17. Februar 2026, 15:49 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Der deutschen Industriellen-Tochter Clärenore Stinnes gelang in den 1920er Jahren eine erstaunliche Pionierleistung: Als erster Mensch überhaupt umrundete sie am Steuer eines Autos in zwei Jahren die Welt. Dabei trotzte sie diversen Widrigkeiten und Gefahren, sprengte sich ihren Weg notfalls sogar frei. Doch das vielleicht größte Abenteuer ihrer Reise bescherte ihr unterwegs die Liebe.
Das 20. Jahrhundert wurde signifikant mitgeprägt von menschlichen, ja teils übermenschlichen Pionierleistungen. Roald Amundsen kämpfte sich in einem tödlichen Wettrennen gegen den Engländer Robert Scott 1911 zum Südpol durch. Charles Lindbergh überquerte 1927 in seinem Flugzeug „Spirit of St. Louis“ den Atlantik. Und im selben Jahr startete die deutsche Industriellen-Tochter Clärenore Stinnes ebenfalls ein Abenteuer, das vor ihr noch niemand gewagt hatte. Denn innerhalb von zwei Jahren umrundete sie am Steuer eines Autos als erster Mensch überhaupt die Welt. Dafür brach sie mit sämtlichen Konventionen, trotzte haarsträubenden Gefahren – und fand unterwegs die Liebe ihres Lebens.
Es ist das Jahr 1901, als Clärenore Stinnes, die eigentlich Clara Eleonore heißt, in Mülheim an der Ruhr zur Welt kommt. Hineingeboren in eine der reichsten Familien ihrer Zeit, widersetzt sie sich schon früh dem damals gängigen Rollenbild einer „typischen“ deutschen Frau. Seit jüngster Kindheit interessiert sie sich laut „ARD alpha“ für Automobile statt für Puppen, heizt bereits mit 15 Jahren motorisiert über das Werksgelände ihres Vaters. Mit 18 Jahren erwirbt sie den Führerschein, zur damaligen Zeit eine fast unerhörte Begebenheit. Frauen gehören verheiratet und an den Herd, so sieht es auch ihre Mutter, als der Vater 1925 stirbt. Doch die mutige junge Frau widersetzt sich, und flüchtet vor der Familie nach Berlin.
Mit Hund durch Sibirien
Dort fängt sie an, Autorennen zu fahren, sammelt schon bald Titel wie andere Menschen ihrer Zeit Briefmarken. Bis 1927 gewinnt sie 17 Meisterschaften, ist damit die erfolgreichste Rennfahrerin Europas überhaupt. Wahrscheinlich auch deshalb fliegen ihr die Sponsoren nur so zu, als sie im selben Jahr das größte Abenteuer ihres Lebens anpackt. Clärenore Stinnes möchte als erster Mensch überhaupt am Steuer eines Autos die Welt umrunden. In einem Wagen der Marke Adler, drei Gänge und 45 PS, startet sie am 25. Mai 1927 von Frankfurt am Main aus die irrwitzige Expedition. Ihre Familie ist gegen das Vorhaben, deshalb sammelt sie die für die Reise benötigten 100.000 Reichsmark einfach selbst bei bei Firmen wie Bosch, Aral und Continental ein.
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Von Anfang an mit auf der Reise: zwei Mechaniker, die ihr bei Pannen helfen sollen. Und davon wird es viele geben. Auch ihr Hund „Lord“ darf mitfahren. Außerdem mit von der Partie ist der schwedische Filmer Carl-Axel Söderström, der in Clärenore Stinnes‘ Leben schon bald eine ganz besondere Rolle spielen soll. Der Plan, im Auto die Welt zu umrunden, ist geradezu aberwitzig, gibt es doch in vielen Ländern zu dieser Zeit noch keine bzw. kaum Straßen. Auch die Strecke, die sich Clärenore überlegt hat, hätte wohl jeden anderen bereits vor Abfahrt sprichwörtlich ausgebremst. Denn zunächst einmal geht es über den Balkan und Moskau durch Sibirien und die Wüste Gobi nach Peking. Von dort aus mit dem Schiff über Japan und Hawaii in die USA, dann weiter nach Südamerika. Nach einer weiteren Schiffsreise zurück in die USA fährt sie dann per Ozeandampfer von New York nach Le Havre in Frankreich, und rast von dort ihrem Zielort Berlin entgegen.
