3. August 2025, 14:50 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Ein monatelanger Krankenhausaufenthalt bewegte den Deutschen Frank Zunk dazu, sich 2020 auf eine einzigartige Reise zu begeben. Seitdem war er per Fahrrad unterwegs von seiner Heimatstadt Dresden nach Hiroshima in Japan. Eine etwa 20.000 Kilometer lange Odyssee, auf der er wunderschöne Orte sah und gastfreundliche Menschen traf, aber auch Momente tiefster Verzweiflung erlebte. Bei TRAVELBOOK berichtet er von seinem irren Trip und verrät, was ihn die Erfahrungen unterwegs für sein Leben gelehrt haben.
Immer wieder hört oder liest man von Menschen, in denen eine plötzliche Lebenskrise ungeahnte Kräfte freigesetzt hat. Doch was der Dresdner Frank Zunk seit August 2020 erlebt hat, klingt tatsächlich schon nach Stoff für ein Hollywood-Drehbuch. Von einer schweren Krankheit gezeichnet, entschloss er sich, nach der Genesung von seiner Heimatstadt nach Hiroshima in Japan zu reisen. Und zwar aus eigener Kraft mit dem Fahrrad, eine Reise von etwa 20.000 Kilometern, die jahrelang dauern würde. Er war bereit, alles zu Hause hinter sich zu lassen, und fand letztendlich unterwegs viel mehr Schönes, als er je zu träumen gewagt hatte. Nicht zuletzt fand er zu sich selbst. Bei TRAVELBOOK berichtet er von seinem irren Abenteuer.
Der Anlass für seine einzigartige Fahrrad-Reise führt zurück bis in das Jahr 2018. „Ich lag mit einem schweren Darmverschluss im Krankenhaus und wurde über Monate künstlich ernährt“, erinnert sich Zunk. Als er alte Bilder von sich anschaut, gefallen ihm vor allem jene, die ihn als jüngeren Mann auf Anti-Atomkraft-Demonstrationen zeigen. Und er erinnert sich wieder seiner lebenslangen Faszination für die Stadt Hiroshima, auf die im Zweiten Weltkrieg eine Atombombe fiel. In ihm beginnt eine Idee zu keimen. „Ich könnte doch dank eigener Muskelkraft mit dem Fahrrad dorthin fahren. Dieser Gedanke faszinierte mich immer mehr, und aus einem verrückten Hirngespinst wurde schließlich mein Lebenstraum.“
Corona-Pandemie und Zweifel aus dem Umfeld
Zunk kämpft sich, motiviert von seinem neuen Ziel, ins Leben zurück, geht bereits 2019 auf eine monatelange „Probefahrt“ von Freiberg in Sachsen nach Garmisch-Partenkirchen. „Ich war den ganzen Sommer auf einem schrottreifen Mountainbike mit viel zu viel Gepäck unterwegs.“ Den Start für seine ungewöhnliche Weltreise per Fahrrad plante er, derart ermutigt, für den März 2020. Doch dann kam die Corona-Pandemie seinen Bestrebungen zunächst in die Quere. Zudem plagten ihn vorab immer wieder Zweifel, ob das waghalsige Vorhaben denn überhaupt gelingen könne. „Ich fragte mich, ob ich es wirklich schaffen würde, allein eine so weite Strecke zu fahren. Kann ich einfach ins Ungewisse starten? Und dafür alle meine Sicherheiten aufgeben? Ich fragte mich, ob mein Traum es wert wäre.“
Zudem kamen die Sorgen aus seinem Umfeld, was seine Reise betraf. „Du kannst doch nicht mit dem Fahrrad nach Japan fahren, sagten sie. Das ist ja Wahnsinn, viel zu weit. Du kannst nicht durch Afghanistan fahren, die schneiden dir den Kopf ab. Was ist, wenn du wieder krank wirst? Wie willst du dich denn verständigen? Wovon willst du leben?“ Der Tenor sei stets gewesen, dass eine solche Reise schlicht nicht machbar sei. „Nein, das geht nicht! Auf gar keinen Fall! Das ist nicht möglich!“ Doch je lauter die Zweifler, umso motivierter wurde Frank Zunk. Und entschloss sich schließlich, seine einzigartige Reise am 28. August 2020 tatsächlich zu beginnen. Nun, fast fünf Jahre später, ist er an seinem Ziel Hiroshima angekommen.
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Nur noch der Rahmen ist original
„Vorher hatte ich nur die Einreisebestimmungen der Länder gegoogelt, durch die ich fahren wollte. Da in Europa fast alle Grenzen offen sind, und man in Asien in fast jedem Land das Visum online beantragen kann, brauchte ich nicht lange zu planen.“ Für seine Reise hatte Zunk ursprünglich einen Zeitraum von zwei Jahren eingeplant, doch das erwies sich schon bald als unrealistisch. „Ich hatte anfangs 100 Kilo Gepäck, viel zu viel, und wollte trotzdem pro Tag etwa 50 Kilometer schaffen.“ Die geplante Strecke: Über Tschechien und Österreich weiter nach Ungarn und Serbien und schließlich über Griechenland in die Türkei. Von dort aus sollte es weitergehen über Indien und Südostasien bis nach China und schließlich Südkorea, von wo aus Zunk sich dann nach Japan einschiffen wollte. Doch die Corona-Pandemie machte ihm immer wieder Striche durch die Rechung.
