4. Januar 2026, 6:53 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Im Schatten des Sagen-Berges Brocken liegt im Harzer Okertal der märchenhafte Ort Altenau. Ein Paradies für Wanderfreunde und Erholungssuchende gleichermaßen, findet man hier eine Kleinstadt inmitten schönster Natur. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann zog es dieses Jahr gleich mehrfach nach Altenau. Dabei badete er in Heilwasser, trainierte zur Probe bei einem 500 Jahre alten Verein, besuchte einen echten Weltrekordhalter – und begegnete Spuren des vielleicht ersten deutschen Influencers.
An einem Morgen Ende September, nach neun Tagen bestem Sonnenschein und einer mehr als 200 Kilometer langen Wanderung, taucht endlich hinter dem nächsten Hügel wie eine Fata Morgana das gelobte Land vor meinen Augen auf. Denn unten im Tal liegt der wunderschöne Ort Altenau. Mein Ziel im Geiste schon, als ich gefühlt in einem anderen Leben, meine neueste Abenteuer-Tour antrat, die mich durch eine wunderbare Landschaft im Süden des Harz geführt hatte. Doch nun bin ich am Ziel, wieder hier, nachdem ich Ende Mai Altenau schon einmal – und leider viel zu kurz – kennenlernen durfte. Drei Nächte gönne ich mir dieses Mal. Und so viel sei vorab bereits verraten: Auch die vergehen in dem Märchen-Ort im Okertal wie im Flug.
1298 das erste Mal urkundlich erwähnt, hat sich hier in mehr als siebenhundert Jahren Geschichte inmitten schönster Natur ein ehemaliger Bergarbeiterort zu einem Wander- und Erholungsparadies für Ruhesuchende entwickelt. Action und Spektakel sucht man (zum Glück) vergeblich, das Leben plätschert genauso gemütlich dahin wie die insgesamt sieben Flüsse und Bäche, die Altenau durchziehen. Die Kleinstadt, eigentlich ein Ortsteil des benachbarten Clausthal-Zellerfeld, braucht keine lauten, großen und teuren Attraktionen, um Besucher zu bezaubern. Was der Mensch mit offenen Augen und offenem Herzen hier findet, ist dennoch erstaunlich: einen gesunden, fast schon blühenden Flecken, wie man ihn im immerhin drei Bundesländer umfassenden Harz sonst vergeblich sucht.
Fleischer und Heilwasser
Es sind die kleinen Entdeckungen, an denen sich dieses Gefühl festmacht. Während ich zum Beispiel selbst in meiner Heimatstadt Berlin lange fahren muss, um einen guten Fleischer zu finden, gibt es davon in Altenau gleich zwei auf derselben Straße. Baumann, seit 1820 in Familienbesitz, und Sievert. Beide verkaufen hausgemachte Köstlichkeiten im Übermaß. Besonders die Wildspezialitäten sollte man sich als Gourmet nicht entgehen lassen. Bei einem Besuch trinkt man dann vielleicht noch einen Kaffee und bekommt kostenlos den neusten Dorfklatsch mit. Meine Bankkarte glühte auf jeden Fall geradezu, und am Ende war mein Rucksack dann noch einmal um einige Kilo schwerer.
Besonders nach langen Wanderungen kennen müde Füße vermutlich aber in Altenau erstmal nur ein Ziel: die Kristall-Therme „Heißer Brocken“. In mehreren Schwimmbecken und Saunen lässt es sich hier auch den ganzen Tag wunderbar entspannen. Besonders toll ist der „Hexenzuber“, in dem man in 36 Grad warmem, heilsamem Sole-Thermalwasser badet. Dieses fördert die Durchblutung der Gelenke und der inneren Organe, seine Heilwirkung ist tatsächlich belegt und auch staatlich zertifiziert.
