1. September 2026, 12:48 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Rund um den Kurort Lychen erstreckt sich der Naturpark Uckermärkische Seen. Diesen kann man wunderbar vom Wasser aus mit einem Kajak erkunden und bewegt sich dabei durch eine sanfte Landschaft, die die letzte Eiszeit formte. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann hat sich vor Ort zwei Tage lang treiben lassen und berichtet von einer Paddeltour mit Amazonas-Feeling, Großstädter-müden Einheimischen und einer legendären Schlemmer-Orgie durch die Mark Brandenburg.
Das Erste, was wir vom Paradies sehen, ist eine Fata Morgana. Zumindest wirkt es ein wenig so. Denn der Wurlsee bei Lychen strahlt bei schönstem Sonnenschein in derart übernatürlichen Farben, dass man auch direkt in einem Tagtraum stehen könnte. Er ist nur einer von insgesamt etwa 230 Gewässern im Naturpark Uckermärkische Seen, und hier wollen ein guter alter Freund und ich eine zweitägige Tour mit Wanderkajaks beginnen. Das Wetter für unseren Start ist wie gemalt, nur ein paar träge Schäfchenwolken akzentuieren den ansonsten blauen Himmel. Zu unseren Füßen leuchtet der Wurlsee, als wäre sein Wasser aus flüssigem Smaragd. Ein erstes Bad, Ende August durchfährt den Körper beim Eintauchen schon eine leicht herbstliche Frische. Dann besteigen wir unsere Boote und paddeln los.
Lychen, das ist für mich schon seit Jahren ein traumhaftes Naherholungsziel für ein sorgloses Wochenende. Nur anderthalb Stunden von meiner Heimatstadt Berlin entfernt, von Hamburg etwa genauso lange. Bisher war ich hier allerdings meist wandern gegangen, denn einige der sieben Seen direkt um den Ort kann man auch zu Fuß umrunden. In jüngster Zeit habe ich aber immer mehr Freude am Wandern auf dem Wasser entdeckt. Und so stimmte ich begeistert zu, als mein Freund Lychen als Ausgangspunkt unserer Entdeckungstour im Naturpark Uckermärkische Seen vorschlug. Kajaks und Campingplatz waren bereits reserviert. Und so lenkte ich mein Auto denn auch erwartungsfroh in Richtung des nächsten Abenteuers in der Natur.
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Einer der saubersten deutschen Seen
Die ersten Paddelschläge, und das Gefühl, sich in einer Art wunderschönem Delirium zu befinden, nimmt, wenn überhaupt möglich, noch zu. Der Wurlsee ist mit bis zu 28 Metern der tiefste aller Seen rund um Lychen, und er ist auch ohne Zweifel der schönste. Einer der saubersten Seen Deutschlands, Trinkwasserqualität, und die bereits erwähnte, fast schon unnatürlich wirkende grün-blaue Farbe lässt unsere Herzen höher schlagen. Die Wolken spiegeln sich im glatten Wasser, ganze Felder von blühenden Seerosen, ein paar Enten, am Himmel manchmal der Schrei eines Raubvogels. Ansonsten völlige Stille über dem weiten, nachmittäglichen Land.
Über einen breiten, vollständig von Erlenbruchwald umwachsenen Kanal erreichen wir das nächste Gewässer rund um Lychen, den eher kleinen Nesselpfuhl. Um ihn reihen sich die schönen Häuser des bereits 1248 von Markgraf Johann I. als Handelsplatz gegründeten Ortes. 1899 erhielt der heute noch anerkannte Kurort einen mittlerweile nicht mehr vorhandenen Bahnanschluss, was ihn schon früh zu einem Sehnsuchtsziel der Berliner machte. Auch, weil sich hier ein Lungensanatorium befand, von dem nur noch die Ruinen stehen. Sicher ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis ein findiger Geschäftsmann mit sehr viel Geld es in ein weiteres Luxusresort verwandelt. Bis dahin wird Lychen hoffentlich der wunderbar einfache, ehrliche Ort bleiben, der er heute ist.
