Entspannter City-Trip

Warum Manchester genauso sehenswert ist wie London

Manchester
Manchesters Wahrzeichen sind seine vielen Kanäle
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Es muss nicht immer London sein: Bei einer Städtereise nach Manchester kann man genauso viel entdecken – und das ganz ohne Hektik. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann hat sich in die Stadt verliebt und sagt, was es hier zu sehen gibt.

Wer eine Reise nach England plant, für den steht höchstwahrscheinlich erst einmal ein Besuch in London auf Platz Eins der Wunschliste. Und wenn es um sehenswerte Städte geht, fragen sich vielleicht einige: London – und was kommt danach? Nun, wie wäre es mit einer der geschichtsträchtigsten Städte in England überhaupt, die in vielerlei Hinsicht genauso interessant ist, aber dennoch viel weniger überlaufen? Willkommen in Manchester, der vielleicht entspanntesten Großstadt Europas.

Schon auf der Fahrt vom Flughafen ins Stadtzentrum merkt man, dass Manchester eine Stadt ist, die ihre Vergangenheit nicht (überall) hinter Glasfassaden und schicken Bürotürmen zu verstecken versucht – Manchester war und ist eine Arbeiterstadt, nicht weniger als die erste industrialisierte Metropole der Welt, aufgrund ihrer im 19. Jahrhundert landesweit dominierenden Textil-Fabriken auch „Cottonopolis“ genannt, in Anlehnung an die Baumwolle, die hier damals massenhaft und in höchster Qualität verarbeitet wurde.

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Die schönsten Spaziergänge in Manchester führen entlang der vielen Kanäle
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Der Glanz der alten Zeiten

Wo früher Waren verschifft wurden, kann man heute über bemoostes Kopfsteinpflaster und vorbei an mächtigen Schleusen spazieren gehen, wobei einem wahrscheinlich mehr Gänse als Menschen begegnen werden – doch auch die Clubszene von Manchester hat sich am Wasser angesiedelt, viele Pubs und Restaurants haben eine Sonnenterrasse mit Kanal-Blick. Zahlreiche Bewohner Manchesters haben sich sogar für ein Leben auf dem Wasser entschieden, so wird man auf einer Tour durch die Stadt viele der liebevoll handbemalten Hausboote vor Anker liegen sehen. Doch natürlich findet man auch das neue, schicke Manchester rund um die Kanäle, so entstehen aktuell überall am Wasser teure Neubauten, entspannen junge Leute auf Promenaden, die längst auf Hochglanz getrimmt sind.

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Das Northern Quarter ist das Künstlerviertel von Manchester
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Hippe Szeneviertel

Ein erster Anlaufpunkt für eine Tagestour ist das Northern Quarter: Hier reiht sich eine bunte Fensterfront an die nächste, hipper Plattenladen trifft Tattoo-Studio trifft veganes Restaurant, wo einst Industrie-Schlote rauchten, juckeln heute E-Busse fast lautlos durch die Gegend. Die Straßennamen sind mit Mosaiksteinen gelegt, den Kontrast bilden beeindruckende Wandbilder und Graffitis gleichermaßen, ein Hauch von Berlin-Kreuzberg, der Geruch sowieso. Laut der Seite „Time Out“ locken diese und auch andere Locations überall in der Stadt auch immer öfter Hollywood, so war Manchester bei Dreharbeiten bereits mehrfach das „Double“ für New York. Nehmen Sie sich hier ein paar Stunden Zeit, denn viele Läden sind wirklich herrlich skurril und verkaufen alle Arten von absurden Souvenirs, Vintage-Kram und Memorabilien.

Bunt wird es auch bei einem Besuch in Manchesters „Gay Village“ nahe der Canal Street, wo sich die LGBT-Szene in schicken Bars trifft, Regenbogenfahnen und -farben an jedem Haus sorgen selbst bei typisch englischem Wetter für gute Laune. Und wenn man schon mal hier ist, lohnt ein kurzer Abstecher in das kleine China-Town, wo man asiatisch essen und einkaufen kann, die roten Lampions in den Bäumen weisen den Weg. Auf dem Shambles Square schließlich findet man einige der ältesten Gebäude in der Stadt, darunter auch den immer gut besuchten Pub „The Old Wellington“.