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Der Nikolaus als Gastgeber
Sensationell sind zum Teil auch die Aufgüsse in der Sauna, die mit etwas Glück für die Gäste zu einer wahren Show werden. Bei meinem Besuch wirbelte ein Sauna-Meister sein Handtuch so virtuos herum, als würde er mit ihm tanzen. Ein wenig erinnerte mich die Darbietung, man kann es nicht anders nennen, auch an einen Pizzabäcker, der elegant einen Teig bearbeitet. Originell ist die Dampfsauna, die sich in einem nachgebauten Bergwerks-Stollen befindet. So vergeht dann auch ein ganzer Tag, und ich mache mich bis in die Zehenspitzen entspannt auf zu meiner Unterkunft, dem Hotel „Engel“ im Dorfkern von Altenau.
Geführt von einem sympathischen niederländischen Paar, sind die Zimmer hier groß und sauber, das Haus selbst ist zudem trotz guter Buchung überaus ruhig. Der Herbergsvater sieht ein wenig aus wie der Nikolaus und trägt morgens zum Frühstücks-Buffet eine Schürze mit der Aufschrift: „Bei Papa schmeckt’s am besten“. Kann man so stehen lassen, das Angebot ist reichhaltig und lecker.
Ein echter Weltrekordhalter
Ich habe heute ein anderes Ziel, und zwar einen waschechten Rekordhalter: In Altenau befindet sich nämlich laut einer Werbetafel der größte botanische Garten für Kräuter auf der ganzen Welt. Auf einer Fläche von etwa 36.000 Quadratmetern oder vier Fußballfeldern findet man hier Hunderte von verschiedenen Kräutern aus der ganzen Welt. Die Idee zu dem besonderen Park kam seinem Gründer auf diversen Weltreisen, wie mir Angestellte verraten. Beim Betreten empfängt den Besucher eine gepflegte, von einem künstlichen Wasserfall durchzogene Anlage, in der sich laut einem Schild auch 20 Schmetterlingsarten wohlfühlen. Auf Schritt und Tritt Ruhe, denn trotz der Eintrittspreise von nur fünf Euro pro Erwachsenem ist die Anlage quasi verwaist.
In einem Pavillon im asiatischen Stil klärt eine kleine Ausstellung über die Geschichte der Gewürze auf, die aus den vielen im Park vorkommenden Kräutern gewonnen werden. Wirklich erstaunlich aber ist der Souvenirshop, wo man 640 verschiedene Kräutermischungen finden kann. Drei Mitarbeiter des Parks stellen diese selbst und in Handarbeit mit aus der ganzen Welt importierten Gewürzen zusammen. Ich habe alleine 91 verschiedene Curry-Varianten gezählt, und natürlich auch hier am Ende kräftig geshoppt. Das Chili-con-Carne-Gewürz und das Bratkartoffelgewürz konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen, aber hier findet garantiert jeder etwas für den eigenen Geschmack.
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Ort der Traditionen
Nun hätte ich gerne noch eine Führung in der Altenauer Brauerei mitgemacht, existent seit 1617 und die letzte verbliebene ihrer Art im gesamten Oberharz. Das alkoholfreie Bier kann ich aus mehrfacher Erfahrung jedenfalls empfehlen, aber leider gab es während meines Aufenthaltes keine Tour. Stattdessen reise ich noch weiter in die Geschichte zurück und begebe mich zum Gast-Schießen des 500 Jahre alten Schützenvereins von Altenau. 1525 gegründet, ist dieser sogar älter als der Ort selbst. Auf der modernen Anlage bin ich auch als Neuling sofort per Du und werde herzlich gegrüßt. Junge und ältere Mitglieder des Vereins sind bereits im Clubraum versammelt, Schwarz-Weiß-Bilder und Pokale künden von vergangenen Zeiten und Triumphen.
Ich werde dann auch gleich auf den Schießstand geführt und erhalte mein Luftgewehr. Mit viereinhalb Kilo Gewicht ist dieses für mich als Laie ziemlich schwer, und wird bei meinen insgesamt 25 Schuss auch immer schwerer. Fünf Probeschüsse darf ich abgeben, danach geht es in die Wertung. Alle meine Treffer werden ganz modern per Tablet angezeigt. Und auch im Clubraum können alle anderen über einen Fernseher mitverfolgen, wie ich mich mache. Es fällt mir sehr schwer, mich durch die kleine Blende überhaupt auf die Zielscheibe zu fokussieren, und doch landen meine Schüsse alle irgendwie. Bei einem besonders gelungenen lacht mein Schießlehrer, der mich die ganze Zeit berät. Das Tablet zeigt einen Treffer im innersten Ring und die Farbe Rot. „Rot heißt tot“, sagt mein Mentor, und irgendwie fühle ich mich stolz.
