16. August 2026, 16:10 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Bei seiner letzten Wanderreise in den Harz schien unser Autor vom Wetter-Pech wie verfolgt. Während der Eisheiligen im Mai zeigte sich die Natur wirklich von ihrer rauesten Seite. Dauernder Regen, Temperaturen im untersten einstelligen Bereich und sogar ein Schneesturm gehörten zu einem Repertoire, das wohl viele hätte verzweifeln oder gar abbrechen lassen. Robin Hartmann dagegen lernte irgendwann, mit den Bedingungen umzugehen, und erlebte letztlich eine der schönsten Reisen der letzten Jahre. Ein Plädoyer für das Unterwegssein unter allen Umständen.
Es gibt wohl wenig, was der Reisende, in hoffnungsvoller Vorfreude auf einen Urlaub in der Natur, insgeheim so sehr fürchtet wie schlechtes Wetter. Wer hätte schon Lust, sich bei Regen nass und durchgefroren durch eine Gegend zu kämpfen, die man nur unter dem Rand der Kapuze wahrnehmen könnte? Bei Nebel durch eigentlich wunderschöne Landschaften zu stapfen und absolut nichts zu sehen? Insofern war ich durchaus guten Mutes, als ich kürzlich, Mitte Mai 2026, zu einer fünftägigen Wanderung mit meinem Hund aufbrach. Draußen schlafen, den ganzen Tag laufen, schöne Orte entdecken, so hatte ich mir das vorgestellt. Nun, die Natur im Harz machte mir da einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Und dennoch wurde es letztlich eine der schönsten Reisen der vergangenen Jahre.
Wenn Sie schon einmal bei einer Außentemperatur von zwei Grad auf 500 Höhenmetern in Ihrem Auto einen Schneesturm ausgesessen haben, dann wissen Sie: Es gibt Angenehmeres. Und das war nur eine der Wetterkapriolen, die mir meine Reise in den Harz bescherte. Viel zermürbender war der Regen, der die vollen fünf Tage lang einfach nicht aufhören wollte. Mal nieselte es, mal schüttete es so heftig, dass die Wege sich in Matschpisten verwandelten. Dunkle Wolken türmten sich zu drohenden Gebirgen auf, jederzeit bereit, einen neuen Schauer auf mich zu entladen. Ab und zu kämpfte sich dazwischen mal die Sonne raus, und wann immer das passierte, schnürte ich die Wanderstiefel und machte mich auf den Weg. Denn irgendwann musste ich einsehen: Dem Wetter würde ich nicht entkommen, aber ich konnte das Beste daraus machen.
Ein anderes Mindset
Und sobald ich mein Mindset dahingehend geändert hatte, veränderte sich auch die ganze Reise. Aus ein paar Tagen, die ich wohl früher noch als Katastrophe abgeschrieben hätte, wurde eine unvergessliche Zeit voller schöner Erlebnisse. Was mir sehr dabei half, auch den Regen und das schlechte Wetter im Allgemeinen zu genießen, waren kulinarische Genüsse. Ich beschloss, die geplanten Wanderungen etwas zu kürzen und stattdessen eine Schlemmertour durch die altehrwürdigen Gasthöfe im Harz zu veranstalten. Dabei waren Häuser, die ich bereits kannte, und welche, die ich schon immer einmal hatte ausprobieren wollen. Und auch wahre Oasen, die ich durch Zufall oder Glück entdeckte.
Allen voran ist bei letzteren Orten das „Hufhaus“ zu nennen, auf gut 500 Metern Höhe oberhalb des Ortes Ilfeld. Ein Einheimischer hatte mir bei einem Stopp im „Ratskeller“ von Neustadt davon erzählt. Dort genoss ich eine hervorragende Wildsülze mit Bratkartoffeln. In der Gemächlichkeit eines verregneten Montagmittags kam man ins Gespräch, und ich wurde sehr neugierig auf das „Hufhaus“. Existent seit mehr als 300 Jahren, war es zunächst ein gräfliches Gestüt, dann eine Försterei und schließlich ein DDR-Betriebserholungsheim. Seit 1991 nun ist es ein Restaurant, und zwar ein äußerst skurriles. Der alte Ostcharme lockt Gäste in Busladungen an, die unfassbar niedrigen Preise tun ihr Übriges dazu. Die Gaststätte wurde so für zwei Tage mein Basislager.
