2. November 2026, 10:39 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Der kleine Ort Würchwitz in Sachsen-Anhalt hat gerade einmal gut 300 Einwohner, aber dafür das wahrscheinlich ungewöhnlichste Museum in ganz Deutschland. Denn im Milbenkäse-Museum können Besucher alles über die Herstellung eines einzigartigen Käses lernen, der dort landesweit exklusiv produziert wird. Die Manufaktur geht zurück auf eine 500 Jahre alte Tradition, das besondere Produkt hat heute Fans aus aller Welt und war sogar schon im Weltraum. Und dann ist da noch eine Statue, bei deren Anblick sich wohl so manchem der Magen umdrehen dürfte.
Wenn der pensionierte Bio- und Chemielehrer Helmut Pöschel in dem kleinen Ort Würchwitz Gäste hat, dann kommen diese wegen eines ganz besonderen Produktes in den kleinen Ort. Sie sind auf der Jagd nach einem exklusiven und mitunter sehr teuren Käse, an dem sich sprichwörtlich die Geister scheiden dürften. Man liebt ihn, oder man ekelt sich vor ihm, wird er doch mithilfe von Käsemilben produziert. Milben, das sind mikroskopisch kleine Spinnentiere, die dem Milchprodukt seinen ganz eigenen Geschmack verleihen. Und wer dann das Milbenkäse-Museum und die Milbenkäse-Manufaktur besucht, kann Pöschels „Millionen Mitarbeiter“, wie er sie liebevoll nennt, auch bei der Arbeit beobachten.
Erkennt man eine Milbe mit bloßem Auge nicht, nimmt man auf dem ungewöhnlichen Käse aber durchaus die Krabbel-Bewegungen wahr, die die tatsächlich Millionen von Milben in Pöschels Manufaktur verursachen. Diese leben in alten Munitionskisten aus Holz bei 15 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit, diese Idealbedingungen überwacht der Meister per Smartphone. 250 Millionen Milben pro Kiste, die dann den Käse „verfeinern“. Doch wie das passiert, dürfte wohl nicht nach jedermanns Gusto sein. Es sind nämlich die Ausscheidungen und auch Abwehrsekrete der Tiere, die den Geschmack entscheidend prägen, der als fruchtig-zitronig beschrieben wird. Tatsächlich kommt dieser von dem Duft- und Aromastoff Neral, welcher in dem Sekret steckt und eine wesentliche Komponente des Zitronenöls ist.
Schon die Urgroßmutter machte Milbenkäse
Pöschels deutschlandweit einzigartiger Käse, der tatsächlich nur noch in Würchwitz produziert wird, ist das Überbleibsel einer mehr als 500 Jahre alten Tradition, die im Burgenlandkreis rund um die Stadt Altenburg einst sehr lebendig war. Wie man jedoch auf der offiziellen Seite des Milbenkäse-Museums nachlesen kann, fand dieser Brauch unter dem Regime der ehemaligen DDR ein jähes Ende. Per Lebensmittelgesetz wurden nämlich die Herstellung und der Vertrieb milbenbefallener Produkte verboten. Nur noch wenige Menschen produzierten danach den ungewöhnlichen Käse für den Eigenbedarf. Eine von ihnen war Pöschels Mutter, von der er nach der Wende, als die Verbote wieder fielen, den letzten Milbenkäse-Stamm übernahm.
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Auf telefonische TRAVELBOOK-Anfrage erinnert sich der sympathische Pöschel lachend: „Schon meine Urgroßmutter hat Milbenkäse produziert, bei uns war das ein Handwerk für die alten Frauen.“ Er selbst habe das Produkt dann erstmals 1970 im Zuge eines kulturellen Wettbewerbs unter Dörfern der Region hergestellt. Dabei sei er mitunter nur knapp Verhaftungen entgangen, da der Käse ja offiziell verboten war. „Gleich nach der Wende haben wir dann in Brüssel den Antrag gestellt, die Manufaktur wieder aufnehmen zu dürfen.“
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Käse im Weltraum
Seitdem produziert er in Würchwitz den Käse, den Feinschmecker aus ganz Deutschland mittlerweile schätzen. So war er schon in der TV-Show „Grill den Henssler“ zu verkosten, und auch ein Weimarer Hotel bietet ihn seinen Gästen an. Nicht genug damit, Pöschels Milbenkäse war sogar im Weltraum. 2003 schickte man ihn bei einer Promotion-Aktion zur Raumstation ISS. Am 1. April 2006 eröffnete Pöschel dann in Würchwitz sein Milbenkäse-Museum, in dem man seitdem Exponate rund um die Herstellung des deutschlandweit einzigartigen Produktes anschauen kann. Die Mutigen trauen sich dann auch in die Manufaktur, wo Pöschels Abermillionen Milben über seinen Käse krabbeln. Wer eine Packung davon kauft oder bestellt, hat darin immer noch 50.000 Milben garantiert.
