Pläne für Wiederbelegung alter Bahnstrecke

Wie Usedom 2 Stunden näher an Berlin rücken könnte

Die „Badewanne Berlins“ wurde die Insel Usedom Anfang des letzten Jahrhunderts genannt – und zu der Zeit brauchten die Berliner dorthin auch kaum länger als in das heimische Bad: Zwei Stunden dauerte die Fahrt an die See. Doch im Krieg wurde die Verbindung zerstört – und seitdem nicht wieder hergestellt. Vier Stunden fahren Bahnreisende jetzt. Doch das soll sich bald ändern. Neues Fahrtziel jetzt: zurück in die Zukunft.

Cornelia Tomerius Von Cornelia Tomerius

Für gewöhnlich wird mit der Zeit alles schneller. Unaufhaltsam schrumpfen Distanzen, rücken Orte – gemessen in der Fahrtzeit zwischen ihnen – kontinuierlich zusammen. Umso erstaunlicher, wenn es mal andersherum geht. Gut zwei Stunden lagen vor hundert Jahren zwischen Berlin und der Ostsee-Insel Usedom. Heute sind es: vier.

Über die Karniner Brücke ging es einst vom Festland auf die Insel. Von Kamp nach Karnin. Und über den Strom, wie der kleine Wasserweg zwischen Stettiner Haff und der Mündung der Peene in den Peenestrom genannt wird. 1875 wurde die Drehbrücke in Betrieb genommen und 1908 von ein- zu zweigleisig. Doch bald reichte auch das nicht, den Bedarf zu decken. Die Bedienung per Hand kostete einfach zu viel Zeit.

Was von der Karniner Brücke übrig blieb: die Hubbrücke, die vor der Sprengung der anderen Teile in die obere Position gebracht wurde. 35 Meter ist das Stahlmonster hoch, auf 28 Meter hängt das Brückenteil.

Foto: dpa

Anfang der 1930er wurde daher eine Hubbrücke gebaut, deren Mittelteil von an Seilen hängenden Gewichten immer dann gehoben wird, wenn durchfahrende Schiffe Platz nach oben brauchen. Es war die modernste Eisenbahnhubbrücke Europas, und bald fuhren nicht nur Badegäste und Sommerfrischler darüber: Die Insel wurde auch militärisch interessant und zum Standort eines Munitionslagers bei der Stadt Usedom und der Heeresversuchsanstalt Peenemünde.

Doch die Brücke sollte nicht lange die Insel mit dem Festland verbinden: Um den Vormarsch der Roten Armee zu erschweren, sprengte die Wehrmacht im April 1945 die landnahen Teile, sodass der Weg auf die Insel nicht mehr passierbar war. Die monströse Hubbrücke in der Mitte des Stroms blieb bestehen. Doch komplettiert wurde sie danach nie wieder. Schließlich lag die Endstation der Strecke nach dem Krieg in Polen: Aus Swinemünde war Swinousjsce geworden, aus der Insel eine geteilte, über die Schienen kreuzte die Grenze.

Weitere Sehenswürdigkeiten auf Usedom hier in der Bildergalerie:

Im Frühjahr 1990 wollte man die Hubbrücke gar abreißen. Doch eine Kolonie der seltenen Turmfalken, die sich die Stahlkonstruktion als Brutplatz auserkoren hatte, und eine Herde Naturschützer, die bei jeder Gelegenheit eifrig darauf aufmerksam machten, verhinderten vorerst das Vorhaben. Und so steht sie bis heute im Strom – fungiert als Heimstätte für Falken und als Fotomotiv für Usedom-Urlauber, die hier nach all den Sandburgen am Strand zwar einen ebenso nutzlosen, aber immerhin beständigeren Bau vor die Linse bekommen.

Bis ins Jahr 2000 kam man nicht mit dem Zug auf die Insel. Dann wurde der Neubau der Peenebrücke in Wolgast eingeweiht, auf der neben den Autos auch die Usedomer Bäderbahn (UBB) verkehrte. Diese brachte Besucher aus südlicher Richtung in einem großen Bogen über den Nordzipfel in die Kaiserbäder Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin – immer entlang der Küste, was beschaulicher klingt, als es ist. Denn das Meer sieht man vom Zug aus nur einmal kurz. Etwa vier Stunden dauert die Fahrt von Berlin, Umsteigen in Züssow.

Zeit genug zum Träumen: Etwa davon, dass die alte Brücke bei Karnin wieder aufgebaut wird und die Züge dann nur noch zwei Stunden bis auf die Insel brauchen. Ein Traum wäre das übrigens nicht nur für überzeugte Bahnfahrer, sondern auch für alle, die das Auto nutzen – und nach einem Wochenende an der See oft gleich jeden Erholungseffekt im Stau ersticken. Der Verkehr von der „Badewanne Berlins“, wie man Usedom in den 1920ern nannte, er floss nur langsam ab.