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Busladungen voll Rentner
Über einen Waldweg war ich mit dem Auto hochgerumpelt. Tatsächlich waren noch andere Gäste da, und ich bekam trotz vorgerückter Stunde ein herrliches Abendessen. Über die Boxen schmachteten Schlager von der ewigen Liebe, ein Bollerofen verströmte behagliche Wärme, der ganze Ort wirkte einfach wie eine Fata Morgana. Zum Glück aber war er immer noch da, als ich am nächsten Morgen in meinem Wagen bei eingangs erwähntem Schneesturm aufwachte. Bereits ab 8 Uhr früh geöffnet, wärmte ich mich also mit ein paar Tassen Tee, mein Rührei servierte man mir in einer gusseisernen Pfanne. Jeder, der sich schon einmal mit kulinarischen Genüssen getröstet hat, weiß, wie viel Energie das freisetzen kann.
Die verspürte ich dann auch und brach in dem Wissen, mittags hier wieder einzukehren, zu einer mehrstündigen Wanderung auf. Müßig zu sagen, dass der Regen mich nicht nur erwischte, sondern vollkommen durchtränkte. Der Hund nutzte jede Gelegenheit, sich unter Bäumen kurz unterzustellen. Und dennoch war ich bester Laune, weil ich wusste, dass ich mich im „Hufhaus“ wiederum würde aufwärmen und stärken können. Während die Regenklamotten trockneten, freute ich mich an einer riesigen Truppe Rentner, die das Lokal in meiner Abwesenheit überfallen hatten. Die Küche und Bedienung arbeiteten dementsprechend unter Hochdruck, und dennoch bekam ich mein Essen nach kürzester Zeit absolut frisch serviert.
Befreiung für den Geist
So entstand schließlich mein Gedanke, mich von dem Regen und dem schlechten Wetter nicht unterkriegen zu lassen. Und stattdessen meine Reise eben etwas anders zu gestalten als geplant. Ich bin in Bezug auf einmal gefasste Vorhaben sonst eher ziemlich unflexibel. Habe ich mir etwas in den Kopf gesetzt, möchte ich es auch genauso durchziehen. Abweichungen vom Plan, der ja nur in meinem eigenen Kopf existiert, machen mir schlechte Laune. Insofern war es eine unglaubliche Befreiung für den Geist, so anpassungsfähig auf die suboptimale Ausgangssituation reagieren zu können. Es ist eine Lektion, die ich nun hoffentlich endgültig gelernt habe. Und die mir hoffentlich auch im Alltag in Zukunft wird dienlich sein können.
Der neue Schlachtplan umfasste auch, aus der vorgehabten Wanderreise einen Roadtrip zu machen. Statt in Schutzhütten draußen würde ich im Auto schlafen, was auch dem Hund sehr gut gefiel. Die eine Nacht, die wir im Freien verbracht hatten, war für ihn viel zu aufregend und stressig gewesen. Im Auto würde er sein weiches Kissen haben und in Ruhe schlafen können. Ich erinnerte mich früherer Reisen auf die Azoren und Island, bei denen das Auto (eher aus Kostengründen) schon einmal für mehrere Tage mein Zuhause gewesen war. Und plötzlich konnte ich das Ganze nicht als Niederlage gegen Regen und Wetter, sondern als Abenteuer betrachten. Ich würde die schönsten Orte im Harz sehen, dank dem Vehikel dort relativ schnell hinkommen, und obendrein noch (relativ) trocken bleiben.
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Das Entdecker-Gefühl
Nun macht das Autofahren im Harz trotzdem nicht ganz so viel Spaß wie das Wandern, aber viele Routen sind richtiggehend spektakulär. Wie Aale winden sich die schmalen Straßen, auf denen unfassbarerweise überall Tempo 100 erlaubt ist, durch die hügelige Landschaft, passieren wie zufällig hineingestreute kleine Ortschaften. Tiefe Wälder weichen weiten Rapsfeldern, in höheren Lagen sind die Weitblicke oft erhebend. So verbrachte ich eine Nacht auf einem Parkplatz nahe dem Ort Tanne, mit Sicht auf drei markante Berge im Harz am endlos breiten Horizont: Achtermannshöhe, Wurmberg und Brocken. Der Abendhimmel brannte ein wahres Feuerwerk an Primärfarben ab, und ich fühlte mich wie ein Entdecker.
