6. November 2026, 14:01 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Während heutzutage beim Reisen ein Großteil der Menschen Online-Rezensionen von völlig Unbekannten zu vertrauen scheint, hat TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann noch nie zur Vorbereitung seiner Abenteuer auf solche Kommentare zurückgegriffen. Mehr noch, er glaubt, dass die Meinungsmache im Internet zu Orten und Erlebnissen das Reisen eintönig macht und sogar auf gefährliche Weise beeinflussen kann. Ein Plädoyer für mehr Mut zur Individualität.
Ob Sie es mir glauben oder nicht: Ich bin aktuell 43 Jahre alt, nutze seit 20 Jahren das Internet und habe wirklich noch niemals Online-Rezensionen gelesen, geschweige denn verfasst. Sie wissen schon: diese Kommentare, die viele Menschen sich durchlesen, bevor sie zu einem Ort oder einer Attraktion aufbrechen. Oder eben auch nicht, weil die im Netz verfassten Meinungen von völlig Unbekannten ihnen aus irgendwelchen Gründen davon abraten. Ich war mittlerweile in etwa 70 Ländern und mir will einfach nicht in den Kopf, warum dieses Konzept so erfolgreich ist. Warum um alles in der Welt scheint es für viele so interessant zu sein, ein Abenteuer in der Ferne rund um die absolut subjektiven Kommentare von Fremden herum aufzubauen? Ich würde das nicht nur niemals tun, ich halte es auch für eine Gefahr für das Reisen an sich, wie wir es (noch) kennen.
Bereits 2016 habe ich erste beunruhigende Anzeichen auf einer mehrmonatigen Südamerika-Reise beobachtet. Während meines Aufenthaltes begegneten mir an bestimmten Orten über Wochen hinweg immer die gleichen Gesichter, immer der gleiche Typ Reisender. Frisch mit dem Abitur oder auch dem Militärdienst fertig, und jetzt auf der Suche nach jeder Menge Spaß. Scheinbar sollte es dabei aber auch nicht zu abenteuerlich werden, weshalb diese jungen Menschen sich vorab überall und quasi pausenlos Online-Rezensionen durchlasen. Da passierte es dann auch schon mal, dass jemand auf einen Ausflug verzichtete, weil die Destination nicht die höchstmögliche Anzahl von Sternen oder sonstigen für mich vollkommen schwachsinnigen Bewertungskriterien erhalten hatte.
Angst vor dem Reisen
Stattdessen fand man die Massen immer an den Orten, die das Netz eben hochgehypt hatte – was für mich als Individualisten/Sonderling bereits von vornherein jeglichen Reiz eliminierte, auch dorthin zu wollen. Auf Reisen geht es für mich um ein Entdecker-Gefühl, um etwas, das ich Kolumbus-Effekt getauft habe. Orte zu sehen, an die der gewöhnliche Tourist eben nicht kommt, und die sich nur dem wahren Reisenden erschließen. Solche findet man aber garantiert nicht, wenn man auf Online-Rezensionen vertraut. Fast scheint es mir heute mitunter ein bisschen so, als hätten viele Reisende eigentlich Angst vor dem Akt des Reisens, mithin vor dem Sich-Fallen-Lassen in das große Unbekannte.
Nur, wenn auch möglichst viele Online-Rezensionen unisono das Gleiche schreiben und man quasi alles über einen Ort weiß, bevor man überhaupt da war, scheinen sich manche Leute wohlzufühlen. Bloß kein Risiko eingehen, indem man sich einfach spontan in das Café an der Ecke setzt – es könnte ja nicht unter den zehn bestbewerteten vor Ort sein. Es scheint tatsächlich so, als gäbe es für manche Menschen kaum etwas Schlimmeres. Alle Aspekte und vermeintlichen Risiken müssen vorab von wirklich allen Seiten beleuchtet werden, bevor man einem Ort selbst – und natürlich möglichst öffentlichkeitswirksam im Netz – seinen Daumen nach oben gibt. Oder eben, im schlimmsten Fall, seine Macht dazu missbraucht, um sich für eine persönlich empfundene Enttäuschung zu „rächen“.
