Düstere Prognosen vom Airline-Verband IATA

Droht 2019 schon wieder ein Flug-Chaos in Europa?

Flughafen-Chaos
Flugpassagiere mussten sich an vielen deutschen und anderen europäischen Airports diesen Sommer oft gedulden. Und das Flug-Chaos geht weiter.
Foto: dpa Picture Alliance

Schon in diesem Jahr hat die Zahl von Flugausfällen und -verspätungen in Europa ein Rekordhoch erreicht. Nach Prognosen des Airlineverbands IATA soll das Flug-Chaos 2019 sogar noch größere Ausmaße annehmen. Ein möglicher ungeregelter EU-Austritt Großbritanniens könnte die Lage zusätzlich verschärfen.

Sollte Großbritannien ohne Abkommen aus der EU austreten, könnte dies die Situation noch weiter verschlimmern, warnt der Chef des Airline-Verbands IATA, Alexandre de Juniac, wie das Luftfahrtnachrichten-Portal „aero.de“ berichtet.

IATA-Chef: Mehr Fluglotsen rekrutieren und ausbilden

Ohne die nötigen Investitionen in Flughäfen und in den Fluglotsenbereich könne der Flugbetrieb in Europa laut de Juniac in Anbetracht steigender Passagierzahlen nicht ordentlich geregelt werden. „Es war ein furchtbarer Sommer, und ich sehe keine Verbesserungen für 2019“, zitiert „aero.de“ den IATA-Chef. In erster Linie müssten mehr Fluglotsen rekrutiert und ausgebildet werden.

Bei Brexit ohne Deal droht Flughäfen das Chaos

Im Fall eines ungeregelten EU-Austritts Großbritanniens habe de Juniac ein Chaos an den Flughäfen prognostiziert. Zumal es fraglich sei, ob die Fluglizenz der Piloten am Zielort dann überhaupt noch Gültigkeit habe. „Wenn nicht bald etwas passiert, wird es ein Alptraum an den Flughäfen in Europa und in Großbritannien“, zitiert „aero.de“ de Juniac weiter.

Nach Einschätzung des Airline-Verbands werde sich die Zahl der Flugpassagiere in den kommenden 20 Jahren weltweit verdoppeln. Im Jahr 2037 könnten bis zu 8,2 Milliarden Passagiere durch die Welt fliegen.

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Rückblick auf den Chaos-Sommer 2018

Den ganzen Sommer 2018 über kam es auch an deutschen Flughäfen immer wieder zu langen Warteschlangen, Verspätungen und Flugausfällen. In Frankfurt und München hatten sich Sicherheitspannen ereignet, die die Airports zwischenzeitlich lahmlegten. Zudem trafen Pilotenstreiks bei Ryanair nicht nur im August Zehntausende Passagiere, und die Insolvenz von Air Berlin im vergangenen Jahr wirbelte immer noch einige Flugpläne durcheinander.

Schaut man sich die Erklärungen für die angespannte Situation beim Flugreiseverkehr im vergangenen Sommer an, so fällt auf, dass es nicht einen spezifischen Grund für die Verspätungen und Ausfälle gibt, sondern es die Summe aus unterschiedlichen Faktoren ist, die sich in diesem Jahr gegenseitig verstärkten.

Stefan Schulte, Chef des Airport-Verbands ADV und auch der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport, sieht die größten Probleme beim Mangel an Fluglotsen und im engen Luftraum, wie er gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe erklärte. „Es müssen deutlich mehr Fluglotsen eingestellt und in die Ausbildung gebracht werden.“ Zudem würden zusätzliche Flugkorridore „neben, über oder unter den bestehenden“ benötigt.

TRAVELBOOK listet im Folgenden auf, was Fluggesellschaften und Airports in diesem Jahr sonst noch vor besondere Herausforderungen gestellt hat und möglicherweise noch stellen wird:

Hauptfaktoren: Streiks und Pannen

Ein Großteil der Flugstreichungen im ersten Halbjahr 2018 sei auf Streiks zurückzuführen, sagte Easyjet auf Nachfrage von TRAVELBOOK. Allein im Monat Mai hat die britische Billigairline nach eigenen Angaben 974 Flüge gestrichen. „Dies entspricht etwa 2,5 Prozent der geplanten Kapazität und übertraf die im Mai 2017 verzeichneten 117 Flugstreichungen.“ Etwa 600 der Flugstreichungen seien auf Streiks in Frankreich und Italien zurückzuführen, weitere 300 auf ungünstige Wetterbedingungen und Beschränkungen durch die Luftverkehrsüberwachung.