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Nur 1000 Stück produziert Pöschel mit seinem Geschäftspartner, dem Theologen Christian Schmelzer, pro Jahr. Dementsprechend teuer ist dann auch der Würchwitzer Milbenkäse. Je nach Reifegrad kosten hundert Gramm zwischen neun und 100 Euro. Man bekommt ihn aber auch tatsächlich nur hier. Es ist der deutschlandweit einzige Betrieb, der den Käse überhaupt noch herstellen darf. Die Bedingungen dafür überwacht bis zu zweimal jährlich das Gesundheitsamt. Zudem schickt man auch selbst regelmäßig Proben in Lebensmittellabore. Und das bereits seit 1996. Genau wie das Milbenkäse-Museum ist auch die Manufaktur seit 2006 geöffnet. „Wenn die Milben in Hochform sind, riecht es hier nach Ammoniak wie im Pferdestall.“
Riesiger Andrang
Vor Andrang könne man sich mitunter trotzdem kaum retten: „Da kamen an manchen Tagen schon Reisebusse mit 80 Mann. Dafür sind unser Milbenkäse-Museum und die Manufaktur aber einfach zu klein. Wir haben auch gar nicht die entsprechenden Einrichtungen für einen solchen Andrang.“ Gruppen bis zu 25 Personen könne man problemlos betreuen. Da man so wenig Käse produziere, gebe es für die dann aber nur Koste-Häppchen. „Da kamen schon mal Gäste aus Sizilien und wollten die gesamte Produktion aufkaufen, aber das ist leider nicht machbar.“ Besucher kämen auch aus Russland, Japan und den USA. Dort sei der Milbenkäse übrigens immer noch verboten. „Den müssen die Leute dann schmuggeln, Trump hat Angst vor meinen Milben.“
Bereits 2001 setzte Pöschel der Käsemilbe und deren Andenken in Würchwitz das vielleicht ungewöhnlichste Denkmal Deutschlands. Wie in der „Mitteldeutschen Zeitung“ nachzulesen, fuhr er gemeinsam mit dem Bildhauer Christian Späte nach Italien. Dort kauften die beiden einen zehn Tonnen schweren Block feinsten weißen Carrara-Marmors. Aus diesem schuf Späte dann eine mehr als sieben Tonnen schwere Skulptur einer Milbe in Übergröße. Der etwas eklige Clou: An deren Hinterteil befindet sich ein Loch, und in diesem wiederum ein sehr intensiver Käse. Späte bezeichnete es gegenüber der Zeitung als „weltweit wohl … einziges Geruchsdenkmal“.
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Wer den Würchwitzer Milbenkäse nun einmal selbst kosten möchte, hat dazu auf Anfrage über die offizielle Website Gelegenheit. Das Milbenkäse-Museum und auch die Manufaktur haben keine festen Öffnungszeiten. Alternativ gibt es einen Online-Shop. Auf dem jedoch sind aktuell die drei verschiedenen Milbenkäse als „nicht verfügbar“ angezeigt. Übrigens sollte man laut Website die Milben unbedingt mitessen, wenn man sich denn traut, den Käse zu probieren. Auf der Website heißt es dazu: „Das fruchtige Bouquet des Milbenkäses entsteht weder durch die besondere Art der Herstellung, noch ist es im Käse selbst enthalten. Es entsteht einzig durchs Schneiden und Zerkauen der Delikatesse.“