Geisterort River Country

Das traurige Schicksal von Disneys erstem Wasserpark

River Country Disney
Nur bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass sich unter den Pflanzen und Blumen eine Wasserrutsche versteckt. Fotos wie diese aus dem Inneren des River Country Wasserparks gelangen dem Fotografen Seph Lawless
Foto: Seph Lawless

Mit Blumen bewachsene Rutschen, verwilderte Häuschen und eingestürzte Picknickbänke: Das ist alles, was von River Country, Disneys erstem Wasserpark in Florida, geblieben ist. Seit 16 Jahren ist hier keiner mehr gerutscht oder hat im Pool gebadet. Einem Fotografen sind Aufnahmen gelungen, die das traurige Schicksal des Wasserparks dokumentieren. Wie Disney auf die Fotos reagiert hat und warum die Schließung des Parks bis heute Rätsel aufgibt.

Am 20. Juni 1976 eröffnete in einer kleinen Stadt in Florida, Bay Lake, Disneys erster Wasserpark mit Pools, Rutschen, Schaukeln und weiteren Attraktionen für Familien. Er war Teil des Walt Disney World Resorts in Lake Buena Vista, einem riesigen Komplex, der 1971 eröffnete und zu dem heute mehrere Freizeitparks und Hotels gehören. River Country war der Name des Parks, der sein Wasser für die Attraktionen aus dem angrenzenden See bekam, in die Natur eingebettet und von Wald umgeben war. 2001 schloss der Vergnügungspark für immer seine Pforten.

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Warum wurde River Country geschlossen?

Und was bei einem rund 144-Milliarden-Euro schweren Unternehmen wie Disney die weitaus interessantere Frage ist: Warum lässt man den Park seitdem einfach verrotten? Genau wie um die Gründe für die Schließung ranken sich auch um letzteres Mythen. Ein offizielles Statement sucht man vergeblich, und auch auf Nachfrage von TRAVELBOOK wollte sich die The Walt Disney Company in den USA dazu nicht äußern.

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River Country Disney

Seerosen, Lianen und andere Pflanzen bedecken die Attraktionen von damals
Foto: Seph Lawless

Genauso wenig auch zu den Vorwürfen, Disney habe ein lebenslanges Hausverbot für den US-Fotgrafen Seph Lawless in allen Disney Worlds verhängt. Lawless, hat sich, wie er selbst sagt, illegal auf das dahinrottende Gelände des River Country begeben, um den Verfall eines Ortes zu dokumentieren, der einst der Inbegriff von Lebenslust, Freude und Vergnügen war. Seine Fotos zeigen, dass die Rutschen inzwischen bewachsen sind, die Picknickbänke längst eingestürzt. Um die Brückengeländer ranken sich Pflanzen, das Wasser im Pool ist nur noch eine moderige Brühe.

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River Country Disney

Das einst klare, filtritere Seewasser gleicht heute einer moderigen Brühe
Foto: Seph Lawless

Die Entdeckung

„Ich war schockiert und es hat mich traurig gemacht zu sehen, dass ein Unternehmen wie Disney die alten Teile des Parks nicht für einen anderen Zweck nutzt oder sie ordnungsmäß abreißt“, beschreibt Seph Lawless seine erste Reaktion im Interview mit TRAVELBOOK. „Ich denke es zeigt uns, dass sogar mächtige Firmen einen besseren Job machen sollten, wenn es darum geht, die Umwelt für uns alle zu verbessern.“ Entdeckt hat der 37-jährige Fotograf aus Cleveland (Ohio) das Gelände bei einem Besuch in Disney World, nachdem er sich laut eigenen Angaben ein Boot gemietet hat, um besser fotografieren zu können.

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Lawless, der die Fotos auch auf Instagram, Facebook und Twitter veröffentlicht hat, sieht in der Tragik des verlassenen Parks aber auch etwas wunderschönes, wie er gegenüber „buzzfeed.com“ sagt: „Sie (die Wasserrutschen, Anm. d. Red.) waren komplett mit Lianen und Blumen bedeckt. Ich glaube, es war das schönste, was ich je gesehen habe, von all den Projekten, an denen ich je gearbeitet habe.“

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Eine der überwucherten Wasserrutschen
Foto: Seph Lawless

Die Anfänge von River Country

Wie es in River Country einmal ausgesehen haben muss, zeigen Fotos, die heute unter privaten aber auch angeblich offiziellen Absendern wie Disney im Internet kursieren. Sie zeigen Erwachsene und Kinder, die knietief im Wasser stehen, oder auch einen Mann, der sich auf einer Reifenschaukel über den Pool schwingt.

