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52 Millionen verkaufte Tickets

Positive Bilanz – doch was kommt nach dem 9-Euro-Ticket?

9-Euro-Ticket
An diesem Mittwoch läuft das 9-Euro-Ticket aus. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hat nun Bilanz gezogen.Foto: picture alliance/dpa | Daniel Bockwoldt

An diesem Mittwoch endet das 9-Euro-Ticket. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen zog nun eine erste Bilanz zur Nutzung der Sonderfahrkarte über den gesamten Zeitraum. Eine Erkenntnis: Der Preis spielt eine Rolle – doch nicht überall. Wie aber geht es nun weiter? Wird es ein Anschlussmodell für das 9-Euro-Ticket geben? Und falls ja, wie viel soll dieses kosten? TRAVELBOOK zum aktuellen Stand der Debatte.

Drei Monate lang waren Busse und Bahnen in Deutschland ein großes wissenschaftliches Labor. Forschungsfrage: Wie nutzen Verbraucherinnen und Verbraucher den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), wenn er mit 9 Euro pro Monat supergünstig ist? Möglich machte es das 9-Euro-Ticket, das am Mittwoch (31. August) endet und mit dem die Bundesregierung ursprünglich die Bürger finanziell entlasten wollte. Längst ist es auch Hoffnungsträger für eine schnellere nachhaltige Verkehrswende. Zu Recht?

Aufschluss gab am Montag eine erste Gesamtbilanz des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), der gemeinsam mit der Deutschen Bahn die umfangreichste Umfrage nur Nutzung des 9-Euro-Tickets durchführt. Rund 78.000 Verbraucherinnen und Verbraucher wurden im Rahmen der Untersuchung über den dreimonatigen Nutzungszeitraum des Tickets befragt – Käufer und Nicht-Käufer.

Rund 52 Millionen Tickets seien demnach über den gesamten Zeitraum bundesweit verkauft worden, teilte der VDV mit. „Hinzu kommen mehr als zehn Millionen Abonnentinnen und Abonnenten, die das vergünstigte Ticket jeweils monatlich über den Aktionszeitraum automatisch erhalten haben“, hieß es.

Unter den Ticketkäufern auch neue ÖPNV-Nutzer

Jeder fünfte Käufer war demnach zuvor noch nie mit dem ÖPNV unterwegs gewesen. 27 Prozent waren sogenannte „aktivierte Kunden“, die Busse und Bahnen zuvor seltener als ein Mal im Monat genutzt haben. Das Ticket hat also die Nachfrage im ÖPNV deutlich gesteigert. „Das ist erstmal ein Erfolg“, sagte Bremens Verkehrssenatorin und Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz, Maike Schaefer (Grüne), am Montag. „Auch ein günstiger Tarif spielt eine Rolle, wenn die Menschen sich entscheiden: Wie möchte ich mich fortbewegen?“

Doch die Untersuchung macht auch deutlich, dass der Preis nicht der einzige Faktor ist. Denn gekauft wurde die Sonderfahrkarte vor allem in städtischen Regionen, in denen das ÖPNV-Angebot in der Regel gut ausgebaut ist. „In ländlichen und strukturschwächeren Gebieten ist der Anteil der 9-Euro-Ticket-Besitzer nur halb so hoch wie in städtischen Gebieten“, teilte der VDV mit.

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Auch mehr Fahrten mit dem Auto

Unterschiedliche Ergebnisse gibt es zudem beim Thema Verkehrsverlagerung. Laut VDV-Umfrage haben rund 10 Prozent der Nutzer des 9-Euro-Tickets mindestens einmal ihr Auto zugunsten von Bus oder Bahn stehen lassen. 1,8 Millionen Tonnen CO₂ seien auf diese Weise eingespart worden, rechnet der Verband weiter aus.

Doch andere Studien kommen zu deutlich niedrigeren Werten. Das RWI-Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen etwa hat für den gleichen Zeitraum eine mindestens drei Mal niedrigere CO2-Ersparnis errechnet.

Aus den Befragungen der Essener Forscher ergibt sich zudem, dass sich nicht nur die Nutzung des ÖPNV während des 9-Euro-Ticket-Zeitraums erhöht habe, sondern auch die Autonutzung generell. Selbst Käufer des 9-Euro-Tickets saßen im Juni im Schnitt 18 Kilometer pro Woche mehr im Auto als bei einer Umfrage vor der Einführung des 9-Euro-Tickets im April. Das kann laut RWI-Studienautor Mark Andor mehrere Gründe haben. Dazu zählen etwa die Senkung der Spritpreise oder ein generell höheres Mobilitätsverhalten nach den Beschränkungen in der Corona-Krise.

Dennoch halten die Bundesländer den Druck auf die Bundesregierung hoch, möglichst schnell einen Vorschlag für eine Anschlusslösung für das 9-Euro-Ticket zu präsentieren.

Wird es einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket geben?

Ein breites Bündnis aus Gewerkschaften sowie Naturschutz-, Umwelt- und Verkehrsverbänden wie auch der Evangelischen Kirche in Deutschland fordert eine Nachfolge-Regelung für das 9-Euro-Ticket im Nah- und Regionalverkehr. In einem am Dienstag (30. August) verbreiteten Positionspapier plädiert das Bündnis für eine bundesweit einheitliche Anschlussregelung. Außerdem soll es einen umfangreichen Ausbau von Infrastruktur und Personal und eine gesicherte, solide Finanzierung geben. „Ein günstiges Ticket muss dabei prioritär für die Menschen, die darauf angewiesen sind, sofort angeboten werden.“ Zum Bündnis gehören DGB, IG Metall, Verdi, SoVD, VdK, AWO, NABU, BUND, VCD und EKD.

Alternativ zu einer Nachfolge-Regelung für das 9-Euro-Ticket werden aktuell jedoch noch andere Modelle diskutiert. Die Bundes-SPD etwa hat ein bundesweites 49-Euro-Ticket ins Spiel gebracht, die Grünen wollen das um ein regionales Monatsticket für 29 Euro ergänzen, schreibt die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) hingegen hatte sich Mitte Juli für ein dauerhaftes 69-Euro-Ticket ausgesprochen.

Werden Zugtickets nach Ende des 9-Euro-Tickets generell teurer?

Von vielen Seiten wird bereits befürchtet, dass die Preise im öffentlichen Nahverkehr generell steigen werden. „Die Ticketpreise werden weiter steigen – nicht direkt zum 1. September, aber in den nächsten Preisrunden. Leider kommen wir dann in die Situation, dass Menschen, die ohnehin schon belastet sind, für ihre Fahrten mehr bezahlen müssen“, sagte etwa Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Mit Material von dpa und Reuters

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