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Der erste deutsche Influencer
Ein paar Mitglieder klären mich dann noch auf über die Geschichte des Vereins. „Das Wort Schütze kommt ja von Schutz“, sagt einer. Und genau das sei die Aufgabe der Männer von Altenau seit 1525 gewesen. Unter anderem habe man die Kaiser im nahen Goslar und andere Adelige beschützt, natürlich aber auch das Land und seine Schätze selbst. Heute sehe man sich einerseits als Sportverein, aber auch als Bewahrer einer Tradition und des immateriellen Unesco-Welterbes, das die Harzer Schützenvereine offiziell anerkennt. Falls Sie es bei einem Besuch in Altenau selbst einmal ausprobieren möchten: Das Gast-Schießen findet immer mittwochs ab 18 Uhr im Gebäude der Kurpark-Verwaltung statt, in dem sich auch die Touristeninformation des Ortes befindet.
Altenau ist vielleicht auch deshalb heute noch ein bei Touristen so beliebter Ort, weil hier schon der erste deutsche Influencer Station machte. Nachweislich übernachtete Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe in der Nacht vom 9. auf den 10. Dezember 1777 im alten Rathaus (heute Goethehaus), bevor er etwas für damalige Verhältnisse absolut abenteuerliches unternahm. Nämlich die Besteigung des Sagen-Berges Brocken im Winter. Ein Wagnis, das vor ihm so noch niemandem gelungen war. Dafür ritt er zunächst von Altenau ins nahe Torfhaus und machte sich sodann mit seinem Führer, dem Förster Degen, an die letztlich erfolgreiche Bezwingung des Brocken. An seine Freundin Charlotte von Stein schrieb er danach: „Nun trete ich vor die Tür hinaus, da liegt der Brocken im hohen, herrlichen Mondschein, vor mir, ich war oben heut.“
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„Take me down to the Paradise City“
Ein weiterer Grund, warum es sich in Altenau durchaus mehrere Tage aushalten lässt, ist das hervorragende kulinarische Angebot. Dieses reicht von deftiger Erbsensuppe im Imbiss „Zur Rast“ bis hin zu gehobener Küche, wie man sie zu sehr fairen Preisen im „Klippen-Grill“ bekommt. Durch die offene Küche kann man dabei zusehen, wie die Köstlichkeiten zubereitet werden. Besonders die Wildgerichte sind empfehlenswert, und hinterher vielleicht noch ein leckerer Bratapfel. Sehr stilvoll speist man unter holzgetäfelten Decken im „Landhotel Alte Aue“. Hier kann ich aus bester Erfahrung die Käsespätzle empfehlen.
Meine letzte Station in Altenau führte mich dann, einfach aus Neugier, in die Kneipe „Altes Backhaus“. Trinken ist ja immer auch eine Sozialstudie, und obwohl ich seit Jahren völlig auf Alkohol verzichte, faszinieren mich die Charaktere immer noch, die von einer Bar angezogen werden. Ein solcher sitzt denn auch gleich neben mir und erzählt ungefragt, dass er nun bald endlich wieder ein halbes Jahr nach Thailand abhaut. An der Decke hängt noch die Halloween-Dekoration vom letzten Jahr, durch den dichten Zigarettenrauch kann man kaum etwas sehen. Ein Radio dudelt leise im Hintergrund, irgendwann leiert Axl Rose sein unsterbliches „Take me down to the Paradise City“. „Nimm mich mit in die Paradies-Stadt“, denke ich schmunzelnd. Denn ich bin ja schon da, noch eine weitere Nacht, in Altenau.