Lost Places als Attraktionen

7 vergessene Orte in Berlin

Spreepark Berlin
In Berlins einst einzigem Freizeitpark fährt heute keine Achterbahn mehr
Foto: Getty Images

Für die einen sind es Bruchbuden, für die anderen ist es Kopfkino: Ob leerstehende Fabriken oder verwilderte Botschaften – Ruinen sind nicht nur als Fotomotiv gefragt. In Berlin gibt es Hunderte davon, einige, wie etwa der Spreepark, sind mittlerweile Attraktionen. Es werden sogar Ruinen-Touren angeboten.

Im Kalten Krieg saßen hier die Amerikaner und lauschten Richtung Moskau. Ein Ruinen-Führer leuchtet mit dem Handy den Weg durch die fensterlosen Gänge. Es geht hinauf zum Turm der alten Abhöranlage auf dem Berliner Teufelsberg. Was für ein Blick! Die Stadt liegt wie ein Meer zu Füßen des Hügels – das Olympiastadion, der Alexanderplatz, der riesige Grunewald. Von unten ist aus dem Gestrüpp das Quieken der Wildschweine zu hören. Windböen zupfen an der zerrissenen Plane des Radarturms.

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Der Teufelsberg mit der ehemaligen US-amerikanischen Abhöranlage

Der Teufelsberg mit der ehemaligen US-amerikanischen Abhöranlage
Foto: dpa picture alliance

Die Abhöranlage ist einer von vielen verlassenen Orten in Deutschland, die Fotografen und Entdecker anlocken. Die Patina, die Stille, der Zauber der Geschichte: Das fasziniert anscheinend immer mehr Menschen. „Am Brandenburger Tor oder den Fernsehturm zu fotografieren, ist langweilig“, sagt Andreas Böttger, der Touren durch Gefängnisse oder Fabriken anbietet – mit Genehmigung.

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Abhörstation Berlin, Teufelsberg

Die vor sich hin rottenden Antennenkuppeln der einstigen Abhörstation
Foto: dpa picture alliance

„Du bist in einer anderen Welt“

Was ist an verlassenen Orten so schön? „Das ist ein bisschen wie Urlaub, du bist in einer anderen Welt“, sagt Böttger. Bei ihm war es als erstes seine alte Schule in Hohenschönhausen, die ihn als Ruine faszinierte: Die Außenwände fehlten, aber im Kasten der Tafel lag noch die Kreide.

Mit den Fototouren liegt Böttger im Trend. Zeitungen sammeln Ruinen-Bilder von Lesern. Das Internet quillt über vor Tipps und Fotos. Allein „Verlassene Orte Schleswig-Holstein“ hat mehr fast 43.000 Fans bei Facebook.

„Urban Exploration“, das Entdecken der Städte, ist eine globale Bewegung. Das marode Detroit begeisterte so viele Fotografen, dass von „Ruinen-Porno“ die Rede war. In Italien sind verfallene Nobel-Discos zum Motiv geworden. Für die einen sind es verwahrloste Gebäude, für andere verwunschene Orte mit Nostalgiefaktor. Neudeutsch: „Lost Places“.

Berlin hat einige davon zu bieten. Wie der Teufelsberg, wo sich Künstler mit Streetart und Graffiti ausgetobt haben, sind viele Orte keine Geheimtipps mehr, wie zum Beispiel…

Die alte irakische Botschaft in Pankow

Das Gebäude in der Tschaikowskistraße 51 in Berlin-Pankow verfällt immer mehr. Warum man es nicht einfach abreißt und etwas Neues hinbaut? Wie bei vielen dieser „vergessenen Orte“ ist unklar, wer dafür zuständig ist. Im Fall der Botschaft hat der irakische Staat ein unbefristetes Nutzungsrecht, obwohl das Grundstück offiziell der Bundesrepublik Deutschland gehört.

Die ehemalige irakische Botschaft in der DDR

Die ehemalige irakische Botschaft in der DDR verfällt seit dem Mauerfall in Berlin – und ist heute Ziel von „Lost Places“-Fans
Foto: dpa picture alliance

Iraks Ex-Botschaft in Berlin

Die Natur erobert sich den Raum nach und nach zurück
Foto: dpa picture alliance

Das Ballhaus Riviera in Grünau

Das Haus musste 1991 schließen. Obwohl überall der Putz bröckelt, lässt sich die die einstige Pracht des 1890 gebauten Hauses erahnen. 2006 wurde das Gelände, auf dem Riviera und Gesellschaftshaus stehen, an einen privaten Käufer veräußert. Bis heute ist nichts passiert.

