7. Juli 2026, 17:22 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In Kassel findet sich der vielleicht skurrilste Friedhof Deutschlands: die Künstler-Nekropole. Geschaffen von einem Teilnehmer der berühmten documenta-Messe, verpflichten sich Menschen bereits zu Lebzeiten testamentarisch dazu, hier beerdigt zu werden – und entwerfen vorher gleich noch ihr eigenes Grab.
Am Rand der hessischen Stadt Kassel, nahe dem weltberühmten Bergpark Wilhelmshöhe, befindet sich ein ganz besonderer Friedhof. Man könnte ihn wohl mit einem Augenzwinkern fast schon als elitär bezeichnen, denn auf dem immerhin etwa 6000 Quadratmeter großen Gelände sollen nur 40 Gräber stehen. Um hier die letzte Ruhe zu finden, gibt es zudem mehrere Bedingungen. Zunächst einmal wählt eine Jury die „Kandidaten“ aus, die für eine Bestattung infrage kommen. Und diese müssen sich dann testamentarisch dazu verpflichten, noch zu Lebzeiten ihre eigene Grabstätte zu entwerfen.
Die Idee zu Deutschlands vielleicht ungewöhnlichstem Friedhof hatte laut dem „Museum für Sepulkralkultur“ der Künstler Harry Kramer bereits in den 1980er Jahren. Berühmt geworden als Teilnehmer an der documenta III im Jahre 1964, arbeitete er zu Lebzeiten als Tänzer, Maler, Bildhauer und Filmemacher. Er war überzeugt, Kunst werde häufig dazu verwendet, um mit ihr soziale Eingriffe in städtische Strukturen zu übertünchen. Seine Befürchtung war, der Unmut über städtebauliche Eingriffe würde sich daher oft gegen die Kunstwerke selbst richten. Was folgte, war ein Jahrzehnt der Auseinandersetzungen mit Behörden und Umweltschützern, bis Kramer schließlich 1992 damit beginnen konnte, seine Künstler-Nekropole zu realisieren.
Viele Künstler leben noch
Rund um den Blauen See, einen ehemaligen Steinbruch im Kasseler Habichtswald, sollen eines Tages bis zu 40 Grabstätten von Künstlern mit „documenta-Rang“ entstehen, wie die offizielle Seite der Stadt Kassel schreibt. Zehn davon sind heute schon realisiert und der Öffentlichkeit zur Betrachtung frei zugänglich. Über einen anderthalb Kilometer langen Wanderweg kann man sich die Gräber, die zugleich natürlich auch Kunstwerke sind, erschließen. Voraussetzung ist aus Umweltschutzgründen eine Bestattung in Urnen, denn der Wald ist ein Landschaftsschutzgebiet. Auch Kramer selbst liegt in seiner Künstler-Nekropole seit 1997 anonym bestattet.
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Andere seiner „Branchenkollegen“ haben sich selbst hier zum Teil opulente „Denkmäler“ geschaffen. Das Grab des 1937 geborenen Gernot Minke ist zum Beispiel eine begehbare Kuppel. Besonders skurril: Mehr als die Hälfte der Menschen, die sich in der Künstler-Nekropole ihr eigenes Grab geschaffen haben, leben, wie zum Beispiel Minke, aktuell noch. Der 2015 verstorbene Werner Ruhnau hat sich selbst in einer Art Freilicht-Theater beisetzen lassen und wünschte sich, dass dieses auch für Auftritte lebender Künstler genutzt würde. Finanziert wird Deutschlands vielleicht ungewöhnlichster Friedhof von einer Stiftung aus dem Privatvermögen des verstorbenen Harry Kramer.
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Der Erfinder der Stolpersteine
Auf der offiziellen Website der Stadt Kassel kann man sich vor dem Besuch einen Audio-Guide zu der Künstler-Nekropole herunterladen. Zudem findet sich dort ein Lageplan der Gräber sowie Verweise auf die Internetseiten der Künstlerinnen und Künstler, die an dem ungewöhnlichen Projekt teilnehmen. Auch kann man hier noch mehr Wissenswertes zur Bedeutung der einzelnen Grabstätten erfahren. Außer diesen gibt es auf dem Friedhofsgelände noch zwei Denkmäler, die an bereits verstorbene Kollegen erinnern sollen.
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Einer, der das Projekt Künstler-Nekropole von Anfang an begleitet hat, ist der Berliner Gunter Demnig. Heute ist er als Vater der Stolpersteine, die an die Opfer des Terrors während der Nazi-Zeit in Deutschland erinnern, ein hoch angesehener Künstler. Seine Karriere begann er als Assistent von Harry Kramer, der seinerseits zu Lebzeiten Professor an der Kasseler Kunstakademie war. Im TRAVELBOOK-Gespräch erinnert Demnig an die Anfänge: „Wir haben die Künstler-Nekropole damals quasi im Alleingang aus dem Boden gestampft.“
Ohne Genehmigung losgelegt
„Es war enorm schwierig, die Genehmigung zu bekommen, denn wirklich jeder hatte dazu seine Meinung. Die untere und die obere Forstbehörde, der Denkmalschutz, das war schon enorm.“ Auch Demnig hat sich zu Lebzeiten auf dem Friedhof schon ein Kunst-Grabmal entworfen, das den Titel „Circuitus“ trägt, lateinisch für „Kreislauf“. Sein Werk ist einer antiken Wasseruhr nachempfunden, wie sie vor Tausenden von Jahren zum Beispiel im alten Mesopotamien verwendet wurde.
Sein Grab in der Künstler-Nekropole entstand bereits 2011. „Ich wurde damals eingeladen, es zu entwerfen, und auch meine Frau wird einst neben mir ruhen.“ Dann sagt er lachend: „Das ist irgendwie schon ein elitärer Kreis.“ Auch daran, wie es mit den Stolpersteinen anfing, erinnert er sich. „Den allerersten habe ich am 16. Dezember 1992 vor dem Kölner Rathaus verlegt, ohne vorher jemanden um Erlaubnis zu fragen. Anfangs habe ich das dann in Berlin genauso gemacht.“ Aktuell stehe er bei 123.000 verlegten Steinen, jeder davon die Erinnerung an ein Schicksal, ein Leben. Sein eigenes hat Demnig mit seinem eigenen Grab bis über sein Ableben hinaus der Kunst gewidmet.