Expeditionsfahrt
Spreewald-Feeling, als der nächste enge Kanal uns in Richtung Oberpfuhl trägt. Hier paddelt man quasi durch die Vorgärten zahlreicher Menschen und sollte sich daher auch besonders respektvoll verhalten. Am Ufer blüht in zahlreichen Dolden schneeweiß die seltene Schwanenblume, und schon sind wir bei einem liebenswerten, skurrilen Hindernis. Denn um in den nächsten See zu gelangen, müssen wir unsere Kajaks unter einem Gebäude durch über eine Slipanlage ziehen. Ein bisschen ächzen, aber schnell treiben wir wieder, und uns empfängt der Oberpfuhl als bislang größter der erreichten Seen um Lychen. In ihrem Ortsschild trägt sie auch den Beinamen „Flößerstadt“ – ab 1720 spielte hier eine Zeit lang die gewerbliche Flößerei von Holz eine große Rolle. Heute lassen sich Touristen auf den Vehikeln über die Seen schippern.
In der Folge wird aus unserer gemütlichen Paddeltour eine Amazonas-Expedition. In einem dicht verzweigten Kanalnetz suchen wir die Zufahrt zum Großen Küstrinsee. Immer wieder umfahren wir ins Wasser gestürzte Baumriesen, müssen einmal sogar einer Schwanenfamilie mit fünf Jungtieren weichen. Sieben Kilometer legt der Küstriner Bach, auf dem wir nun fahren, zwischen dem Oberpfuhl in Lychen und dem Ort Küstrinchen zurück. Für uns gibt es jedoch aufgrund der Hindernisse im Wasser bald kein Weiterkommen mehr, und so paddeln wir langsam zurück. Ganz langsam, denn die Stille des Waldes, die uns umfängt, ist eine Wohltat für die Seele. Das Blätterdach zudem ein hervorragender Schutz, als eher unerwartet ein kurzer Platzregen über uns hereinbricht.
Nervige Großstädter
Wir paddeln nun noch einem kurzen Badestopp im Zenssee entgegen, von wo aus man das bereits erwähnte Sanatorium sehen kann. Dann treiben wir zurück in den Nesselpfuhl und steuern ein wunderbar gelegenes, namenloses Gartenrestaurant direkt am Wasser an. Nun gut, es hat natürlich einen Namen, nur möchten den die Betreiber auf Nachfrage nicht in den Medien lesen. Ohnehin gäbe es hier mitunter wegen der traumhaften Lage einen wahren Ansturm von Großstädtern, die nicht immer ganz einfach im Umgang seien. Wir bekommen neben den Bierchen zur Stärkung auch noch ein gutes Gespräch und setzen uns dann mit unseren Getränken auf einen schwimmenden Ponton mitten in einem Seerosenfeld. Mein Freund, der das Lokal von einem früheren Besuch kennt, versichert mir, die Küche dort sei ebenfalls ausgezeichnet.
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Für uns heißt es heute Abend aber standesgemäß Tütennudeln, auf dem Gaskocher zubereitet. Ein traumhafter Sonnenuntergang taucht das Land in archaische Primärfarben, als wir den Campingplatz am Wurlsee ansteuern, gelegen in einem lichten Kiefernwald. Nach dem Abendessen vernichten wir noch ein ganzes Arsenal an Süßigkeiten, dann sinke ich in den weichen Sand am Strand. An Schlaf ist aber leider nicht zu denken, denn eine Bande etwa zwölfjähriger Jungs betrachtet das Gelände scheinbar auch nach Mitternacht als ihren ganz persönlichen Abenteuerspielplatz. Dazu kommt noch ein Trupp von zumindest körperlich deutlich erwachseneren Kollegen, die an ihrer Uno-Runde in puncto Lautstärke gerne das gesamte Areal teilhaben lassen.
