5. September 2026, 14:19 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Heute ist St. Andreasberg im Harz ein sehr ruhiger Ort, doch vor noch nicht einmal 150 Jahren war er tatsächlich so etwas wie die Welthauptstadt für den Handel mit Kanarienvögeln. Die sogenannten Harzer Roller waren als Singvögel und als „Frühwarnsystem“ im Bergbau überaus nachgefragt, wurden teils zu Hunderttausenden über New York und in die ganze Welt verschifft. Unser Autor hat sich auf seiner jüngsten Harz-Reise vor Ort für Sie auf den Spuren der Tiere umgesehen und verrät, was es hier sonst noch zu entdecken gibt.
Ein sonniger Mittag im August, und ich stehe ganz allein mitten in einem von Deutschlands wohl skurrilsten Museen, in St. Andreasberg. Unter meinen Füßen knarzen jahrhundertealte Balken, es riecht ein wenig nach Dachboden, und vor meinen Augen entspinnt sich in etwas angestaubten Glaskästen und Vitrinen Geschichte. Eine Geschichte, könnte man als stets neugieriger Journalist auch sagen, die davon handelt, was den Harz einst mit New York verband. Denn tatsächlich war St. Andreasberg, heute ein sehr ruhiger Ort, vor noch nicht einmal 150 Jahren ein Zentrum des Welthandels. Und zwar, Achtung, für Kanarienvögel. Hier züchtete man einst die sogenannten Harzer Roller, die sich für eine relativ kurze Ära rund um den Globus einer sensationellen Popularität erfreuten. Das weltweit einzige Kanarienvogelmuseum, in dem ich mich befinde, erzählt die Geschichte dieses „Goldrauschs“.
Bei einer meiner Wanderungen rund um die Bergstadt war ich auf eine erste Spur gestoßen. An einem Gasthaus erzählte eine kleine Infotafel von dem Harz-Ort und seiner Geschichte als Welthandelszentrum mit Kanarienvögeln. Und ich dachte sofort, da muss ich mehr drüber wissen. Kennen Sie dieses Gefühl, einen Ort schon zu mögen, bevor man ihn überhaupt das erste Mal gesehen hat? So ging es mir mit St. Andreasberg. Daher stand ich dann auch bereits am nächsten Tag vor der „Grube Samson“, einem beeindruckenden Schaubergwerk, dessen zwei Stollen man auch heute noch besuchen kann. Wo sich einst die tiefste Mine der Welt befand, Bergleute eifrig Silbererz schürften, wandeln heute ganze Scharen von Besuchern bei geführten Touren auf ihren Spuren. Und hier befindet sich auch das Kanarienvogelmuseum.
Export in alle Welt
Es ist laut der Informationen vor Ort um das Jahr 1730, als die Tiere von italienischen Arbeitern nach Imst in Tirol gebracht werden. Hier entwickelt sich schnell eine Zucht mit den Kanarienvögeln, und so gelangen sie auch nach St. Andreasberg. Bereits 1806 ist im Stadtregister ein hauptberuflicher Vogelhändler nachgewiesen, das Federvieh ist zur damaligen Zeit als „Frühwarnsystem“ im Bergbau weltweit überaus gefragt. Die Arbeiter nehmen die Vögel mit in die Minen, wo sie unablässig zum Takt der schlagenden Hämmer ihre Lieder zwitschern. Hört ein Tier auf zu singen, ist das meist ein unmittelbarer Hinweis auf Gefahr durch eine Sättigung der Luft mit Gasen. Dadurch verendet zwar meist der arme Vogel, rettet aber nicht selten die Menschen unter Tage vor einem grausamen Tod.
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1824 werden in St. Andreasberg jährlich bereits 4000 Kanarienhähne verkauft, 1850 ist der Ort das Zentrum für die Zucht im gesamten Harz. 1866 eröffnet im russischen St. Petersburg eine Verkaufszentrale für die Harzer Roller, wie die Vögel bald genannt werden. Bei reichen Mitgliedern der Gesellschaft sind sie nämlich wegen ihres schönen Gesangs als Zierde des Haushaltes überaus populär. Der Handel explodiert daraufhin förmlich. Für das Jahr 1882 ist nachgewiesen, dass der Berliner Großhändler Reiche allein nach New York 120.000 Vögel per Schiff exportiert. Weitere 30.000 gehen ins europäische Ausland, 12.000 werden in Deutschland verkauft. 10.500 verschifft man nach Südamerika, immer noch 3000 nach Südafrika.