Die Bahnstrecke von Berlin nach Usedom

Foto: Grafik: Travelbook.de

„Usedom ist eine typische Eisenbahninsel“, erklärt Dr. Günther Jikeli TRAVELBOOK, „es gibt kaum Platz für breite Straßen, und gut für die Umwelt ist der Autoverkehr ohnehin nicht.“ Jikeli ist Sprecher des Aktionsbündnisses Karniner Brücke, das im April 2010 gegründet wurde und sich die Revitalisierung der alten Eisenbahnstrecke über eine neue Brücke bei Karnin zum Ziel gesetzt hat. Kein leichtes Unterfangen, schließlich steht das Vorhaben seit 2003 im Bundesverkehrswegeplan – geschehen indes ist bisher: nichts.

Die Strecke sei unwirtschaftlich, anderes wichtiger – so lautete die Antwort auf Kleine Anfragen im Bundestag im Frühjahr 2012. Den Wiederaufbau der Eisenbahnstrecke Ducherow–KarninSwinemünde einschließlich der Karniner Hubbrücke lehnten die Politiker ab. Da nützten auch die vielen gesammelten Unterschriften nichts oder die zahlreichen Unterstützer aus Politik und Wirtschaft, zu denen unter anderem der damalige Regierende Oberbürgermeister Berlins, Klaus Wowereit, zählte. Das einzige, was die Politiker interessierte, war das Kosten-Nutzen-Verhältnis. Und das war mit einem Wert unter 1 einfach nicht groß genug.

Auch an Polen denken

Wie so oft half schließlich eine Horizonterweiterung: Das Gutachten, auf das sich die Berechnung bezog, war nicht nur ein paar Jahre alt, sondern betrachtete nur die deutsche Seite der Insel. Schaut man jedoch auch nach Polen und die möglichen Effekte dort, wie es Prof. Klüster von der Uni Greifswald und sein Team in seinem jüngsten Gutachten taten, macht die Brücke gleich viel mehr Sinn. Schließlich profitieren nicht zuletzt auch Swinemünde (44.000 Einwohner) und der Tourismus dort, wenn die Leute leichter hinkommen.

„Wir sind guter Dinge, dass die Wirtschaftlichkeit durch die Einbeziehung der polnischen Verkehrsströme auf weit über 1 kommt“, gibt sich Jikeli zuversichtlich, „und das Vorhaben in den neuen Bundesverkehrswegeplan aufgenommen und dann auch realisiert wird.“ Nicht nur die blanke Zahl dürfte ziehen, sondern vor allem die Sekundäreffekte wie Umweltschutz und Auswirkungen auf den hiesigen Arbeitsmarkt – die Arbeitslosenquote ist im Süden der Insel besonders hoch.

70 Jahre Schienenersatzverkehr

Und natürlich dürfte der Tourismus profitieren: Experten sehen in den Stauproblemen auf der Insel sogar eine Ursache, warum das Geschäft mit den Urlaubern hier zeitweise rückläufig war. Wer das Auto stehen lassen wollte, den verschreckte die lange Anreise. In Warnemünde ist man von Berlin schneller als auf Usedom. Da mag der Strand bei Ahlbeck noch so schön sein – am Ende entscheidet oft, wo man schlicht am schnellsten sein kann. Mit der neuen Brücke wäre Usedom schließlich auch eine Option für alle Berlin-Besucher, die mal eben an die Ostsee wollen.

100 Millionen würde die Revitalisierung der alten Strecke kosten. Ein großer Teil dürfte aus EU-Mitteln stammen, das grenzüberschreitende Konzept macht es möglich. Was auch für das Vorhaben spricht: Es handelt sich nicht um einen Neubau, sondern lediglich einen Lückenschluss, so Jikeli zu TRAVELBOOK.

In diesen Monaten werden seitens des Bundes alle Anträge auf Aufnahme oder Wiederaufnahme in den Bundesverkehrswegeplan 2015 (der bis 2030 gelten soll) geprüft. Im Sommer wird dann eine Entscheidung fallen. Bis dahin finden die Unterstützer des Aktionsbündnisses auf jeden Fall einen Grund zum Feiern. Im April nämlich ist es 70 Jahre her, dass die Brücke gesprengt wurde. „Dann feiern wir 70 Jahre Schienenersatzverkehr,“ so Jikeli, „das hat es so wohl noch nicht gegeben.“

15000 Unterschriften hat das Aktionsbündnis Karniner Brücke bisher gesammelt. Hier geht es zur Internetseite des Bündnisses.

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