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Die Macht der Online-Trolle
Auch, wenn ich selbst Online-Rezensionen niemals nutze, erlebe ich immer wieder, wie viel destruktives Potenzial sie haben. Da drohen irgendwelche Schwachköpfe öffentlich mit schlechten Kritiken, nur weil ihnen und ihrem Weltbild etwas nicht in den Kram passt. Man lässt sie zu lange auf ihr Essen warten. Der Kaffee war zu heiß/kalt/stark/lasch. Der digitale Drohfinger sitzt heute bei vielen lockerer denn je. Tragischerweise führt das aber immer wieder dazu, dass Anbieter ebenso öffentlich unterwürfig einknicken. Auf jeden noch so hirnrissigen Kommentar eine nette Antwort schreiben, um ja keinen Shitstorm zu provozieren. Der Kunde ist König, ja. Aber im Netz entwickeln sich viele User eher zu Despoten.
Auch scheint es bei Online-Rezensionen mitunter gar nicht mehr darum zu gehen, wofür ein Ort wirklich steht, sondern wie Social-Media-tauglich er ist. Sprich, wie sehr man mit dem Gesehenen hinterher angeben kann. Da kann ein Laden absolut grauenhaftes Essen servieren oder in jeder anderen erdenklichen Weise ein Betrug sein – die Massen stehen dennoch Schlange, weil er eben so fotogen ist. Und besteht nicht auch die Gefahr, dass man schon mit einer vorgeprägten Meinung/Erwartung ankommt, wenn man so viel auf die Bewertungen anderer im Netz gibt? Wie dem auch sei, auch ich kann mich, obwohl selbst Totalverweigerer, der Macht der Web-Kommentare nicht entziehen.
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Der Rausch des Entdeckens
Das liegt daran, dass meine sechs Jahre jüngere Freundin diesen mitunter blind zu vertrauen scheint. Damit ist sie eher der Regelfall, und ich muss dann eben mit. Dass die User mit ihren Posts aber selbst die Touristenfallen kreieren, die ja angeblich alle so verabscheuen, ist an Ironie eigentlich nicht zu überbieten. Eine gemeinsame Freundin ist in puncto Online-Rezensionen noch treugläubiger. So hat sie bereits in Neapel für eine Pizza mehrere Stunden angestanden, weil das angeblich die beste auf der ganzen Welt sein sollte. Regelmäßig führt sie uns in für gewöhnlich kulinarisch völlig unterirdische Etablissements, die aber das Netz aus für mich nicht nachvollziehbaren Gründen feiert.
Dieser Text soll ja aber nicht (nur) Gemecker von einem alten Sack sein, der sich mit der digitalen Welt an sich immer noch schwertut. Sondern vielmehr ein Plädoyer für mehr Mut zur Individualität. Trauen Sie sich doch einfach mal, einen Ort zu entdecken, weil Sie selbst eben darauf Lust haben. Verzichten Sie auf das Lesen von Online-Rezensionen und fahren Sie einfach los. Es gibt wohl kaum einen größeren Rausch als den, selbst eine Entdeckung zu machen. Wer dagegen andere Dinge für sich entdecken und völlig subjektiv bewerten lässt, wird nur Teil eines großen, grauen, langweiligen Kollektivs.
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Bildschirm aus, Augen auf
Gehen Sie doch einmal das Risiko ein, wenn Sie sie schon lesen müssen, trotz Online-Rezensionen an einen Ort zu fahren. Es gibt dafür ein absolut irres analoges Tool, und das nennt sich „persönliches Gespräch“. Ich kann schon kaum noch zählen, wie oft ich aufgrund der Empfehlung von jemandem, den ich auf Reisen kennenlernte, ein einzigartiges Erlebnis hatte, das noch dazu in keinem Internet-Kommentarforum jemals erwähnt wurde. In einer Unterhaltung bekommt man ja für gewöhnlich relativ schnell ein Gefühl dafür, ob eine Person einem solide vorkommt. Ob man also ihren Vorschlägen vertrauen möchte.
Für mich persönlich gilt, dass ich vor allem nach solchen Situationen die unvergesslichsten Abenteuer erlebte. Vielleicht sind Sie ja aber sogar noch mutiger und hören einfach mal auf Ihre Intuition, Ihr Bauchgefühl. Für gewöhnlich ist es ein sichererer Indikator als Kopf und Herz, die sich schnell korrumpieren lassen. Vor allem Online-Rezensionen scheinen auf viele Reisende genau diesen bedauernswerten Effekt zu haben, die innere Stimme quasi auf Stumm stellen zu können. Ich kann Ihnen daher nur aus bester Erfahrung und 30 Jahren als Weltreisender eines raten: Machen Sie öfter mal das Internet aus und die Augen auf. Machen Sie sich selbst ein Bild, das nicht von einem Bildschirm stammt.