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Insolvenzwelle befürchtet

Angst, Wut, Resignation – massive Kritik der Reisebranche nach Corona-Beschlüssen

Kritik der Reisebranche an Corona-Beschlüssen
Nach den in Berlin verabschiedeten Corona-Beschlüssen ist der Frust in der Reisebranche großFoto: Getty Images

Die aktuellen Beschlüsse der Bundesregierung zum weiteren Pandemie-Vorgehen hat für großen Frust gesorgt. Nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei vielen Vertretern der Reisebranche.

Bund und Länder haben eine Verlängerung des Lockdowns bis zum 18. April beschlossen – und die Kritik aus der Reisebranche ließ nicht lange auf sich warten. Denn anders als an Weihnachten sind für die Ostertage keine Lockerungen geplant, im Gegenteil. Für die Ostertage gilt auch bei der Verlängerung des Lockdowns weiter der Appell, auf „nicht zwingend notwendige Reisen“ zu verzichten. Dazu zählen private Reisen und Besuche – auch von Verwandten. Das gilt auch in Deutschland und für überregionale tagestouristische Ausflüge. Das bedeutet statt Reisen zur Ost- und Nordsee, Urlaub auf Balkonien.

Für touristische Unternehmen gab es auch bei den aktuellen Corona-Beschlüssen der Regierung keine Öffnungsperspektive. Das führt zu Frust – und oft auch Unverständnis. Schließlich sind nicht nur große Unternehmen, sondern auch einzelne Existenzen bedroht. TRAVELBOOK fragte in der Reisebranche nach – und es hagelte Kritik.

Deutscher Ferienhausverband: „Es ist bestürzend“

„Für den Ferienhaustourismus in Deutschland sind die Corona-Beschlüsse eine absolute Katastrophe. Es gibt zwar kein Reiseverbot, aber die Übernachtung in vier Wänden an einem anderen Ort ist untersagt. In einem Ferienhaus kann ich mich selbst versorgen, habe ausschließlich Kontakt mit meiner Familie, reise mit dem eigenen PKW an. Ich lebe wie zu Hause, nur dass sich dieses Zuhause auf Zeit im Schwarzwald oder in Ostfriesland befindet.

Außerdem ist es bestürzend, dass Reisen nach wie vor als Pandemie-Treiber hingestellt wird. Obwohl das RKI erst jüngst bestätigt hat, dass Reisen und touristische Übernachtungen sicher sind. Wir haben im vergangenen Sommer bewiesen, dass Reisen auch während der Pandemie sicher möglich ist. Die Hygiene- und Schutzkonzepte funktionieren. Die Urlauber verhalten sich verantwortungsvoll und halten sich an die Regeln. Das ist im Ferienhaus oder der Ferienwohnung ja auch besonders einfach. Und trotzdem werden unsere Betriebe kategorisch geschlossen. Während die Bundesregierung es bei Großraumbüros bei Appellen belässt. Obwohl Infektionen am Arbeitsplatz eine große Rolle spielen. Und uns kontaktieren immer mehr verzweifelte Menschen, die sich so sehr einen Tapetenwechsel und einen Ausgleich in der Natur wünschen.

Wir befürchten momentan außerdem eine Insolvenzwelle. Ferienhausagenturen, die die Vermittlung und das Marketing für einzelne Vermieter übernehmen, werden nun wieder von einer Stornowelle überschwemmt. So kommen schnell Rückzahlungen zustande, die mindestens in den sechsstelligen Bereich gehen. Hinzukommen die laufenden Marketing-, Personal- und Betriebskosten. Hier braucht es dringend eine Ausweitung der Entschädigungszahlungen. Jeder zweite Vermieter fürchtet derzeit, aufgeben zu müssen, weil die Kosten nicht mehr zu stemmen sind. Diese Hilfslücke muss aus unserer Sicht dringend geschlossen werden.“ – Michelle Schwefel, Geschäftsführerin des Deutschen Ferienhausverbands.

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Dehoga: „Viele wissen nicht, wovon sie die März-Gehälter zahlen sollen“

„Bund und Länder haben wieder keinerlei Perspektiven für eine Öffnung der Gastronomie und Hotellerie geschaffen. Immerhin wurde ein ‚ergänzendes Hilfsinstrument‘ für besonders schwer und lange betroffene Unternehmen angekündigt. Verzweiflung und Zukunftsängste wachsen. Mehr als 70 Prozent der Betriebe bangen um ihre Existenz.

Die Kritik der Reisebranche

Von den politisch Verantwortlichen erwarten wir eine maximale Kraftanstrengung, damit endlich ausreichend Impfstoff vorhanden ist und die Menschen sieben Tage die Woche geimpft werden können. Gleiches gilt für eine erfolgreiche Teststrategie. Spätestens am 12. April muss die Politik liefern. Insbesondere erwarten wir, dass dann auch für das Gastgewerbe ein konkreter Fahrplan für die Wiedereröffnung vorgelegt wird. Restaurants und Hotels haben in umfangreiche Hygiene- und Schutzmaßnahmen investiert und sind nachweislich keine Pandemietreiber. Zusätzliche Tests für Gäste und Mitarbeiter werden ein Garant für sichere und verantwortungsvolle Öffnungen sein.