Das Stadtbad in Lichtenberg

Das 1928 eröffnete Schwimmbad war 1991 geschlossen worden. Investoren scheuen die hohen Kosten für die Sanierung, zumal der Standort Lichtenberg als nicht besonders attraktiv gilt. Dennoch kommen noch immer regelmäßig Besucher, um sich das auch Bad im kubistisch-expressionistischen anzuschauen.

Stadtbad Lichtenberg

Das Hubertusbad in Lichtenberg
Foto: dpa picture alliance

Die verwilderte Bahnstrecke in Siemensstadt

S-Bahnhof Wernerwerk

Auch der Berliner S-Bahnhof Wernerwerk ist stillgelegt. Bevölkert wird er nur noch von Ruinen-Fans
Foto: dpa picture alliance

Wernerwerk Berlin

Wernerwerk war Teil der Siemensbahn, die 1980 nach einem Bahnstreik stillgelegt wurde. Konkrete Pläne gibt es nicht – und so bleibt der Bahnhof sich selbst überlassen
Foto: dpa picture alliance

Der Spreepark

Eigentlich müsste eine Stadt wie Berlin doch einen Freizeitpark haben, müsste man meinen. Und tatsächlich gab es ihn auch: Kulturpark Plänterwald hier der Park, der 1969 zum 20-jährigen Jubiläum der DDR eingeweiht worden war. Nach dem Mauerfall wurde er als Spreepark modernisiert und weiter betrieben – bis zur Pleite 2001.

Spreepark Berlin

Der Tyrannosaurus Rex, der einst den Eingang des Spreeparks schmückte, liegt bemalt und zerstört im Gras
Foto: Getty Images

Spreepark in Berlin

Besucher können das Gelände im Rahmen von Führungen besichtigen. Zuweilen hat man den Eindruck, als sei die Zeit stehen geblieben
Foto: Getty Images

Säugling- und Kinderklinik in Weißensee

Säugling- und Kinderklinik Weißensee

Obwohl verfallen, steht die Säugling- und Kinderklinik unter Denkmalschutz. Es war 1911 als erstes Kinderkrankenhaus Preußens eingeweiht und 1997 geschlossen worden. In dem Gebäude kommt es immer zu Bränden
Foto: dpa picture alliance

Säugling- und Kinderklinik im Berliner Bezirk Weißensee

Innen ist alles mit Graffitis überzogen
Foto: dpa picture alliance

Betreten meist verboten

Oft ist der Zutritt zu den Ruinen nicht erlaubt. Manche Häuser haben aber auch schon einen Investor gefunden.

„Verlassene Orte üben auf mich eine ganz besondere Anziehungskraft aus“, sagt Autorin Lucia Jay von Seldeneck („111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muss“). Zum einen sei da der Nervenkitzel des Einsteigens. Und dann, wenn man die Mauer oder den Zaun überwunden habe, offenbare sich, Stück für Stück, eine Geschichte. „Man betritt eine andere Welt.“ Sie mag es, wenn an den Orten etwas Neues passiert, etwa wenn sich ein Parkdeck in einen Club verwandelt.

Die Szene ist gemischt: Es gibt „Urban Explorer“, die sich ernsthaft für die Geschichte interessieren und keine Spuren hinterlassen, aber auch Partyhorden und Schrottdiebe. Umstritten ist bei Ruinen-Liebhabern, ob man im Internet sagen soll, wo die Fotos entstanden sind.

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Der Charme der Tristesse

Der Fotograf Axel Hansmann distanziert sich von „Handyknipsern“ und verrät die genauen Standorte nicht. Er sucht auch nicht den Kick des Illegalen. Ihn faszinieren das Farbspiel der Natur, der Charme der Tristesse. „Ich brauche keinen Adrenalinschub“, sagt er.

Seine Ruinen-Leidenschaft begann 2007 in den Beelitzer Heilstätten in Brandenburg, wo früher Tuberkulose-Kranke hinkamen. Um die 30 verlassene Orte kennt Hansmann schon, doch Berlin hält er mittlerweile für abgegrast, weshalb er im Ausland nach neuen Lost Places sucht.

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In diesem Raum wollen Geisterjäger besonders starke Spuk-Aktivitäten gemessen haben

Ein Behandlungsraum in den Beelitz-Heilstätten
Foto: Getty Images

Auch Ruinen-Führer Andreas Böttger denkt über Berlin hinaus. „Uns gehen die Orte nicht aus.“ Er zeigt Bilder aus einem verwunschenen Hotel, mit Spinnweben und verwitterten Ohrensesseln. Es sieht aus, als ob die Zeit still stehe.