Verspätungen und Ausfälle

Flug-Chaos dauert noch bis Herbst!

Flugchaos
Flugpassagiere mussten sich an vielen deutschen und anderen europäischen Airports diesen Sommer oft gedulden. Und das Flugchaos ist noch nicht vorbei.
Foto: dpa Picture Alliance

In 2018 gab es bereits viele Flugausfälle und -verspätungen. Und das Flug-Chaos geht weiter, soll noch bis Herbst andauern. TRAVELBOOK hat bei Airlines, Branchenzuständigen und Flug-Experten nach Gründen für die im Vergleich zum Vorjahr drastisch gestiegene Zahl der Annullierungen und Verspätungen gefragt – und auch nach Prognosen.

Schon den ganzen Sommer über gab es immer wieder lange Warteschlangen, Verspätungen und Streichungen an deutschen Flughäfen. In Frankfurt und München kam es zu Sicherheitspannen, die die Airports zwischenzeitlich lahmlegten. Zudem trafen Pilotenstreiks bei Ryanair im August Zehntausende Passagiere, und die Insolvenz von Air Berlin im vergangenen Jahr wirbelte immer noch einige Flugpläne durcheinander. Und die leidgeplagten Passagiere an deutschen Flughäfen müssen sich laut dem Airport-Verband ADV weiter auf Probleme einstellen.

„Es wird auch im Herbst noch Verspätungen und Ausfälle geben“, sagte Verbandschef Stefan Schulte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Er rechnet zwar mit schnelleren Sicherheitskontrollen, sieht aber Engpässe vor allem bei Fluglotsen. Zumindest die Spätfolgen der Air-Berlin-Pleite sollten sich 2019 legen. „Wir sind auf dem richtigen Weg, aber es sind längst noch nicht alle Probleme gelöst“, erklärte Schulte, der auch Chef der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport ist.

Schaut man sich die Erklärungen für die angespannte Situation beim Flugreiseverkehr an, so fällt auf, dass es nicht einen spezifischen Grund für die Verspätungen und Ausfälle gibt, sondern es ist die Summe aus unterschiedlichen Faktoren, die sich in diesem Jahr gegenseitig verstärken.Schulte sieht die größten Probleme beim Mangel an Fluglotsen und im engen Luftraum: „Es müssen deutlich mehr Fluglotsen eingestellt und in die Ausbildung gebracht werden.“ Zudem würden zusätzliche Flugkorridore „neben, über oder unter den bestehenden“ benötigt.

TRAVELBOOK listet auf, was Fluggesellschaften und Airports in diesem Jahr sonst noch vor besondere Herausforderungen gestellt hat und stellt:

Hauptfaktoren: Streiks und Pannen

Ein Großteil der Flugstreichungen im ersten Halbjahr 2018 sei auf Streiks zurückzuführen, sagte Easyjet auf Nachfrage von TRAVELBOOK. Allein im Monat Mai hat die britische Billigairline nach eigenen Angaben 974 Flüge gestrichen. „Dies entspricht etwa 2,5 Prozent der geplanten Kapazität und übertraf die im Mai 2017 verzeichneten 117 Flugstreichungen.“ Etwa 600 der Flugstreichungen seien auf Streiks in Frankreich und Italien zurückzuführen, weitere 300 auf ungünstige Wetterbedingungen und Beschränkungen durch die Luftverkehrsüberwachung.

Auch bei TUIfly verzeichnet man im Vergleich zum Vorjahr „extrem erhöhte Zahlen für Flugverspätungen“, wie Sprecher Aage Dünhaupt erklärt. Gründe für Verspätungen von mitunter bis zu 16 Stunden, weiß Dünhaupt, seien auch hier vor allem schlechtes Wetter und die andauernden Fluglotsenstreiks in Frankreich. Betroffen seien in erster Linie die TUIfly-Flüge nach Madeira, auf die Balearen und Kanaren.

Auch bei Ryanair gab es in diesem Jahr deutlich mehr Flugausfälle als 2017. Im Mai 2018 seien mehr als 1000 Flüge gestrichen worden, teilt die irische Billigairline auf TRAVELBOOK-Nachfrage mit. „Fast alle aufgrund von Personalmangel und Streiks bei der Flugverkehrskontrolle, was dem 24-Fachen der 43 Flüge entspricht, die im Mai 2017 gestrichen wurden“, heißt es. „Wir haben die EU-Kommission und europäischen Regierungen aufgefordert, umgehend Maßnahmen zu ergreifen, um einen vollständigen Dienstleistungskollaps der europäischen Flugverkehrskontrolle in diesem Sommer zu verhindern“, sagt Ryanair-Sprecher Robin Kiely.