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Dynamit im Kofferraum dabei
Es ist ein Abenteuer, das wohl für drei Leben reichen würde. Denn bereits nach 500 Kilometern Reise geht ihr in der ehemaligen Tschechoslowakei die Kupplung kaputt, in Syrien verabschiedet sich der Benzintank ihres Begleitfahrzeugs. In Russland müssen die Autos aus tiefem Schlamm gezogen werden. Bei einer Fahrt über den vereisten Baikalsee überlebt Clärenore Stinnes nur knapp, als sie mit Höchstgeschwindigkeit über eine Eisspalte hinweg brettert.
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Bereits zu dieser Zeit sind nur noch Hund „Lord“ und der Filmer Söderström mit an Bord. Die beiden Mechaniker haben schon in Moskau aufgegeben, der eine aus gesundheitlichen Gründen. So entsteht zwischen Clärenore Stinnes und dem schweigsamen Schweden eine zunächst vorsichtige Nähe, die im Laufe der Reise für beide zur Liebe ihres Lebens werden sollte. Gemeinsam bestehen sie unterwegs unglaubliche Abenteuer, das größte davon vielleicht die Überquerung der Anden. In Peru bleibt ihr Wagen in Treibsand stecken. Doch die mutige Frau könnte durchaus als Erfinderin eines bekannten Sprichwortes gelten: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.“ Denn als irgendwann in den Bergen scheinbar überhaupt nichts mehr geht, sprengt sich Clärenore den Weg kurzerhand frei. Das nötige Dynamit dafür führt sie im Kofferraum mit sich. Man kann ja nie wissen.
Inspiration für viele Abenteuerinnen
Irgendwann aber müssen sie das Auto stehen lassen, schlagen sich zu Fuß zum Titicacasee durch. Dort warten sie monatelang auf ein neues Getriebe für den Wagen, das extra aus Deutschland geliefert werden muss. Die letzte Etappe in den USA gerät dann aber zum Triumphzug. Clärenore Stinnes und Söderström sind längst Stars, sogar der Präsident Herbert Hoover lässt es sich nicht nehmen, sie persönlich im Weißen Haus zu empfangen. Am 24. Juni 1929 fahren die beiden schließlich, von einem riesigen Publikum bejubelt, in Berlin ein. Der Tachostand des Adler zeigt mehr als 46.000 Kilometer an, und Söderström hat 10.000 Meter Film, die er bis 1931 zu einer packenden Dokumentation verarbeitet. Danach heiraten die beiden, und ziehen sich auf einem Landgut in Schweden aus der Öffentlichkeit zurück.
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Clärenore Stinnes war nicht nur eine Pionierin, sondern mit ihrer Reise auch eine Inspiration für unzählige Frauen nach ihr. So zum Beispiel die Berliner Unternehmerin Heidi Hetzer, die von 2014-17 in ihrem Auto insgesamt 84.500 Kilometer rund um die Welt zurücklegte. Beeindruckend: Hetzer war 80 Jahre alt, als sie schließlich ihr eigenes Abenteuer beendete. Bereits 2015 widmete der „WDR“ unter dem Titel „Fräulein Stinnes gibt Gas“ der Frau, die als erster Mensch im Auto die Welt umrundete, einen Dokumentarfilm. TRAVELBOOK reiht sich gerne in die Liste der Bewunderer von Clärenore Stinnes ein. Und möchte ihr mit diesem Text ein weiteres kleines Denkmal setzen. Dazu passt vielleicht auch ein Zitat des großen Schauspielers Marlon Brando: „Nur wer seinen eigenen Weg geht, kann von niemandem überholt werden.“