In Tanne war es auch, dass ich meine kulinarischen Genüsse nochmal deutlich steigerte. Denn hier kann man in der Gaststätte „Brockenbauer“ etwas sehr Exklusives verkosten. Das Fleisch vom Harzer Roten Höhenvieh, einer in den 1980er Jahren eigentlich bereits ausgestorbenen Rinderrasse. Dank geschickter Zucht gibt es heute wieder etwa 1000 Mutterkühe, und so kam ich in den Genuss dieser Spezialität. Schon ewig hatte ein Besuch in dem Steakhaus auf meiner Harz-Wunschliste gestanden. Jetzt trieben mich nicht zuletzt apokalyptische Fronten aus Regen und Hagel herein. Das Fleisch war auf den Punkt genau zubereitet, flankiert von einem absoluten Mount Everest an Kartoffelspalten. Anschließend kaufte ich dann im Hofladen noch ein.
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Relikte aus einer anderen Zeit
Es gibt wohl wenig, das ich so sehr genieße wie gutes Essen. Im Alltag ansonsten eher sparsam – als Freiberufler nicht immer freiwillig – habe ich bei kulinarischen Genüssen kaum eine preisliche Hemmschwelle. Ein alter Freund hat mir einst die wichtige Lektion beigebracht, beim Essen einfach nicht zu geizen, und dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Und so ging die Fahrt anschließend weiter in den tatsächlich so benannten Ort Elend, wo das nächste Highlight auf mich wartete. Eine Fahrt mit der Harzer Schmalspurbahn, mit einer dampfbetriebenen Lokomotive. Der Zug und seine kleinen Waggons wirken wie Relikte aus einer längst vergangenen Zeit. Besucher können während der Fahrt draußen auf den Plattformen stehen und filmen, wie man gemächlich durchs Land juckelt.
Meinen Haltewunsch Sophienhof musste ich der Schaffnerin extra ansagen, weil dort anscheinend selten jemand aus- oder zusteigt. Ich jedoch war nun zu Fuß unterwegs in den 60-Seelen-Ort, zu einem meiner liebsten Zuflüchte im Harz. Während der Regen mal wieder alles ertränkte, betrat ich die Gaststätte der „Ziegenalm“, wärmte mich bei einem Milchkaffee, an den lodernden Lehmofen gelehnt. Wie der Name bereits vermuten lässt, gibt es hier diverse hausgemachte Produkte aus Ziegenmilch, zum Beispiel hervorragenden Käse. Das spezielle Ziegen-Eis lässt nicht nur die Herzen kleiner Wanderer höher schlagen. Fast bei jedem Besuch im Harz kehre ich mittlerweile hier ein.
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Wandel als Konstante
Es ist auch die Kontinuität und ihre Wichtigkeit, die mir auf meiner Reise Kraft gab. Während in Berlin zahllose Dinge sich schon verändern, wenn man nur einmal kurz blinzelt, bleiben sie hier so, wie sie sind, geben damit dem Leben eine tiefere Bedeutung. Ja, auf solche Gedanken kommt man tatsächlich mitunter, wenn man bei Regen philosophiert. Natürlich, Wandel ist mehr oder weniger die einzige Konstante im Leben. Aber es tut gut, wenn man einmal selbst darüber bestimmen kann, wie schnell sich dieser vollziehen darf. Es sind solche Orte, die mir in meiner Existenz auf der ständigen Suche nach dem „Höher, schneller, weiter“ einen Sinn geben.
Zum Abschluss vielleicht noch ein kleiner Ausflug in die Etymologie aus meinem liebsten Reisebericht „Blue Highways“, der ebenfalls von einem Roadtrip handelt. Das lateinische Wort „educare“ übersetzt man heute mit „ausbilden“, aber dem Wortsinn nach bedeutet es auch so viel wie „herausführen“. Wer eine Reise unternimmt, bildet sich, indem er sich selbst herausführt. Das Reisen macht uns zu verständigeren, aufgeklärteren, toleranteren Menschen. Mitunter kann man sogar lernen, sich selbst gegenüber diese Eigenschaften zu aktivieren. Über den Tellerrand der eigenen Gedankenkorsette hinauszuschauen. Alles, was es dazu braucht, ist ein erster Schritt. Und mitunter auch sehr viel Regen.