Das im Beschluss genannte ‚ergänzende Hilfsinstrument‘ für von der Pandemie besonders schwer und lange betroffene Unternehmen muss vor Ostern in konkrete Hilfszusagen münden. Die Überbrückungshilfe III in der jetzigen Form ist dafür nicht ausreichend. Ein Dauerlockdown für das Gastgewerbe, damit die übrige Wirtschaft geöffnet bleiben kann, ist ein Sonderopfer. Die durch die staatlichen Versäumnisse entstandenen Schäden müssen schnell und umfassend erstattet werden. Die November- und Dezemberhilfen müssen noch im März bei allen Unternehmen vollständig zur Auszahlung kommen. Die Betriebe stehen mit dem Rücken zur Wand. Viele wissen nicht, wovon sie die März-Gehälter bezahlen sollen.

Mit Blick auf die finanzielle Notsituation wie auch die mentale Ausnahmesituation der Unternehmer wie Beschäftigten fordern wir dringend eine Politik ein, die wieder Vertrauen und Zuversicht schafft. Es geht um die Zukunftssicherung einer Branche, die wie keine zweite für Lebensqualität, Vielfalt und Genuss steht und die für das soziale Miteinander in unserem Land unverzichtbar ist. Über 220.000 Unternehmerinnen und Unternehmer mit ihren 2,4 Millionen Mitarbeitern dürfen nicht im Stich gelassen werden.“ – Stefanie Heckel, Pressesprecherin Deutscher Hotel- und Gaststättenverband Dehoga.

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Deutscher Reiseverband: „Entschädigungen für Unternehmen sind unbedingt erforderlich“

„Auch wenn die Bundesregierung jetzt von ihrer eigenen risikobasierten Systematik abweicht, ist es nachvollziehbar, vorübergehend auf die stärkere Nutzung von Tests bei der Pandemiebekämpfung zu setzen. Tests erhöhen grundsätzlich die Sicherheit und gewährleisten verantwortungsvolle Mobilität auch in Corona-Zeiten. Allerdings ist der wirtschaftliche Schaden in der Reisewirtschaft mit ihren vielen mittelständischen Unternehmen schon jetzt nicht mehr auszugleichen. Solange Reisen weiterhin nur erschwert möglich sind, kann das Geschäft nicht hochgefahren werden. Auch die jetzt möglichen Mallorca-Reisen tragen nur unwesentlich zur Milderung der wirtschaftlichen Einbußen bei.

Daher sind unbedingt Entschädigungen für die Unternehmen der Reisewirtschaft erforderlich. Ansonsten können wir die Vielfalt der Urlaubswelt – im Ausland aber auch innerhalb Deutschlands – nicht erhalten.“ – Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV).

Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL): „Es bleiben viele Detailfragen offen“

„Wir halten es für richtig, dass Bund und Länder bei der Pandemiebekämpfung im Allgemeinen und bei der Festlegung von Reiseregelungen im Besonderen auf die stärkere Nutzung von Tests setzen. Denn konsequentes Testen ist ein wirkungsvolleres Mittel, um Infektionsrisiken zu minimieren, als nicht zu kontrollierende pauschale Quarantänepflichten. Daher begrüßen wir auch, dass Bund und Länder mit ihrem Beschluss klargestellt haben, dass sie keine Quarantänepflicht für Rückkehrer aus Nichtrisikogebieten wie Mallorca planen.

Dem Beschluss von Bund und Ländern zur Ausweitung der Testpflicht folgend, werden wir unverzüglich mit den Behörden die konkrete Umsetzung erörtern, insbesondere auf Mallorca. Die deutschen Fluggesellschaften und die deutsche Reisewirtschaft wollen nun zügig die Voraussetzungen dafür schaffen, dass den Reisenden Testangebote gemacht werden können und dass die Tests vor Abflug kontrolliert werden. Es bleiben aber für die Reise- und Luftverkehrswirtschaft noch viele Detailfragen offen. Dazu gehört, dass gegenwärtig viele organisatorischen und logistischen Details dieser neuen Vorgabe noch nicht geklärt sind.

Eine dauerhafte Aufrechterhaltung der pauschalen Testpflicht ohne Orientierung am tatsächlichen Infektionsgeschehen wäre nicht zielführend und wirft grundsätzliche Fragen auf, etwa wie denn solche Tests auch bei Bahn- und Autofahrten innerhalb Deutschlands umgesetzt werden – gerade vor dem Hintergrund, dass das Infektionsgeschehen innerhalb Deutschlands gegenwärtig deutlich stärker ist als in Nichtrisikogebieten mit einer Inzidenz von unter 50.“ – Pressestelle des Bundesverbands Deutsche Luftverkehrswirtschaft.