Auch interessant: Die Regeln für Handgepäck und Aufgabegepäck bei Ryanair

Personalmangel, Engpässe bei den Sicherheitskontrollen

Eurowings nennt ebenfalls Zahlen: Im ersten Halbjahr 2018 seien von 113.439 Flügen 1578 (1,4 Prozent) gestrichen worden, heißt es bei der Lufthansa-Tochter. Gründe für die Streichungen seien zahlreiche „Störfaktoren“ gewesen, auch hier werden schlechtes Wetter und Fluglotsenstreiks genannt, sowie ein zersplitterter europäischer Luftraum und akuter Personalmangel bei den Flugsicherungen (TRAVELBOOK berichtete). Hinzu komme laut Eurowings, dass nach der Insolvenz der Air Berlin Group zahlreiche Fluggesellschaften daran arbeiteten, „die weggefallene Kapazität von mehr als 140 Flugzeugen zu ersetzen. Für diese schwierige Übergangsphase hatten wir sicherheitshalber deutlich mehr Reserven berücksichtigt als in den Jahren zuvor“. Dennoch sei es laut Eurowings zu „unvorhergesehen Entwicklungen in den vergangenen Wochen“ gekommen. Im Zuge der Transaktion von 77 Flugzeugen in die Eurowings Group habe es „leichte Verzögerungen“ bei der Zertifizierung gegeben. „Wir sind aber zuversichtlich, dass der aufwändige Zertifizierungsprozess im Juli abgeschlossen sein wird“, teilt Eurowings mit.

Auch Lufthansa ist nach eigener Aussage „in den vergangenen Wochen von Flugausfällen betroffen gewesen“. Einerseits aufgrund des bereits mehrfach genannten schlechten Wetters und Gewittern, aber auch wegen der „Knappheit bei den Flugsicherungskontrollen entweder durch Streiks oder durch Personalmangel und personalen Engpässen bei den Sicherheitskontrollen an den Flughäfen“, teilt man TRAVELBOOK mit.

Über die Gründe für Flugausfälle und Flugverspätungen hat TRAVELBOOK auch mit Stefan Eiselin, Flug-Experte und Redakteur bei Aerotelegraph, gesprochen. , sagt Eiselin. Auch er nennt neben Streiks und Wetter steigenden Flugverkehr und damit Personalengpässe als Faktoren. „Die Menge an Flügen kann nicht mehr im richtigen Zeitfenster bewältigt werden“, sagt er. Personal fehle auch bei den Sicherheitskontrollen, „sodass es schon dort zu ersten Verzögerungen kommt“. Kürzlich berichtete TRAVELBOOK auch über veraltete und umständlich organisierte Personenkontrollen an deutschen Flughäfen.

Interaktive Karte zeigt alle WLAN-Passwörter der Airports

Laut Eurocontrol-Analyse sind hauptsächlich Airlines schuld

„Die Kapazitätssituation im europäischen Luftraum ist aufgrund der sehr starken Nachfragesteigerungen seit 2017 angespannt“, sagt Christian Hoppe, Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS), zu TRAVELBOOK. Die Folge: „temporäre Kapazitätsengpässe und Verzögerungen“. In Zentraleuropa am stärksten betroffen sind laut Hoppe der obere Luftraum und damit im deutschen Luftraum die Kontrollzentrale Karlsruhe und die Eurocontrol-Kontrollzentrale Maastricht. „So kam es in den ersten Monaten des Jahres 2018, insbesondere im Mai, zu Kapazitätsengpässen.“ Da jedoch alle „Systempartner“ wie Airlines, Airports und Flugsicherung gleichermaßen mit Schwierigkeiten zu kämpfen hätten, verteilten sich die Verspätungsgründe auf alle Partner.

