8. September 2026, 10:52 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Eine Fahrt mit dem Nachtzug, das war für unseren Autor vor allem eine schöne Erinnerung an die Reisen seiner Kindheit. Umso aufgeregter war er, als sich kürzlich nach mehr als 20 Jahren mal wieder die Chance bot, mit einem solchen Verkehrsmittel zu reisen. Und trotz der Tatsache, dass so ziemlich alles schief ging, war es für ihn am Ende dennoch eine aufregende Erfahrung, die er jederzeit wiederholen würde. Hier ist sein Erlebnisbericht.
Ich denke, ich kann mich mit über 25 Jahren Erfahrung durchaus als versierter Reisender beschreiben. Und dazu gehört eben nicht nur das Besichtigen vor Ort. Sondern auch die Frage, wie man denn nun an ein Ziel gelangt. Und hier bin ich hoffnungsloser Romantiker. Ich habe in der Vergangenheit schon mehrtägige Fähren genommen, wo ich auch anderthalb Stunden hätte fliegen können. Bin mit dem Fahrrad drei Wochen durch Deutschland zu einer Hochzeit angereist, statt einfach bequem mit dem Bus zu fahren. Und habe das Abenteuer meines Lebens auf einem Kreuzfahrtschiff von Portugal nach Panama auf einer sogenannten Überführungsfahrt gehabt. Reisezeit zwei Wochen statt eines vergleichsweise kurzen Flugs. Kein Weg zu lang, zu anstrengend, wenn er nur eine gehörige Portion Abenteuer verspricht.
Insofern war ich mehr als begeistert, als sich mir kürzlich die Gelegenheit bot, mit einem Nachtzug von Prag nach Warschau zu fahren. Eine liebgewonnene Art zu reisen aus meiner Kindheit. Entsprechend aufgeregt war ich dann auch. Würde ich wieder versuchen, die ganze Nacht wach zu bleiben, um aus dem Fenster die vorbeifliegende Landschaft zu bestaunen? Würde mich das sanfte Ruckeln des Zuges dann irgendwann doch in einen seichten Schlaf wiegen? Obwohl mit einem Preis von umgerechnet 80 Euro für mein Verständnis recht teuer, buchte ich also ohne zu zögern diese Option. Und freute mich innerlich schon sehr auf die Fahrt. Am Ende kam dann zwar alles ganz anders als erwartet, und es passierten einige Katastrophen. Dennoch würde ich jederzeit wieder mit einem Nachtzug fahren.
Ein Verbrechen an Hässlichkeit
Zugegeben, der Zeitpunkt meiner Reise war nicht ideal gewählt. Ende Juni 2026 litt ganz Europa unter einer enormen Hitzewelle. So herrschten auch bei der Abreise in Prag etwa 40 Grad. Eine alles erdrückende Backofen-Temperatur. Vorher war ich einige Tage auf einer Wanderung gewesen. Nun schleppte ich mich und meinen nicht eben leichten Rucksack zu Fuß durch die wunderschöne Prager Altstadt in Richtung Hauptbahnhof. Und dieser ist an sich schon ein Kuriosum. Seit meiner ersten Ankunft dort vor mehr als 25 Jahren hat er sich gefühlt kein bisschen verändert. Soll heißen, auch kein bisschen modernisiert. Es ist eigentlich ein Wunder, wie sich eine so strahlende Metropole ein solches Verbrechen an Hässlichkeit von einem Bahnhof leistet. Aber genau hier sollte ich nun mal meinen Nachtzug besteigen.
