13. November 2025, 14:05 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Jahrzehnte lang gab das sogenannte „Band der Löcher“ im Süden Perus Forschern Rätsel auf. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse zu der Ansammlung tausender systematisch angeordneter Gruben, die sich auf einem eineinhalb Kilometer langen Wall-Pfad durch die Anden ziehen.
Im südperuanischen Pisco-Tal werfen 5200 Löcher seit langer Zeit Fragen auf. Handelt es sich beim sogenannten „Band der Löcher“ oder auch „Lochstreifenband von Pisco“ am Monte Sierpe (Schlangenberg) um einstige Verteidigungsanlagen oder Gräber? Waren hier die Götter am Werk? Die Theorien und Mythen, die sich um das südamerikanische Bauwerk ranken, gehen in viele Richtungen. Jetzt will ein internationales Forscherteam des Rätsels Lösung nähergekommen sein. Das Team um den Archäologen Jacob L. Bongers von der University of Sydney und dem Anthropologen Christopher A. Kiahtipes von der University of South Florida veröffentlichte seine Ergebnisse kürzlich im Archäologie-Fachjournal „Antiquity“.
Übersicht
Wofür baute man das „Band der Löcher“?
Monte Sierpe ist ein 1,5 Kilometer langer, künstlich errichteter Erdwall in der Küstenwüste Südperus, rund 35 Kilometer von der Pazifikküste entfernt. Der Wall ist zwischen 14 und 22 Metern breit und fasziniert wegen seiner abschnittsweise in das Sediment gegrabenen Löcher. Diese haben Durchmesser zwischen einem und zwei Metern und sind zwischen 0,5 und einem Meter tief. Teilweise sind sie mit Steinmauern ausgekleidet, wie die Autoren schreiben. Die Stätte umfasse zudem eine „26 Hektar große Verteidigungssiedlung, die einen Kilometer östlich der Vertiefungen liegt“ und befinde sich am „Schnittpunkt eines Netzes präkolumbianischer Straßen (…), zwischen zwei Inka-Verwaltungszentren: Tambo Colorado und Lima La Vieja“.
Der Schlangenberg mit seinen tausenden, präzise angeordneten Löchern stammt „vermutlich mindestens aus der Spätintermediärzeit (1000–1400 n. Chr.) und wurde von den Inka (1400–1532 n. Chr.) weiter genutzt“, schreiben die Forschenden in ihrem Beitrag. Dank neuer Analysen von Drohnenbildern und Sedimentproben an der peruanischen Stätte, gelangten sie zu der Erkenntnis, „dass der Monte Sierpe als lokales, indigenes System für Buchhaltung und Tausch diente“, heißt es in dem Beitrag.
Monte Sierpe als Tauschmarkt
Wegen seiner strategischen Lage sei Monte Sierpe ein Ort gewesen, „an dem unterschiedliche Gemeinschaften und Güter zusammengeführt werden konnten“, schreiben die Forschenden. Die Grubenränder seien begehbar, zudem befände sich zwischen den einzelnen Abschnitten Lücken, so dass der Zugang gewährt war. Mikrobotanische Überreste deuteten zudem darauf hin, „dass die Gruben möglicherweise regelmäßig mit Pflanzenmaterial ausgekleidet und Waren darin deponiert wurden“, schreiben die Autoren. Diese seien dann mithilfe von geflochtenen Körben oder Bündeln transportiert worden.
„Wir gehen davon aus, dass die Stätte ursprünglich unter dem Chincha-Königreich als Tauschmarkt diente“, schreiben sie. Zwischen 1000 und 1400 n. Chr. standen das Pisco-Tal sowie die benachbarten Chincha-Täler unter der Kontrolle des wohlhabenden Königreichs. „Tauschmärkte finden sich in der gesamten vormodernen und nicht-westlichen Welt“, erklären die Autoren und ergänzen: „Dies sind Orte, an denen Waren direkt und ohne Geld getauscht werden.“ Das funktionierte mittels Äquivalenz- und Abrechnungseinheiten. Die Märkte seien jedoch weit mehr als nur Handelsplätze gewesen. Vielmehr habe sich dort das gesamte Spektrum des sozialen Miteinanders gezeigt, ebenso wie streng ritualisierte Verhaltensmuster.
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Inka-Ort der Buchhaltung
Mit der Zeit habe sich Monte Sierpe aller Wahrscheinlichkeit nach „zu einem Ort für den Empfang und die Verteilung von Tributen und anderen Gütern innerhalb des Inka-Reiches entwickelt“, heißt es in dem Beitrag. Die Inka übernahmen das Gebiet 1400 und kontrollierten es bis 1532, wonach es an die Spanier fiel, die hier während der Kolonialzeit Wein anbauten.
Die Forschenden vermuten, dass Monte Sierpe nach der Eingliederung in den Staat der Inka auch in „das Inka-System des Austauschs und der Tributerhebung integriert“ wurde und dabei als Buchhaltungsinstrument diente. Laut der Autoren hatten die Inka ein System namens Mit’a, bei dem die Gemeinschaften regelmäßig Arbeitsdienste oder Abgaben leisten mussten. In der Region rund um Monte Sierpe bedeutete das zum Beispiel, dass Teile der Erträge der dort bewirtschafteten Felder zunächst in Speicher eingelagert und später an andere Orte gebracht wurden. Die einzelnen Gemeinschaften erfasst man dabei systematisch. Um die verschiedenen Daten wie etwa Einwohnerzahlen, Abgaben oder Inventar zu erfassen, nutzten die Inka komplexe geknotete Schnüre, sogenannte Khipus. Monte Sierpe könnte demnach dem Zählen und Sortieren verschiedener Waren gedient haben.
Laut dem Fachzeitschriftenbeitrag ist „die segmentierte und regelmäßige Anordnung der Löcher in Monte Sierpe“ denen eines komplexen Khipus ähnlich, der in der Nähe Piscos ausgegraben wurde. Dieser weise „ein komplexes Geflecht arithmetischer Zusammenhänge auf“, das darauf hindeute, dass es sich hierbei tatsächlich um ein Zeugnis der Buchhaltungsvorgänge der Inka handele. Die Forscher glauben, dass diese auch Monte Sierpe geprägt haben dürfte.
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Forschungen nicht abgeschlossen
Monte Sierpe beschäftigt Forschende seit Langem. So veröffentlichte etwa die National Geographic Society bereits 1933 Luftaufnahmen des sogenannten „Lochbandes“. Abgeschlossen sind die Forschungen zum „Band der Löcher“ dank der neuesten Erkenntnisse jedoch noch längst nicht. Vielmehr dienen sie laut des „Antiquity“-Beitrags als Grundlage zukünftiger Forschungen. Geplant sind unter anderem Testgrabungen, zusätzliche Radiokohlenstoffdatierungen, Sedimentanalysen und Untersuchungen weiterer lokaler Khipus. Die fortlaufenden Forschungen seien von entscheidender Bedeutung, auch „um den pseudoarchäologischen Narrativen entgegenzutreten, die das lokale Erbe weiterhin umgeben“, erklären die Forschenden.