Auch bei TUIfly verzeichnet man im Vergleich zum Vorjahr „extrem erhöhte Zahlen für Flugverspätungen“, wie Sprecher Aage Dünhaupt erklärt. Gründe für Verspätungen von mitunter bis zu 16 Stunden, weiß Dünhaupt, seien auch hier vor allem schlechtes Wetter und die andauernden Fluglotsenstreiks in Frankreich. Betroffen seien in erster Linie die TUIfly-Flüge nach Madeira, auf die Balearen und Kanaren.

Auch bei Ryanair gab es in diesem Jahr deutlich mehr Flugausfälle als 2017. Im Mai 2018 seien mehr als 1000 Flüge gestrichen worden, teilt die irische Billigairline auf TRAVELBOOK-Nachfrage mit. „Fast alle aufgrund von Personalmangel und Streiks bei der Flugverkehrskontrolle, was dem 24-Fachen der 43 Flüge entspricht, die im Mai 2017 gestrichen wurden“, heißt es. „Wir haben die EU-Kommission und europäischen Regierungen aufgefordert, umgehend Maßnahmen zu ergreifen, um einen vollständigen Dienstleistungskollaps der europäischen Flugverkehrskontrolle in diesem Sommer zu verhindern“, sagt Ryanair-Sprecher Robin Kiely.

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Personalmangel, Engpässe bei den Sicherheitskontrollen

Eurowings nennt ebenfalls Zahlen: Im ersten Halbjahr 2018 seien von 113.439 Flügen 1578 (1,4 Prozent) gestrichen worden, heißt es bei der Lufthansa-Tochter. Gründe für die Streichungen seien zahlreiche „Störfaktoren“ gewesen, auch hier werden schlechtes Wetter und Fluglotsenstreiks genannt, sowie ein zersplitterter europäischer Luftraum und akuter Personalmangel bei den Flugsicherungen (TRAVELBOOK berichtete). Hinzu komme laut Eurowings, dass nach der Insolvenz der Air Berlin Group zahlreiche Fluggesellschaften daran arbeiteten, „die weggefallene Kapazität von mehr als 140 Flugzeugen zu ersetzen. Für diese schwierige Übergangsphase hatten wir sicherheitshalber deutlich mehr Reserven berücksichtigt als in den Jahren zuvor“. Dennoch sei es laut Eurowings zu „unvorhergesehen Entwicklungen in den vergangenen Wochen“ gekommen. Im Zuge der Transaktion von 77 Flugzeugen in die Eurowings Group habe es „leichte Verzögerungen“ bei der Zertifizierung gegeben. „Wir sind aber zuversichtlich, dass der aufwendige Zertifizierungsprozess im Juli abgeschlossen sein wird“, teilt Eurowings mit.

Auch Lufthansa ist nach eigener Aussage „in den vergangenen Wochen von Flugausfällen betroffen gewesen“. Einerseits aufgrund des bereits mehrfach genannten schlechten Wetters und Gewittern, aber auch wegen der „Knappheit bei den Flugsicherungskontrollen entweder durch Streiks oder durch Personalmangel und personalen Engpässen bei den Sicherheitskontrollen an den Flughäfen“, teilt man TRAVELBOOK mit.

Über die Gründe für Flugausfälle und Flugverspätungen hat TRAVELBOOK auch mit Stefan Eiselin, Flug-Experte und Redakteur bei Aerotelegraph, gesprochen. , sagt Eiselin. Auch er nennt neben Streiks und Wetter steigenden Flugverkehr und damit Personalengpässe als Faktoren. „Die Menge an Flügen kann nicht mehr im richtigen Zeitfenster bewältigt werden“, sagt er. Personal fehle auch bei den Sicherheitskontrollen, „sodass es schon dort zu ersten Verzögerungen kommt“. Kürzlich berichtete TRAVELBOOK auch über veraltete und umständlich organisierte Personenkontrollen an deutschen Flughäfen.

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Laut Eurocontrol-Analyse sind hauptsächlich Airlines schuld

„Die Kapazitätssituation im europäischen Luftraum ist aufgrund der sehr starken Nachfragesteigerungen seit 2017 angespannt“, sagt Christian Hoppe, Sprecher der Deutschen Flugsicherung (DFS), zu TRAVELBOOK. Die Folge: „temporäre Kapazitätsengpässe und Verzögerungen“. In Zentraleuropa am stärksten betroffen sind laut Hoppe der obere Luftraum und damit im deutschen Luftraum die Kontrollzentrale Karlsruhe und die Eurocontrol-Kontrollzentrale Maastricht. „So kam es in den ersten Monaten des Jahres 2018, insbesondere im Mai, zu Kapazitätsengpässen.“ Da jedoch alle „Systempartner“ wie Airlines, Airports und Flugsicherung gleichermaßen mit Schwierigkeiten zu kämpfen hätten, verteilten sich die Verspätungsgründe auf alle Partner.