Der Prager Hauptbahnhof ist auch noch aus einem anderen Grund eine eher unangenehme Plattform zum Ankommen, Abfahren oder Umsteigen. Und zwar tummeln sich dort zu jeder Tages- und Nachtzeit gefühlt sämtliche Drogenabhängigen und Obdachlosen der Stadt in unterschiedlichen Stadien des Zerfalls. Nun musste ich mir aufgrund meiner Physis kaum jemals Sorgen vor Übergriffen machen. Aber die Präsenz dieser Gestalten sorgt doch immer wieder für ein flaues Gefühl im Magen. Doch einmal im Gebäude drinnen begann das wahre Abenteuer. Nämlich meinen Nachtzug bzw. dessen Gleis überhaupt zu finden. Das war nämlich nirgendwo angezeigt.
Auch interessant: Meine abenteuerliche Fahrt mit dem 9-Euro-Ticket
Ein eigener Zugbegleiter
Hier erinnert der Prager Hauptbahnhof eher an einen Flughafen, denn ein Mitarbeiter verriet mir auf meine nervöse Anfrage hin, dass überhaupt erst eine Viertelstunde vor Abfahrt meines Nachtzuges bekannt gegeben würde, auf welchem Gleis dieser denn ankäme. Also banges Warten, Starren auf die Anzeigetafel. Erschwert wird dieser Umstand nämlich noch durch die Tatsache, dass der örtliche Hauptbahnhof in drei unterschiedliche Sektionen geteilt ist: Nord, Süd und Zentral. Und je nachdem, von wo es denn nun losgeht, hat man, zumal mit schwerem Gepäck, mitunter nochmal nicht unerhebliche Fußwege zu bewältigen. Auch am Gleis, das mir schließlich als Abfahrtsort angezeigt wurde, gab es keinerlei digitale Information darüber, ob das denn jetzt auch stimmte.
Also banges Warten mit vielen anderen Verunsicherten, bis unser Nachtzug dann mit einer obligatorischen Verspätung tatsächlich einfuhr. Und dann begann der Grabenkampf, das Drängeln darum, wer als Erster den Zug besteigen würde. Eine Macke, über die ich mich auch im Flieger stets wundere, denn niemand hätte ja jemals davon gehört, dass man deshalb schneller starten würde. Jeder Waggon hat einen eigenen Schaffner, der die wie nervöses Vieh wartenden Gäste einweist und pro Minute etwa 800-mal darauf hinweisen muss, dass er denn gleich auch zu wirklich jedem käme, um ihnen die Besonderheiten und Funktionen ihres Schlafabteils zu erklären. Mein Zugbegleiter scheint ein echter Routinier zu sein und lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
Weder Klimaanlage noch Kühlung
Im Gegensatz zu mir, denn was ich nun in meinem Nachtzug betrete, ist kein Abteil, sondern streng genommen ein begehbarer Schuhschrank. Mich mit meinem Rucksack auf dem Rücken darin nur umzudrehen, ist völlig unmöglich. Ein Stockbett mit drei Etagen, ich habe Gott sei Dank das unterste. In meiner Parzelle, ja im ganzen Zug ist es infernalisch heiß. Also erstmal eine Abkühlung, denke ich, denn tatsächlich befindet sich in meinem Verschlag in einem Schrank eingelassen ein Handwaschbecken. Dazu echte Bettwäsche aus Stoff, ein Leselicht, die Breite der Matratze in Ordnung, diese selbst auch nicht allzu durchgelegen oder sonst ungemütlich. Nur die ersehnte Abkühlung bekomme ich leider nicht, denn das Wasser aus dem Hahn ist wirklich kochend heiß.
Auch interessant: Warum Magdeburg für mich nicht „Bahnhof des Jahres“ ist
Ja, das sei so eines der Probleme mit diesem alten Zug, sagt mein Schaffner, als er sich einmal zu mir durchgekämpft hat. Die Klimaanlage und die Kühlung seien nämlich ausgefallen. Ein Mitreisender, der die Strecke mit dem Nachtzug laut eigener Aussage allein diesen Monat das achte Mal absolviert, sagt mir, diese Systeme würden in Wahrheit nie funktionieren. Also fällt leider auch ein für mich wirklich überraschendes Feature aus, nämlich die auf der Toilette befindliche Dusche. Was aber nicht weiter schlimm ist, denn bereits bei Abfahrt riecht es so streng, dass man sich nicht länger als wirklich nötig hier aufhalten möchte. Stattdessen lege ich mich hin, entkleide mich, so weit wie der Anstand gebietet, und genieße den Blick aus dem Fenster.
