ein weiteres Welterbe erschaffen die Mönche, beziehungsweise ihre Untergebenen, gleich selbst.
Sie legen ein weitverzweigtes Teichsystem an, das als Teil der sogenannten Oberharzer Wasserwirtschaft insgesamt über 107 Teiche verfügt. Dazu kamen Gräben mit einer Gesamtlänge von 310 Kilometern und Wasserläufe von 31 Kilometer Länge. Diese dienten sämtlich dazu, die Energie des Wassers für den Bergbau zu nutzen, und gelten heute als größtes vorindustrielles Denkmal überhaupt hierzulande. Mehrere Jahrhunderte war es in Benutzung. Noch heute kann man im gesamten Oberharz diese Gewässer bewundern, genau wie auch alte Bergwerke. Die meisten der Wasserkörper finden sich rund um die Stadt Clausthal-Zellerfeld, wo man auch heute noch Bergbau studieren kann.
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Ein legendärer Mordplan
Tatsächlich wirtschaftete Walkenried so erfolgreich, dass das Kloster auch schon bald als der „Weiße Konzern“ bekannt war. Und dieser schreckte auch nicht davor zurück, ganze Dörfer für seine Interessen auszulöschen, wie man in der großartigen Ausstellung vor Ort staunend lernt. Diese befindet sich auf mehrere Räume verteilt und ist so ausführlich und spannend, das man problemlos auch mehrere Stunden in dem Gemäuer verbringen kann. In regelmäßigen Abständen ertönen aus Lautsprechern mönchische Gesänge, und wer die Augen schließt, könnte sich so ein bisschen wie in der Zeit zurückversetzt fühlen.
Neben den reichhaltigen Informationen sind diverse Artefakte des klösterlichen Lebens ausgestellt. In Vitrinen kann man zudem den Aufstieg und Niedergang von Walkenried anhand von Zahlen und Grafiken nachvollziehen. Zudem erfährt man die erstaunliche Legende eines vielleicht geplanten, aber nie realisierten Verbrechens. Denn kurz vor seinem Zerfall im Jahr 1525 kritisierte der Reformator Martin Luther das Kloster, und sagte bei dieser Gelegenheit auch dessen Untergang voraus. Darüber sollen die Brüder so erbost gewesen sein, dass sie (im Geist) erwägten, die Störenfried in ihrer Kanalisation zu ertränken. Luther aber besuchte den Ort nie selbst, und tatsächlich endete das Erfolgsmärchen von Walkenried schon kurze Zeit später.
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Der Untergang des Klosters
Aufgebracht durch die strenge Herrschaft der Obrigkeit und die teils unmenschlichen Lebensbedingungen, erhebt sich nämlich das einfache Volk 1525 in den sogenannten Bauernkriegen. Die Bauern besetzen dabei das Kloster Walkenried und zerstören den Reiter des Kirchendachs. Das 1290 eingeweihte Gotteshaus auf dem Kloster-Gelände war zu Zeiten seines Bestehens größer als der Berliner Dom. Von diesem Schlag erholt sich Walkenried nie wieder, und 1593 schließlich fallen sämtliche noch verbliebenen Ländereien der Abtei an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Damit endet eine fast 500-jährige Saga, doch die Geschichte des Kloster Walkenried fasziniert noch heute.
Lebendige Geschichte
Ich habe selten einen Ort gesehen, an dem Historie derart lebendig erlebt und auch geatmet werden kann wie in Walkenried. Das Kloster faszinierte mich so sehr, dass ich im November 2025 noch ein zweites Mal wiederkam. Und obwohl ich nun vermeintlich schon alles kannte, war die Magie ungebrochen. Einen Besuch hier würde ich dem interessierten Leser dennoch eher für die wärmere Jahreszeit ans Herz legen, denn rund um die Anlage und die Kleinstadt kann man auch fantastisch wandern. Außer dem Klostermuseum befindet sich auf dem weitläufigen Gelände auch noch das Welterbe-Zentrum Walkenried.
Das Klostermuseum ist aktuell bis Ende Oktober von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Für Führungen ist eine Voranmeldung beim Besucherservice unter 05525-95 99 064 oder info@kloster-walkenried.de erforderlich. Bei Sonder- und Abendveranstaltungen können Teile des Kreuzganges für die Museumsbesucher gesperrt sein. Für Erwachsene kostet der Eintritt acht Euro, ermäßigt sechs Euro. Ein Familienticket für zwei Erwachsene mit bis zu vier Kindern kostet 20 Euro. Alle weiteren Informationen entnehmen Sie bitte der offiziellen Kloster-Webseite.