„2020 und 2021 waren ja einige Grenzen in Europa wegen der Pandemie noch geschlossen. Ich habe dann mehrmals spontan umgeplant.“ Statt der geplanten Route musste er so einen „Umweg“ über Slowenien und Kroatien und von dort aus über Albanien, Nordmazedonien und Bulgarien fahren, um in die Türkei zu gelangen. „Corona war tatsächlich eine besondere Herausforderung.“ Die zweite war Zunks Equipment. Denn auf einer derart langen Reise gingen natürlich immer wieder Teile kaputt, mussten ersetzt werden. „An meinem Fahrrad ist nur noch der Rahmen original“, lacht er. „Alle anderen Teile habe ich im Verlauf der Reise mehrfach ausgetauscht.“ Mittlerweile sei er auch beim dritten Schlafsack und der dritten Isomatte, hätte sogar schon sein fünftes Zelt. Immer wieder sei er unterwegs auf freundliche Menschen getroffen, die ihm solche Ausrüstung geschenkt hätten.
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Luxushotels und Lehmhütten
Überhaupt ist es die Freundlichkeit von Fremden, an die er sich am meisten erinnert. „In Bangladesch wurde ich von einem Mann eingeladen und lebte dann mehrere Tage bei ihm und seiner Familie in einer Wellblechhütte ohne Wasseranschluss. Ich wurde beschenkt und mit dem allerbesten Essen bewirtet. Es ist Wahnsinn, was diese Frau für Gerichte in ihrer einfachen Küche gezaubert hat.“ Im Iran erlebte er live die Frauenproteste mit, wohnte eine Woche als Gast in einer Moschee. „Ich habe fünf mal am Tag an den Gebeten teilgenommen. Die Kinder haben mir beigebracht, wie das geht.“ In Indien lebte er mehrere Wochen auf einer Büffelfarm, erlernte landwirtschaftliche Kenntnisse und den Umgang mit den mächtigen Tieren.
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„Ich war in Luxushotels oder in einfachsten Lehmhütten. Die meiste Zeit habe ich aber in meinem Zelt oder im Freien geschlafen.“ Mit Gelegenheitsarbeiten habe er sich unterwegs Verpflegung und Unterkunft ermöglicht. Besonders motiviert habe ihn dabei stets auch das Erreichen von Etappenzielen. „Prag, das Mittelmeer, Istanbul, Indien, China. Beeindruckende Orte und Städte und immer wieder wunderschöne Natur.“ In Erinnerung geblieben sind ihm besonders auch das Himalaja-Gebirge und der Karakorum-Highway in Pakistan, eine der höchstgelegenen Straßen der Welt. Was er daraus gelernt hat? „Die reale Situation ist sehr oft das genaue Gegenteil von dem, was offiziell berichtet wird.“ So sei er mehrfach vor einer Reise durch Pakistan gewarnt worden, aber: „Ich habe in keinem anderen Land so liebe und gastfreundliche Menschen kennengelernt wie dort.“
„Wir sind eine Menschheitsfamilie“
Die Reise, so sagt er, habe ihm auch sonst wertvolle Lebenserfahrung gebracht. „Mit dem zufrieden sein, was man eben hat. Vor allem aber habe ich Respekt gelernt. Es ist wichtig, andere Lebenseinstellungen und Ansichten zu respektieren, auch wenn das vielleicht nicht meine eigenen sind.“ Natürlich gab es auf der Fahrt aber auch Momente, in denen er ans Aufgeben gedacht habe. „In Kroatien hatte ich im Herbst mein Zelt verloren und musste bei strömendem Regen unter einem Busch übernachten. Oder jedes Mal, wenn ich mein schwer beladenes Fahrrad bergauf schieben musste.“ Diese Momente habe es aber vor allem am Anfang seiner Reise gegeben. Bis dann, kurz vor dem Ziel, doch alles Aus zu sein schien.
„Man sagte mir, dass in China die Mitnahme eines Fahrrads im Zug nicht möglich sei. Dabei hatte ich es extra bereits in Einzelteile zerlegt.“ Seine Reise habe ihm aber beigebracht, sich durch nichts mehr so leicht erschüttern zu lassen. „Ich habe das Rad schließlich einfach per Kurierdienst an seinen Bestimmungsort schicken lassen.“ Ende Juli ist Frank Zunk nach fast fünf Jahren Fahrt tatsächlich in Hiroshima angekommen. Langfristig möchte er über die Erfahrungen unterwegs ein Buch schreiben. „Ich möchte auf alle Fälle weiterreisen, aber werde mich wohl erstmal irgendwo länger einquartieren.“ Dabei denke er schon zurück an seine Büffelfarm in Indien als mögliche Homebase für weitere Abenteuer. „Mein nächster Lebenstraum ist es, mit dem Fahrrad ans Ende der Welt zu fahren“, sagt Zunk.
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Nur eines möchte er nicht mehr: Auf absehbare Zeit nach Deutschland zurück kehren. „Ich würde nur wieder kommen, um meine Freunde zu besuchen.“ Er betrachte es mittlerweile als Aufgabe, seine Erfahrung und die gewonnenen Erkenntnisse zu teilen. Diese fasst er wie folgt zusammen: „Ich sitze mit unterschiedlichen Menschen aus unterschiedlichen Ländern an einem Tisch. Es spielt keinerlei Rolle, zu welchem Gott der Mensch betet, der mir gegenüber sitzt. Ich respektiere seine Einstellung und seinen Glauben. Respekt ist die wichtigste Voraussetzung für Frieden. Es ist unwichtig, welchen Pass er hat. Wir sind Freunde. Brüder. Menschen. Eine Menschheitsfamilie.“