Mit dem Nachtzug von Berlin nach Stockholm – ein Erfahrungsbericht
Mit dem Nachtzug von Berlin nach Schweden – ein Erfahrungsbericht
Das Axiom der Schnarcher
Die Lichter der Stadt fliegen vorbei, und an der nächsten Station drängt dann ein zweiter Mitreisender in mein Abteil. Ein kleiner Vietnamese, der sich nur per Google Translate überhaupt verständigen kann, und dessen Gepäckstück dem Anblick nach beträchtlich mehr wiegt als er selbst. Ich helfe ihm dabei, dieses nun in seine Koje neben dem obersten Bett zu wuchten, dann fällt langsam Stille über unser Abteil. Beziehungsweise, eigentlich nicht, denn unser Nachtzug stammt wohl noch aus dem Fundus des Kaiserreichs Österreich-Ungarn und macht beim Fahren einen erheblichen Krach. Da bin ich aber schon so müde, dass mir irgendwann von selbst die Augen zufallen.
Als ich dann so im Dämmerschlaf vor mich hintreibe, kommt noch der dritte Passagier in unserem Bunde, der die insgesamt zehn Stunden Fahrtzeit von Prag nach Warschau dann durch markerschütterndes Schnarchen bereichert. Es ist ein Axiom, dass Schnarcher immer vor allen anderen einschlafen. In einem Raum von der Größe eines Umzugskartons hallt dieses Crescendo dann umso gewaltiger von den Wänden wider. Dennoch drifte ich irgendwann wieder in einen sogar recht erholsamen Schlaf über, bis mich dann morgens ein automatischer Alarm weckt. Dieser soll dafür sorgen, dass die Gäste im Nachtzug ihre Station nicht verschlafen. Und ja, ich durfte mir am Abend zuvor bei meinem Schaffner tatsächlich eine Frühstücks-Option wählen.
Auch interessant: Hier steht Deutschlands ältester noch erhaltener Bahnhof
Essen wie im Flugzeug
Diese serviert man mir und meinen zwei Leidensgenossen dann in einer Art Separee, weil wir zu dritt in unserem Abteil unmöglich hätten essen können. Brötchen, labbrig wie Pappmaché, dazu diverse Aufstriche, der Hunger treibt es rein. Und dennoch hebt sich die Laune, wann bekommt man denn schon mal bei einer Zugfahrt eine Mahlzeit im Preis inklusive? Und vor vergleichbarem Essen in jedem x-beliebigen Flieger braucht sich diese nun wirklich nicht zu verstecken. Dazu kommt das Erstaunen darüber, die fast 700 Kilometer Distanz zwischen beiden Hauptstädten sprichwörtlich im Schlaf absolviert zu haben. Müßig zu sagen, dass sowohl Waschbecken als auch Dusche immer noch ausschließlich kochendes Wasser ausspeien, aber nun bin ich ja bald da.
Meinen Gedanken, wegen des fehlenden Komforts und der durchschwitzten Stunden in meinem Nachtzug Regressansprüche an die Zuggesellschaft zu stellen, verwerfe ich dann entsprechend schnell. Zumal mit dem Ausstieg in Warschau für mich drei Wochen Sommerferien mit meiner Freundin beginnen, da kann die Laune ja gar nicht schlecht sein. Und so blicke ich auf meine Fahrt mit dem Nachtzug auch heute noch als das zurück, was sie letztlich war. Ein weiteres Abenteuer eines Reisenden, der wirklich schon viel gesehen hat. Und doch mitunter aus dem Staunen nicht herauskommt.