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Zahl der Fluglotsen lässt sich nicht kurzfristig erhöhen

Angesprochen auf Personalengpässe bei den Fluglotsen sagt Hoppe: „Die DFS unternimmt maximale Anstrengungen, um das Kapazitätsangebot schnellstmöglich der unerwartet hohen Verkehrsnachfrage anzugleichen. Seit 2018 wurde die Nachführung von Fluglotsen am Maximum der Ausbildungskapazität angepasst.“ Die DFS rekrutiere nun 120 Fluglotsen-Auszubildende pro Jahr für den Einsatz in den Kontrollzentralen und auf den Towern – mehr als doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. „Wegen der langen Ausbildungszeiten – von der Rekrutierung eines Lotsen bis zum Einsatz in Kontrollzentrale oder Tower vergehen mehr als vier Jahre – lässt sich die Zahl der Lotsen nicht kurzfristig erhöhen“, sagt der DFS-Sprecher.

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Kritik an eng getakteten Flugplänen

Es hat den Anschein, dass aus genannten Gründen die Airlines selbst wenig für die Flugausfälle und Verspätungen können. Das sehen Fluggastrechte-Portale wie EUclaim und Flightright allerdings anders. „Airlines sollten ihre Flugpläne so flexibel gestalten, dass außergewöhnliche Umstände besser als aktuell abgefedert werden können“, sagt etwa Paul Vaneker, Flugdaten-Experte bei EUclaim, zu TRAVELBOOK. Die eng getakteten Flugpläne vieler Airlines führten zur maximalen Auslastung der Flugzeuge. „Wenn ein Flugzeug dann nicht planmäßig fliegen kann, ergeben sich sehr schnell Folgen für die ganze Flotte. Dann kommt es – wie aktuell – zu so vielen Verspätungen und Ausfällen“, sagt Vaneker.

Ähnlich äußert sich auch eine Sprecherin von Flightright: „Würden die Airlines ihre Flüge beispielsweise etwas großzügiger takten, könnte Kettenreaktionen in Form von Folgeverspätungen oder -ausfällen vorgebeugt werden.“ Der Fokus der Airlines läge aber in vielen Fällen eher darauf, Kosten zu sparen. „Durch die Verspätungen und Annullierungen, welche die enge Taktung erzeugt, verlieren die Fluggesellschaften aber wieder viel Geld.“ Laut Flightright könne Annullierungen und Verspätungen auch durch „flexiblere und weitsichtigere Personalplanung der Fluggesellschaften“ entgegengewirkt werden. „Denn nicht selten kommen diese auch durch Personalengpässe zustande“, sagt die Sprecherin weiter. Zusätzlich gelte es, Abflugverzögerungen aufgrund kurzfristig auftretender technischer Probleme durch adäquate Wartung der Flugzeuge vorzubeugen.

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Deutlich mehr Verspätungen und Flugausfälle bis 2040

Nach den Ergebnissen einer Studie von Eurocontrol könnte sich die Situation für Flugreisende in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch deutlich verschärfen. Bis zum Jahr 2040 werde sich die Zahl der um bis zu zwei Stunden verspäteten Flüge voraussichtlich versiebenfachen, warnte Eurocontrol-Chef Eamonn Brennan unlängst auf dem ACI-Flughafenkongress in Brüssel. Betroffen wären dann 470.000 Passagiere statt derzeit rund 50.000. Dieser Schätzung liegt ein jährliches Verkehrswachstum um 1,9 Prozent zugrunde, das sich bis 2040 auf einen Zuwachs von 53 Prozent auf 16,2 Millionen Flüge im Jahr summiere.

Eurocontrol geht in der vorgestellten Studie davon aus, dass die 111 wichtigsten Flughäfen auf dem Kontinent ihre Kapazität lediglich um 16 Prozent ausweiten können. In der Folge könnten jährlich 1,5 Millionen Flüge mit zusammen 160 Millionen Passagieren nicht stattfinden. An ihren Kapazitätsgrenzen müssten 16 statt bislang sechs europäische Flughäfen arbeiten. Neben dem Bau zusätzlicher Landebahnen könnten auch technische Innovationen und der Einsatz größerer Maschinen den Flugverkehr verbessern, erläuterte Brennan, der gleichwohl die Politik zum Handeln aufforderte.