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Schöneberger Südgelände

Der verlassene Bahnhof mitten in Berlin

Am Schöneberger Südgelände fuhren früher FernzügeFoto: dpa picture alliance

Das Schöneberger Südgelände ist ein Lost Place, der mitten in Berlin liegt. Früher fuhren Fernzüge am Gelände, sogar die deutsche Reichsbahn wurde von hier verwaltet. Doch schon seit 1961 ist keine Bahn mehr über diese Schienen gerollt. TRAVELBOOK-Redakteurin Sonja hat das verlassene Bahngelände erkundet.

Vielleicht sind Sie schon mal an diesem Lost Place vorbeigefahren, ohne es zu bemerken? Sitzt man in der Berliner S2 und bleibt nach der Station „Südkreuz“ noch ein paar Minuten in der S-Bahn, fährt man direkt am Schöneberger Südgelände vorbei. Denn dieser Lost Place war früher Teil einer großen Bahnanlage und liegt daher zwischen Strecken, auf denen auch heute noch Züge fahren.

Das Gelände betrete ich anders, als es bei Lost Places üblich ist. Während man normalerweise oft eher illegal die verlassenen Orte durch Bauzäune oder ähnliches erreicht, kann ich ganz entspannt durch ein Tor am S-Bahnhof Priesterweg gehen. Das Schöneberger Südgelände ist deutlich gekennzeichnet und klar ausgeschildert. Ich kann die alte Bahnanlage heute ohne Probleme erkunden – etwas, das den westberliner Schönebergern zur Zeit der Teilung Berlins verboten war. Doch auch ich werde den Park beim Entdecken nicht betreten. Zumindest im wortwörtlichen Sinne, denn ich gehe auf einem Stahlgitter, das über dem Boden schwebt. Das stört mich gar nicht, denn in dem Park soll es 15 Heuschrecken- und 57 Spinnenarten geben. Die Natur hat hier das Gelände zurückerobert.

Bahnbrechende Natur

Das Gelände, auf dem ich mich befinde, war einst Teil des Tempelhofer Rangierbahnhofs, der 1841 in Betrieb genommen wurde. Damals durchfuhren einige Fernzüge das Gebiet und auch der Rangierbahnhof wurde genutzt. Doch 1961 wurde der Anhalter-Bahnhof geschlossen und seitdem fährt hier keine Bahn mehr. Seit 60 Jahren erobert sich die Natur nach und nach den Bahnhof zurück. Heute leben am Schöneberger Südgelände, Mitten in der Hauptstadt, einige von Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Alle paar Minuten wird man daran erinnert, wie kurios ihr Lebensraum ist. Denn dann rauscht wieder ein Zug vorbei – links die S-Bahn, rechts Regionalzüge.

Das Wahrzeichen des Parks sieht man schon von weitem: ein 50 Meter hoher roter Wasserturm Foto: dpa picture alliance

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Bei meinem Spaziergang durch das Schöneberger Südgelände werde ich von etwas überrascht, das hier eigentlich ganz gut reinpasst: eine Lokomotive. Doch die Lok wurde erst 1979 nach Berlin überstellt, also lange, nachdem der Bahnhof bereits geschlossen wurde. „Heute steht die Lokomotive nur noch als Ausstellungsstück hier. Aber sie ist unmittelbar mit dem Gelände verwoben. Denn die Baureihe 50 ist auch über diese Güterschienen hier gefahren“, erzählt Beate Räuber, Parkbotschafterin von „Grün Berlin“.

Auch Loks wie diese fuhren früher durch das Schöneberger Südgelände Foto: dpa picture alliance

Das Schöneberger Südgelände war Sitz der deutschen Reichsbahn

Früher standen drei große Bahngebäude auf dem Gelände, heute sieht man von zweien nur noch die mit Moos überzogene Backsteine am Boden liegen. „Das Bahnbetriebsgelände, das erhalten blieb, wurde Sitz der Brückenmeisterei West, der deutschen Reichsbahn. Das war ein Konsortium aus den Betreibergesellschaften Russlands und der DDR“, erzählt Beate Reuber. So entstand eine DDR-Enklave, die selten betreten wurde. Das Rezept für einen Lost Place war geschaffen.

Ich entdecke eine Drehscheibe und Reuber verrät mir, dass man sie sogar noch bewegen kann. Dafür brauche man zwar ziemlich viel Kraft und müsste ein großes Rad besorgen, damit die Drehscheibe sich auch drehen kann, aber theoretisch geht es. Wir schlendern weiter neben alten Bahngleisen und müssen dabei immer wieder den Bäumen ausweichen. Denn wo einst Züge fuhren wachsen jetzt Bäume – oft mitten auf den Gleisen und Wegen.

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Die Drehscheibe könnte sich noch heute drehen Foto: dpa picture alliance

Das Schöneberger Südgelände heute

Beate Reuber macht mich auf alte Unterstände aufmerksam, die man neben dem Weg noch deutlich erkennen kann. Früher standen sie unter den Zügen, um Reparaturen an den Wagons und Lokomotiven vorzunehmen. Heute befinden sie sich nicht mehr in einen der drei großen Hallen, sondern unter dem freien Himmel und sind überall mit Moos bewachsen.

Die letzte große Halle, die übrig geblieben ist, kann man allerdings momentan auch nicht betreten: Sie wird renoviert und soll danach als Standort für Klassikkonzerte genutzt werden. Außerdem finden am Gelände Theaterstücke statt, bald soll auch einen Kinderrally am Gelände entstehen. Und für einen Euro Eintritt, kann jeder diesen Lost Place besuchen – und einmal ganz entspannt mitten in Berlin über Schienen spazieren.

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