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Auf dem Shambles Square stehen einige der ältesten Gebäude der Stadt – rechts im Bild der Pub „The Old Wellington“
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Pubs, Clubs und deutsches Bier

Wenn es um einen gepflegten Start in das Nachtleben der Stadt geht, lohnt sich ein Abstecher zu der hippen Bar „The Knott“, und zwar wegen der teilweise durchaus erstaunlichen Craft Beer-Kreationen: Bei der Marke „Death by Caribbean Chocolate Cake“ beispielsweise könnte man schwören, den Schokoladenkuchen und in Rum getränkte Rosinen im Abgang zu schmecken. Für den heimatverbundenen Trinker gibt es aber auch ein paar deutsche Sorten, unter anderem das nach geräuchertem Schinken schmeckende „Schlenkerla“ aus Bamberg. Zugegeben, bei den Preisen wird man allerdings ein paar Bier brauchen, um den Schmerz im Portemonnaie nicht mehr zu fühlen.

Das nur unweit entfernte „Rain“ ist dann Pub und Restaurant zugleich, die hiesigen Fish&Chips kann man sich durchaus mal schmecken lassen, wobei die beliebte Jukebox mit einer schier unglaublichen Auswahl an Songs für beste (und absolut ohrenbetäubende) Unterhaltung sorgt – ich musste etwa eine halbe Stunde warten, bis der von mir gewünschte Johnny-Cash-Song gespielt wurde. Wer an einem Samstag unterwegs ist, kann die Nacht anschließend im „The Thirsty Scholar“ zumindest ansatzweise zum Tag machen – der Pub/Club liegt spektakulär unter einer riesigen Backstein-Brücke, und der lokale DJ „Martin The Mod“ spielt jeweils samstags unter den wildesten Verrenkungen und Tanz-Moves ganz groß auf. Für deutsche Besucher gewöhnungsbedürftig sind allerdings die Sperrstunden, die fast alle Lokalitäten zwingen, spätestens um 2 Uhr nachts zu schließen.

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Museen für jeden Geschmack

Und natürlich hat die erste Industriestadt Englands auch viel Geschichte zu bieten, die man unter anderem in der „Chetham’s Library“ findet, der ältesten Bibliothek der Stadt. Hier arbeiteten 1845 die beiden kommunistischen Vordenker Karl Marx und Friedrich Engels, die beide in England lebten, eine zeitlang gemeinsam, ihr Schreibtisch ist heute neben den unzähligen alten Büchern eine der Sehenswürdigkeiten des Hauses. Antike und alte Bücher von unschätzbarem Wert, unter anderem Manuskripte des epochalen orientalischen Arztes Avicenna (bzw. Ibn Sina), gibt es in der „John Rylands Library“ zu bestaunen.

Die unglaubliche Sammlung wurde von der Witwe eines reichen Industriellen zusammengetragen und umfasst mehr als eine Million Bücher, die in einem wahrhaft opulenten gotischen Bau, der mit seinen hohen Decken an eine Kirche erinnert, aufbewahrt werden. Weltlicher wird es im „National Football Museum“, in dem man Devotionalien aus vielen Jahrzehnten des Sports bestaunen und auch selbst in zahlreichen Spielen aktiv werden kann. Um zu verstehen, wie fußballverrückt die Engländer wirklich sind, muss man wissen, dass das Gebäude sechs Stockwerke hat. Toll für Einheimische wie Besucher: Museumsbesuche sind in Manchester kostenlos.

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Da tritt selbst ein Royal gerne mal gegen den Ball: Prinz William während eines Besuchs 2016. Herzogin Kate guckt lieber zu.
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Dasselbe gilt übrigens für die Buslinien 1,2 und 3, die unter anderem ab „Picadilly Station“ fahren und Besucher an viele sehenswerte Orte der Stadt bringen – im Bus hört man denn auch ein freudiges Sprachgewirr, die kluge Maßnahme wird gut angenommen. Noch besser entdeckt man die Innenstadt nur zu Fuß, was wegen der geringen Distanzen ebenfalls problemlos möglich ist – und während London in Sachen Hektik selbst Berlin aussehen lässt wie ein Dorf aus dem 17. Jahrhundert, geht es auf Manchesters Straßen ganz entspannt zu. Wer sich auf den gängigen Webseiten informiert, wird bestimmt auch für seinen ganz persönlichen Manchester-Trip fündig.

 

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