Was die Fotos aus der Zeit, in der der Park geöffnet war, auch zeigen, ist, dass die Disney-Macher schon vor 40 Jahren wussten, wie sie eine Fantasiewelt für Menschen jeden Alters erschaffen konnten, in der diese das Gefühl haben sollten, sie sei zumindest für eine Zeit real. Die künstlichen Wasserfälle, die steinernen Mauern und Holzbrücken und die Verbindung zum See wirkten wie eine Verlängerung der Natur, in der man unbekümmert Spaß haben konnte.

River Country Disney

Ob an diesem Wagen einst Pommes und Eis verkauft wurden?
Foto: Seph Lawless

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Die Gestaltung mit Nähe zur Natur war natürlich kein Zufall, sondern Teil des Konzepts. Laut der Webseite „themeparktourist.com“ soll sich Disney von den Arbeiten Mark Twains inspiriert haben lassen und deshalb den Wasserpark passend zur ländlichen Umgebung gestaltet haben. So sollte der Pool, der vielmehr einer Schwimmhöhle glich, ein Ort sein, wo Romanheld Huckleberry Finn persönlich ein Bad genommen hätte.

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Hier konnten sich Besucher auf einer Reifenschaukel über den künstlich angelegten See schwingen
Foto: Seph Lawless

Der Plan schien aufzugehen, bereits im ersten Jahr sollen 4700 Gäste täglich den Park mitsamt des „Ol’Swimming Hole“, den Stränden oder einer Wasserrutsche mit dem Namen „Whoop’n’Holler Hollow“ besucht haben. Das geht aus Disneys Jahresbericht vor Aktionären hervor, den die Webseite zitiert.

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Der Blick in ein verlassenes Büro samt Stühlen und Dokumenten. Es wirkt, als hätten Mitarbeiter und Besucher den Park fluchtartig verlassen.
Foto: Seph Lawless

Rätselhafte Gründe für die Schließung

2001 schloss der Park pünktlich nach Saisonende – und eröffnete nie wieder seine Pforten für Besucher. Gründe dafür gibt es viele, bestätigt ist davon keiner. Laut einem Zeitungsbericht der „Orlando Sentinel“ vom 18. Juli 2002, der im Online-Archiv der Zeitung zu finden ist, soll der Wasserpark River Country zum Saisonbeginn im April 2002 aufgrund von ausbleibenden Besuchern nicht mehr geöffnet worden sein. So sollen Disneys andere Wasserparks, darunter Blizzard Beach und Typhoon Lagoon, welche 1995 und 1989 eröffnet wurden, zu dem Zeitpunkt wesentlich beliebter und besser besucht gewesen sein. In dem Bericht ist die Rede von 1,8 Millionen Besuchern im Jahr 2001 im Blizzard Beach bzw. 1,6 Millionen im Typhoon Lagoon, was sie zu den damals erfolgreichsten Wasserparks weltweit machten. River Country soll es nicht einmal in die Top 15 geschafft haben.

Rätselhaft ist auch die Geschichte, die an vielen Stellen zu lesen ist, über einen Jungen, der in dem Park gestorben sein soll. Grund dafür soll ein tödlicher Parasit in dem eigentlich filtrierten Wasser gewesen sein.

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Längst ist die Luft aus dem Schwimmreifen, der von Blättern bedeckt auf dem Boden liegt – und wohl nie wieder zum Einsatz kommen wird
Foto: Seph Lawless

Ob es letztendlich die wachsende Konkurrenz aus eigenen Reihen war, die Disney schließlich dazu bewog, den Park vor 16 Jahren zu schließen, oder ob die Entscheidung im Zusammenhang mit dem Todesfall steht, bleibt weiterhin rätselhaft. Letzteres erscheint aber angesichts der Tatsache, dass der Junge bereits im Jahr 1980, also 21 Jahre vor der Schließung, gestorben sein soll, als eher unwahrscheinlich. Fakt ist, dass der Wasserpark River Country am 20. Januar 2005 bekannt gab, nicht wiedereröffnen zu wollen. Lediglich der so genannte „Upstream Plunge“, ein von Wasserfällen flankierter Pool, wurde dem „Orlando Sentinel“ zufolge im Jahr 2016 trockengelegt und mit Erde aufgefüllt, damit niemand hineinfallen und ertrinken kann.

Ansonsten liegt der Park weiter brach, und lässt mit jedem Jahr mehr Pflanzen und Mythen um sich ranken.

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