Skurrile Sammlung
Zur damaligen Zeit leben allein in St. Andreasberg 350 Familien von der Zucht der Harzer Roller. Weitere verdienen sich ein Zubrot, indem sie Käfige für die Tiere herstellen. St. Andreasberg gilt wegen seiner besonders erfolgreichen Züchtungen bald als so etwas wie das Epizentrum des Welthandels auf dem Gebiet. Harzer Roller werden in New York, Montevideo, Buenos Aires, Kapstadt, Rio de Janeiro, Havanna, San Francisco, Melbourne und London verkauft, um nur einige der Umschlagplätze zu nennen. Besondere Berühmtheit erlangt der Züchter Wilhelm Trute, dessen Kanarienvögel als die „besten“ überhaupt gelten. Sie sind irgendwann so populär, dass überall auf dem Markt „Fälschungen“ auftauchen. Trutes Exemplare erzielen mitunter die damals horrende Summe von 100 Mark und mehr.
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Heute erinnert in dem Harz-Ort nur noch das Kanarienvogelmuseum an die glorreiche Vergangenheit. Seit 2001 hat es geöffnet, sieht bei meinem Besuch selbst schon etwas museumsreif aus. Auf den ersten Blick wirkt es ein wenig, als hätte einfach jemand wahllos seinen alten Plunder auf den Speicher gebracht. Doch wer genauer hinsieht, entdeckt viel Erstaunliches. Da stehen unzählige Pokale für St. Andreasberger Züchter bei Kanarienvogel-Wettbewerben, teilweise jahrzehntealt. Da findet man Anstecker von Zuchtverbänden aus der ganzen Welt, da stehen Instrumente, mit denen man damals den jungen Tieren das Singen von Melodien beibrachte. Alte Käfige gibt es genauso zu besichtigen wie originale Lieferscheine aus aller Welt, und kleine Infotafeln erzählen von der glanzvollen Ära der Harzer Roller.
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Das einst tiefste Bergwerk der Welt
Mich hat aber auch ein Besuch im einzigen noch vollständig erhaltenen Bergwerk des gesamten Oberharzes hierhergelockt, der „Grube Samson“. Noch heute sind hier die alten, gewaltigen Wasserräder vorhanden, genauso wie die per Wasserkraft betriebene Fahrkunst. Ein archaischer Fahrstuhl, der die Bergleute auf bis zu 810 Meter Tiefe in die einst tiefste Mine der Welt brachte. Kaum zu glauben: Vor dessen Bau überwanden diese Mineure die Distanz über Leitern, was jeden Tag insgesamt vier Stunden beanspruchte. Das erklärt der Guide, der mich und eine große Gruppe durch die beeindruckenden Räumlichkeiten der Grube führt. Die Dimensionen der Stollen wirken umso unglaublicher, wenn man sich klarmacht, dass Arbeiter vor der Nutzung des Sprengstoffs pro Tag und Mann dem Felsen gerade einmal bis zu fünfzehn Kilo Gestein abtrotzen konnten.
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St. Andreasberg ist der einzige Harz-Ort, in dem über einen längeren Zeitraum hochwertiges Silbererz gewonnen wurde. Daher befand sich hier ab 1593 auch die allererste Münzprägestätte der Region. Was noch beeindruckender ist: Auch heute deckt die Bergstadt ihren Energiebedarf fast vollständig aus Wasserkraft. Aus dem wenige Kilometer entfernten Oderteich läuft das Wasser dabei über teils jahrhundertealte Kanäle, erzeugt vor Ort durch Turbinen Strom. Es ist dasselbe Wasser, das immer noch das hölzerne Wasserrad mit seinem Durchmesser von 12 Metern in der „Grube Samson“ antreibt. Auch die benachbarte Grube „Catharina Neufang“ kann man geführt begehen. Ein eindrückliches Erlebnis. Aber hier ist es so eng und klaustrophobisch, dass man froh ist, dass die Tour nur knapp eine Stunde geht.
Auch sonst einen Besuch wert
In Zeiten, als der Schnee noch sicher war im Harz, war St. Andreasberg auch ein beliebtes Wintersportzentrum. Heute begeistern vor allem der Bikepark, der Hochseilgarten und die Sommerrodelbahn Gäste. Zudem kann man rund um den Ort schöne Wanderungen unternehmen. Die führen zum Beispiel zu so ehrwürdigen Gaststätten wie dem „Rehberger Grabenhaus“ oder dem „Kuhstall“. Auch ein Spaziergang durch den Ort lohnt sich, und vom Glockenberg hat man eine fantastische Aussicht auf das Land und die Stadt. Es ist schon Abend, als ich durch völlig verwaiste Straßen einen letzten Bummel unternehme. Und da, hinter einem angekippten Fenster, zwitschert tatsächlich ein Kanarienvogel.