Anzeige: 3 Tage in Niederbayern im 4*-Verwöhnhotel inkl. Frühstück, Begrüßungsgetränk, 1x Drei-Gang-Menü, WLAN und Extras ab 89€

»Zahl der Fluglotsen lässt sich nicht kurzfristig erhöhen

Angesprochen auf Personalengpässe bei den Fluglotsen sagt Hoppe: „Die DFS unternimmt maximale Anstrengungen, um das Kapazitätsangebot schnellstmöglich der unerwartet hohen Verkehrsnachfrage anzugleichen. Seit 2018 wurde die Nachführung von Fluglotsen am Maximum der Ausbildungskapazität angepasst.“ Die DFS rekrutiere nun 120 Fluglotsen-Auszubildende pro Jahr für den Einsatz in den Kontrollzentralen und auf den Towern – mehr als doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. „Wegen der langen Ausbildungszeiten – von der Rekrutierung eines Lotsen bis zum Einsatz in Kontrollzentrale oder Tower vergehen mehr als vier Jahre – lässt sich die Zahl der Lotsen nicht kurzfristig erhöhen“, sagt der DFS-Sprecher.

Die besten Reise-Storys kostenlos vorab lesen! Jetzt für den TRAVELBOOK-Newsletter anmelden!

Kritik an eng getakteten Flugplänen

Es hat den Anschein, dass aus genannten Gründen die Airlines selbst wenig für die Flugausfälle und Verspätungen können. Das sehen Fluggastrechte-Portale wie EUclaim und Flightright allerdings anders. „Airlines sollten ihre Flugpläne so flexibel gestalten, dass außergewöhnliche Umstände besser als aktuell abgefedert werden können“, sagt etwa Paul Vaneker, Flugdaten-Experte bei EUclaim, zu TRAVELBOOK. Die eng getakteten Flugpläne vieler Airlines führten zur maximalen Auslastung der Flugzeuge. „Wenn ein Flugzeug dann nicht planmäßig fliegen kann, ergeben sich sehr schnell Folgen für die ganze Flotte. Dann kommt es – wie aktuell – zu so vielen Verspätungen und Ausfällen“, sagt Vaneker.

Ähnlich äußert sich auch eine Sprecherin von Flightright: „Würden die Airlines ihre Flüge beispielsweise etwas großzügiger takten, könnte Kettenreaktionen in Form von Folgeverspätungen oder -ausfällen vorgebeugt werden.“ Der Fokus der Airlines läge aber in vielen Fällen eher darauf, Kosten zu sparen. „Durch die Verspätungen und Annullierungen, welche die enge Taktung erzeugt, verlieren die Fluggesellschaften aber wieder viel Geld.“ Laut Flightright könne Annullierungen und Verspätungen auch durch „flexiblere und weitsichtigere Personalplanung der Fluggesellschaften“ entgegengewirkt werden. „Denn nicht selten kommen diese auch durch Personalengpässe zustande“, sagt die Sprecherin weiter. Zusätzlich gelte es, Abflugverzögerungen aufgrund kurzfristig auftretender technischer Probleme durch adäquate Wartung der Flugzeuge vorzubeugen.

Auch interessant: Warum Sie in Europa nie ohne Ausweis fliegen sollten

Deutlich mehr Verspätungen und Flugausfälle bis 2040

Nach den Ergebnissen einer Studie von Eurocontrol könnte sich die Situation für Flugreisende in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch deutlich verschärfen. Bis zum Jahr 2040 werde sich die Zahl der um bis zu zwei Stunden verspäteten Flüge voraussichtlich versiebenfachen, warnte Eurocontrol-Chef Eamonn Brennan unlängst auf dem ACI-Flughafenkongress in Brüssel. Betroffen wären dann 470.000 Passagiere statt derzeit rund 50.000. Dieser Schätzung liegt ein jährliches Verkehrswachstum um 1,9 Prozent zugrunde, das sich bis 2040 auf einen Zuwachs von 53 Prozent auf 16,2 Millionen Flüge im Jahr summiere.

Eurocontrol geht in der vorgestellten Studie davon aus, dass die 111 wichtigsten Flughäfen auf dem Kontinent ihre Kapazität lediglich um 16 Prozent ausweiten können. In der Folge könnten jährlich 1,5 Millionen Flüge mit zusammen 160 Millionen Passagieren nicht stattfinden. An ihren Kapazitätsgrenzen müssten 16 statt bislang sechs europäische Flughäfen arbeiten. Neben dem Bau zusätzlicher Landebahnen könnten auch technische Innovationen und der Einsatz größerer Maschinen den Flugverkehr verbessern, erläuterte Brennan, der gleichwohl die Politik zum Handeln aufforderte.