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Nach dem Paddeln ist vor dem Schlemmen
Nach gefühlten drei Minuten Schlaf wecken mich dann die ersten Frühaufsteher gegen sieben Uhr morgens. Ich folge ihrem Beispiel und nehme ein herrliches Bad, das sofort sämtliche Müdigkeit wegspült. Gegen 10 Uhr brechen wir wieder auf, denn wir wollen heute noch ein wenig Strecke machen. Über den Nesselpfuhl geht es in den Lychener Stadtsee und danach in den Großen Lychensee. Hier kommen wir jedoch nicht weit, weil uns ein orkanartiger Wind entgegenbläst, der auch die Wellen gefährlich hochpeitscht. Mit letzter Kraft in den Armen paddeln wir zum Strand des Freibades, dessen Imbiss uns trotz gähnender Leere ein paar schöne Bockwürste serviert. Rückenwind treibt uns ein letztes Mal zurück in den Wurlsee, wo wir unsere Boote beim exzellenten Verleih „Reiherhals“ wieder abgeben.
Ein letztes Bad, und dann brechen wir auf. Aber nicht in Richtung Heimat, sondern zu einer wahren Schlemmer-Orgie. Die führt uns zunächst einmal nach Lychen in die „Handwerksbäckerei“, wo zu Berliner Preisen sehr gutes Sauerteigbrot über die Ladentheken geht. Der Versuch, eine Filiale auch im Prenzlauer Berg aufzumachen, sei aber gerade gescheitert, erzählt uns ein trotzdem gut gelaunter Mitarbeiter bei unserem Einkauf. Jetzt noch ein leckerer Latte Macchiato zum Mitnehmen, und schon geht es weiter. Denn beim Blick auf unsere Karte hatte ich einen Freudenschrei ausgestoßen, als ich bemerkte, dass sich die „Ziegenkäserei Capriolenhof“ ganz in unserer Nähe befand. Deren Spezialitäten kaufe ich sonst in Berlin, jetzt würden wir direkt an die Quelle fahren.
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Schlemmer-Exzess
Über das offizielle Weihnachtsmann-Dorf Himmelpfort und Bredereiche juckelt der Wagen über Straßen, die mit Kopf- oder Backstein gepflastert sind. Auf den letzten fünf Kilometern ist die Strecke besonders malerisch, denn sie verläuft entlang der eher schmalen, sich windenden Havel auf einer unbefestigten Waldpiste. „Das ist ja hier wie im Auenland“, ruft mein Freund begeistert, während ich uns auf den Käse-Exzess zusteuere. Da es jedoch am Zielort keinerlei Netz gibt, ist auch Kartenzahlung nicht möglich, aber die letzten Bargeldreserven opfern wir gerne für die Schätze. Ich bekomme sogar aus einer Art Kühlschrank-Tresor den besonders alten, lange gereiften Käse, den ich so liebe.
Nun spüren wir auf der Straße schon wieder den Sog von Berlin, des Alltags, doch zwei exklusive Stopps haben wir noch auf unserer Liste. Zum einen ist das „Richard’s Wild“ in Dannenwalde, wo man eine Vielzahl an Wildspezialitäten auch auf die Hand mitnehmen kann. Für den kleinen Hunger empfehle ich unbedingt die Knacker oder die Buletten. Der Laden hat aber auch andere Besonderheiten wie Robinien-Essig und lokalen Honig. Unser letzter Halt führt uns nach Teschendorf, wegen der Fischbrötchenbude „Fischzauber“ auf jeder Reise Richtung Lychen ein Pflicht-Halt. Mein Freund bekommt dann sogar noch frische Pfifferlinge, und so endet ein weiteres Abenteuer in Brandenburg wie immer mit dem Wunsch, möglichst bald wiederzukommen.